Kindle und Tolino im Vergleich

Als Kommentar zu Berichten über den Tolino shine las ich jetzt des öfteren: Warum soll ich mir den nun den Tolino kaufen statt eines Kindle von Amazon? Soll ich gar vom Kindle Paperwhite auf den Tolino umsteigen? Deshalb hier ein paar Argumente pro und kontra.

1. Offenheit

In der Pressekonferenz zum Tolino fiel das Wort “Offenheit” sehr häufig. Ja, die neue Plattform, auf die der eReader zugreift, ist offen. Offen für Bücher von anderen Anbietern, solange sie das ePub- oder PDF-Format besitzen und kein exklusives DRM tragen wie die eBooks von Apple. Auf den Geräten selbst ist jedoch ein fester Store vorinstalliert, der sich derzeit noch nicht wechseln lässt. Und die Bücher, die man in diesem Laden kauft, besitzen nach wie vor einen Kopierschutz (von Adobe). Insofern also kein wirklicher Vorteil für Tolino, denn durch die deutsche Preisbindung ist die Motivation gering, in möglichst vielen verschiedenen Läden einkaufen zu können. Ergebnis: unentschieden.

Tolino 1 – Kindle 1

2. Hard- und Software

Der Tolino ist auf den ersten Blick ein ordentliches, zeitgemäßes Gerät zu einem guten Preis. Amazon wird den Preis des Paperwhite vermutlich ebenfalls auf 99 Euro senken. Der Speicher des Tolino lässt sich erweitern, der des Kindle Paperwhite nicht. Ansonsten gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Der Tolino läuft unter Android, dürfte also schnell zur Hacker-Spielwiese werden (ich hoffe ja auf die Kindle-App auf dem Gerät) – doch auch am Linux-System des Kindle Paperwhite basteln unabhängige Entwickler fleißig herum. Ergebnis: unentschieden.

Tolino 2 – Kindle 2

3. Cloud

Das von vielen unterschätzte Feature des Tolino. Ich habe oft genug von Kindle-Nutzern gehört, die eben kein WLAN zuhause besitzen. Ohne Funknetz macht der Kindle keinen Spaß – und 3G gibts nur für einen ordentlichen Aufpreis. Die Bundesrepublik ist jedoch mit Telekom-Hotspots übersät. Wer nicht gerade in der Einöde wohnt, dürfte einen Bahnhof oder Flughafen finden – oder eine Filiale eines der Partner, wo ebenfalls WLAN-Nutzung möglich sein soll. Dazu die vom Kindle bekannte Bequemlichkeit, mit der die eigene Bibliothek mit der Cloud synchronisiert wird: Daran gewöhnt sich der Kunde schnell. Aber: auch hier kann Tolino keinen riesigen Vorteil für sich verbuchen. Ja, ich habe 25 GB statt “nur” 5 GB für persönliche Dokumente – doch selbst die 5 GB habe ich nie ausgenutzt. Ergebnis: unentschieden.

Tolino 3 – Kindle 3

4. eBook-Auswahl

Durch die Flexibilität beim Buchbezug entgeht dem Tolino-Besitzer fast kein eBook. Fast – denn durch KDP ist Amazon gelungen, doch eine ganze Reihe interessanter Titel zumindest temporär an sich zu binden. Ein Pluspunkt für Kindle könnte dabei noch die Leihbibliothek sein. Aber: Tolino unterstützt dafür die Onleihe der städtischen Bibliotheken, die ebenfalls eine Menge kostenloses Lesematerial bietet. Außerdem erlaubt Tolino auch Zugriff auf die Bestände solcher Indie-Bookshops wie Beam eBooks, die DRM-freie Titel anbieten. Ergebnis: unentschieden.

Tolino 4 – Kindle 4

Fazit

Der Tolino shine bietet keine echten Gründe für einen Umstieg. Darum geht es aber auch nicht. eReading ist ein Wachstumsmarkt – und wenn die Partner es schaffen, zumindest jeden zweiten neuen eLeser für sich zu gewinnen, dürften sie die selbst gesteckten Ziele erreichen.

Ach ja: ein winziges Argument könnte für manchen Käufer für den Tolino sprechen: Die Telekom-Cloud wird nach deutschen Datenschutz-Gesetzen betrieben, nicht nach amerikanischen.

 

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3 Antworten auf Kindle und Tolino im Vergleich

  1. Kindle: Weltweit – kostenlos – Internet – für immer!

    Unschlagbarer Vorteil für den Kindle Keyboard 3G, den mir darum auch mein Kindle Fire HD Tablet (das ich auch habe) nicht ersetzen kann (für das es aber dafür eine epub-App gibt).

    Ich habe zum Vergleich das PocketBook in der ePaper-Version angeschafft, das Stadtbücherei-KundInnen zur Nutzung der OnLeihe bei mir im Rathaus ausleihen können. Funktioniert auch, ist mit dem (teureren) Kindle Keyboard3G aber nicht zu vergleichen. Mit dem hält aber aus genanntem Grund auch kein Tolino, Kobo oder SonyReader mit.

  2. KatiaM sagt:

    Keine integrierten Wörterbücher, keine Textmarkierungsmöglichkeiten und keine Zoomfunktion für Abbildungen beim Tolino und eine wesentlich geringere Auswahl an fremdsprachigen Titeln. Sollte das nicht ein paar Pünktchen mehr für den Kindle ergeben?
    Es kann ja sein, dass meine persönlichen Präferenzen in die Kategorie absolute Randgruppe fallen, aber ich wage trotzdem zu vermuten, dass Ebook-Leser auch deshalb diese Technologie nutzen, weil es ihnen über den deutschen Buchmarkt hinaus einen leichteren, sehr viel preiswerteren und schnelleren Zugang zumindest zum englischsprachigen (der immerhin größte und vielfältigste), zum spanischsprachigen (hier sind die Preisersparnisse verglichen mit den gedruckten Titeln teilweise sehr erheblich), portugiesischen, französischen, italienischen und in einem etwas bescheidenerem Umfang zu einem Dutzend weiteren Sprachen bietet.
    Und die Markierungsfunktion ist zum Arbeiten mit Texten einfach unverzichtbar.

    • mmatting sagt:

      Ich persönlich glaube, dass deine Präferenzen auf viele early adopter zutreffen, aber eher weniger auf die breite Masse, die jetzt erschlossen wird. eReading ist noch ganz am Anfang (4% Anteil am Publikumsmarkt 2012).

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