Stiltipps: So verbessern Sie Wahrnehmungen Ihrer Charaktere und steuern das Auge des Lesers

Wahrnehmungen, scheinbar simple Vorgänge, geraten stilistisch schnell aus dem Ruder. Unordentlich, umständlich und unlogisch präsentiert, verursachen Sie beim Leser Verwirrung, statt durch Stringenz für ein flüssiges Leseerlebnis und mehr Spannung zu sorgen.

Sehen wir uns folgenden Text an, einen für Anfänger sehr typischen Text, und überarbeiten wir ihn dann.

Paul erwachte. Er bekam kaum Luft, und in dem Nebel konnte er zuerst nur den felsigen Grund unter sich spüren.

Wo bin ich?

Paul versuchte vergeblich, sich zu bewegen, und da begriff er, dass er gefesselt und geknebelt war. Er hob den Kopf und blickte um sich, so gut er konnte. Er sah, dass er keinen halben Meter vom Rand einer Klippe entfernt lag. Den Boden konnte er aus seiner Position heraus nicht erkennen.

Ein nicht weiter auffälliger Text, nicht wahr? Hätten Sie auch so schreiben können, oder? Und doch steckt da so viel Verbesserungspotenzial darin! An die Arbeit.

Er bekam kaum Luft, und in dem Nebel konnte er zuerst nur den felsigen Grund unter sich spüren.

Warum alles in einen Satz packen? Das kaum Luft bekommen und das Spüren des Felsens gehören ja logisch oder thematisch nicht so eng zusammen, dass sie sich den Platz in ein und demselben Satz zwingend verdient hätten.

Stilistisch schöner ist es, wenn Sie die »konnte«-Konstruktion mit einer knapperen, direkteren Konstruktion ersetzen:

Er bekam kaum Luft. Im Nebel spürte er …

(Das »konnte« steckt hier in der Beschreibung des Nebels. Eine direktere Schreibe macht den Text flotter und flüssiger und lässt dem Leser mehr Raum, sich selbst seine Gedanken zu machen oder, wie in dem einfachen Fall hier, das Gemeinte, also das »konnte«, unbewusst zu spüren.)

Wo bin ich?

Paul versuchte vergeblich, sich zu bewegen, und da begriff er, dass er gefesselt und geknebelt war.

Wir sind in Pauls naher personaler Perspektive, was das »Wo bin ich?« verrät. Ohne Erklärung, dass er das denkt, und ohne ein distanzierendes Imperfekt. Unmittelbarer geht es nicht. Der Satz danach fällt daher als unnötig umständlich und indirekt auf.

Warum also nicht hier:

Paul versuchte vergeblich, sich zu bewegen. Er war gefesselt!

Noch eine kleine Unschönheit: Paul versucht, sich zu bewegen – und erkennt (unter anderem), dass er geknebelt ist. Macht ja logisch nicht so viel Sinn, das in diesen Zusammenhang zu stellen. Dass Paul geknebelt ist, könnte er dann in einem separaten nächsten Satz bemerken.

Von der Logik her würde das mit dem Knebel weiter oben hinpassen: nämlich an die Stelle, wo Paul wenig Luft bekommt.

Er hob den Kopf und blickte um sich, so gut er konnte. 

Trauen Sie Ihren Lesern mehr zu. Sie brauchen nicht jede Kleinigkeit/Selbstverständlichkeit hinzuschreiben. Der Leser weiß, dass Paul gefesselt ist, das haben Sie ja gerade erst geschrieben. Dass er in seiner Bewegung eingeschränkt ist, brauchen Sie nicht eigens zu erwähnen. Mehr noch: Es stört den Leser, wenn Sie so etwas häufiger tun.

Es würde genügen:

Er blickte sich um.

Obwohl wir da, siehe oben, schon wieder in einer weiter entfernten Perspektive wären. Sprich: Sie können das komplett streichen und einfach direkt schreiben, was Paul wahrnimmt.

Er sah, dass er keinen halben Meter vom Rand einer Klippe entfernt lag. 

Da niemand sonst hier ist, der sehen kann, und es klar ist, dass Paul die Nähe zum Abhang per Sehsinn und nicht mit seiner Nase wahrnimmt, kann man den Anfang getrost streichen. Was als angenehmen Nebeneffekt auch noch die holprige Konstruktion mit »dass« verschwinden lässt.

Er lag keinen halben Meter vom Rand einer Klippe entfernt.

Weiter:

Den Boden konnte er aus seiner Position heraus nicht erkennen.

Auch hier findet sich Überflüssiges. Seine Lage ist dem Leser bekannt, darüber haben Sie ja gerade geschrieben. Wenn Sie es noch enger sehen wollen: Natürlich ist Paul in seiner Position. In wessen Position sonst?

