Schreib-Tipp: Was tun, wenn Ihr Protagonist zu unsympathisch gerät?

Meine ersten Romane litten unter mehreren Problemen. Neben dem dramaturgisch suboptimalen Plot waren das vor allem die Charaktere, genauer gesagt: Charaktere, die zu unsympathisch waren.

Wie mir geht es vielen von Ihnen, die gerade über einem Roman brüten. Der Knackpunkt an der Sache: Man bemerkt das Problem mit den Charakteren nie so recht und wundert sich, wieso es Verlagsabsagen hagelt. Wer sensible Testleser hat, darf sich glücklich schätzen. Und wer die nicht hat? Und wieso ist das mit der Sympathie überhaupt ein Problem und wie kann es entstehen?

Unsympathische Charaktere per se sind nicht das Problem. Nichts einzuwenden gegen eine gewollt unsympathische Figur in Ihrem Roman. Im Gegenteil: Charaktere, die der Leser so richtig mit Lust verabscheuen kann, tun den meisten Romanen gut. Sie lösen starke Emotionen aus – und tragen mit dazu bei, dass der Leser im Lauf des Romans viele sehr unterschiedliche Emotionen spürt.

Heikel wird die Sache in zwei Fällen

  1. Der Charakter soll sympathisch sein und gerät Ihnen (zu) unsympathisch.
  2. Der Charakter soll tief und komplex werden und gerät Ihnen (zu) unsympathisch.

Zu unsympathisch heißt hier vor allem eins: Der Leser hat keine Lust, sich mit dem Charakter zu identifizieren. Oder, schlimmer noch, die Antipathie geht so weit, dass der Leser nicht mal Lust hat, etwas über diesen Charakter zu lesen.

Fall 1 ist leichter zu lösen. Ganz entscheidend hierbei ist der erste Eindruck. Wie im Leben beeinflusst der auch in der Literatur die weitere Wahrnehmung des Charakters.

Daraus ergibt sich die erste Maßnahme: Sorgen Sie für einen positiven ersten Eindruck. Hat Ihr Charakter den einmal hinterlassen, kann nicht mehr viel schiefgehen.

Fürs Weitere hilfreich ist es, wenn Sie seine oder ihre sympathischen Eigenschaften zeigen (in einer Szene), statt sie nur zu behaupten (indem Sie sie lediglich erzählen). Umgekehrt können Sie dem Charakter durchaus auch weniger angenehme Eigenschaften mitgeben, ohne den guten Eindruck zu schädigen, indem Sie die unsympathischen Charakterzüge lediglich erzählen oder weniger eindringlich schildern als die sympathischen.

Damit berühren wir auch schon Fall 2: Wie wird ein Charakter tief und komplex, ohne dabei unsympathisch zu werden?

Beginnen Sie auch hier mit einem positiven Ersteindruck. Anschließend können Sie sympathische und unsympathische Eigenschaften ausbalancieren, um einen Charakter zu erschaffen, der eben nicht einfach nur nett ist.

Ein kleiner Trick: Je negativer, also auch je unsympathischer ein Wesenszug des Charakters ist, desto später sollten Sie den in Ihrem Roman bringen. Der Leser hat sich längst seine Meinung gebildet – auf einer unbewussten, vor allem emotionalen Ebene. Die neue, sehr negative Information (zum Beispiel hat der Charakter jemanden erschossen) wird vom Leser dann in erster Linie kognitiv, also mit dem Intellekt verarbeitet – und kommt kaum gegen die positive Emotion an, die schon im Leser vorhanden ist.

Verwenden Sie diesen Trick mit Bedacht und sparsam, das heißt, beschränken Sie ihn auf einen Ihrer Charaktere und werden Sie nicht zu extrem mit dem Negativen. Sonst hat dieser effektive Trick eine unerwünschte Nebenwirkung: Statt den Charakter für seine Tat zu verabscheuen, trifft die Abscheu den Autor, denn die beiden so gegensätzlichen Informationen über die Romanfigur fügen sich im Leser nicht mehr zu einem Bild ihres Charakters.

Als Autor sind Sie für den Leser maximal so gut wie Ihre Charaktere.

Stephan Waldscheidt

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

Ein Kommentar

  1. Das alles ist sehr speziell für eine Sorte Geschichten – für die mit den sympathischen Hauptfiguren. Lieberomane zum Beispiel, in denen die Protagonisten einen Leidensweg durchlaufen, ehe sie sich „kriegen“, oder auch „Schicksalsromane”. Dieses Leiden wird vom Leser stärker empfunden, wenn die Betroffenen „sowas“ eigentlich „nicht verdient“ haben. Ein Buch, das von jemandem erzählt, der sich erst noch als Held entpuppt, funkioniert besser, wenn die betreffende Figur vorher eher fragwürdigen Charakters ist – zu still, zu duckmäuserisch vielleicht sogar Opportunist oder (Klein)Krimineller. Läuterungsstory funktioren nicht mit rundurm sympathischen Ausgangsfiguren. Und sowas wie Dr. House benutzt sogar ausdrücklich ein Ekel als Zentrum – ohne, dass man ihn dem Zuschauer als „Verabscheuungsobjekt“ präsentieren würde.
    Der Knackpunkt bei dem Thema ist nicht der Sympathiefaktor per se. Zum Problem wird es in der Tat nur, wenn – weil es der Autor so will und/oder das Genre es quasi verlangt – die Figur sympathisch sein soll, es aber nicht ist. Nur: Figuren müssen eben nicht unbedingt sympathisch sein, auch Hauptfiguren nicht.

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