Auch das »konnte« braucht der Leser nicht. Wenn wir mit dem Satz zudem die Beschreibung von Pauls unglücklicher Lage abschließen wollen, kommt ein knackiges Ende besser. Warum nicht schlicht so:

Kein Boden in Sicht.

Der ganze Textausschnitt wirkt unsortiert. Der Autor schickt den Leser in seinen nachgefühlten Wahrnehmungen von hier nach dort, sodass sich kein klares Bild der Situation ergibt. Hier hilft es, wenn Sie sich in Ihren Charakter hineinversetzen und die Beobachtungen in der wahrscheinlichsten oder dem Charakter oder der Situation gemäßen Reihenfolge beschreiben. Beispielsweise ist es für die meisten Menschen nach dem Aufwachen wohl schlimmer, wenn sie keine Luft bekommen, als wenn sie sich nicht bewegen können. Also beginnen Sie die Beobachtungen bei der Atemnot.

Das könnten Sie dadurch noch stärken, indem Sie aktiver einsteigen, das heißt, indem Sie Paul etwas tun lassen.

Zum Beispiel: Paul bemerkt, er kriegt wenig Luft. Dann merkt er, wieso: Er ist geknebelt. Anschließend will er, logisch, den Knebel wegreißen – und bemerkt dann, dass er sich nicht bewegen kann. Weil er auch noch gefesselt ist. Als nächstes nimmt er die Umgebung wahr – und weil wir nahe bei Paul sind, reicht es, die Umgebung ohne einen Einschub der Wahrnehmung zu beschreiben. Der Leser ist (oft) schlauer, als Sie denken.

Paul erwachte. Er bekam keine Luft. Er war geknebelt! Er wollte den Knebel wegreißen, aber seine Arme waren gefesselt. Nebel. Unter ihm kalter Fels. Wo bin ich? Paul hob den Kopf. Er lag keinen halben Meter vom Rand einer Klippe entfernt. Kein Boden in Sicht.

In der überarbeiteten Variante erzählten Sie von Beginn an eine geordnete, in sich schlüssige Geschichte, anstatt von einer Wahrnehmung zur nächsten zu springen und das Handeln zu vernachlässigen. Stilistisch besteht bei unserer neuen Fassung noch immer Verbesserungspotenzial, aber Sie haben die meiste Arbeit erledigt. Und der Leser ist drin in Ihrer Geschichte.

Die neue Fassung ist zudem statt 74 nur noch 45 Wörter lang und hat statt 412 Anschlägen nur noch 259 – eine Verkürzung auf 63 %, was von einem Fünfhundertseiter nur noch dreihundert Seiten übrig lässt.

Fiese Fangfrage zum Schluss: Welche Version hat der Leser wohl schneller gelesen?

Antwort: Die ursprüngliche. Denn er legt das Buch nach ein paar Seiten frustriert, verwirrt, gelangweilt weg.

Ihr Buch nicht.

Stephan Waldscheidt

Als John Alba schreibt er eine Reihe von Mystery-Thrillern, deren erster Roman jetzt erschienen ist: ZWINGER.

Was würdest du tun, um die Liebe deines Lebens von den Toten zurückzuholen? Was würdest du opfern, um deinem Zwinger zu entfliehen?

Eine Krankenschwester, die Männer in eine Falle lockt, um ein wahnsinniges Experiment durchzuführen. Ein indisches Mädchen, als Sklavin gehalten, das kein weiteres Mal sterben will. Ein Familienvater, der in einem Zwinger gegen den Hungertod kämpft, für seine kleine Tochter – und gegen die Zeit.

Drei Schicksale für immer verbunden. Ein dunkles Wesen, das im Tode lauert. Kein Entkommen.

Paperback bei Amazon, E-Book für KindleE-Book für Tolino u.a.

Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

2 Kommentare

  1. Sorry, aber die Alternative ist stilistisch und logisch mehr als zweifelhaft:
    1. wenn jemand keine Luft bekommt, wie es in Ihrer Alternative steht, ist er nun mal tot.
    2. wir atmen immer noch durch die Nase, ein Knebel hat mit dem Atmen so unkommentiert erst einmal gar nichts zu tun
    3. wenn man im Nebel liegt, kann man normalerweise nichts sehen
    4. Da er auf einem “Felsen” liegt, ist “Kein Boden in Sicht” schon mal per se unhaltbar
    Fazit: Was auch immer Sie darlegen wollten, die erste Version ist logischer. Und kürzen, allein, um zu kürzen, ist noch immer Unfug. Sie hatten eine gute Idee, Sie haben Sie schlecht umgesetzt

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