Ausprobiert: Künstliche Intelligenz für Schreibende – was kann sie schon?

In den letzten Jahren wurde viel über Künstliche Intelligenz geredet, und manch einer befürchtet gar, dass KIs die Welt übernehmen könnten. Aber wozu genau sind Maschinen eigentlich fähig? In diesem Artikel werden wir einige interessante Möglichkeiten erkunden, wie Sie KI nutzen können, um Ihr Leben als Romanautor einfacher und effizienter zu gestalten.

Nein, das werden wir nicht. Die Einleitung hat eine KI geschrieben, der ich die Frage gestellt habe, was KIs für Autor*innen tun können. In Science-Fiction-Romanen sind Künstliche Intelligenzen ja bereits Realität. Je nachdem, wen man fragt, werden sie irgendwann, a) die Weltherrschaft übernehmen oder b) zumindest einen großen Teil der Menschheit arbeitslos machen, vielleicht auch c) zum hilfreichen Werkzeug wie heute der Computer werden oder aber d) stets ein Spielzeug bleiben, weil sie nie auch nur am entferntesten an die Intelligenz und vor allem Kreativität des Menschen herankommen.

Die Formulierung verrät schon, dass ich Szenario d für wenig wahrscheinlich halte. Es schreibt der menschlichen Intelligenz etwas Übermenschliches zu, an das ich persönlich nicht glaube. Unsere Intelligenz war die Folge der Evolution, eines reproduzierbaren Prozesses, der sich ganz bestimmt auch auf Maschinen übertragen lässt, die ähnlich leistungsfähig sind wie wir. Tatsächlich wissen die Biologen heute, dass deutliche kleinere Gehirne als das menschliche zu erstaunlich intelligenten Leistungen fähig sind.

Was die anderen drei Szenarien betrifft, wage ich keine Prognose. Dazu wissen wir noch zu wenig darüber, was Intelligenz überhaupt bedeutet, was sie mit Kreativität zu tun hat und welche Rolle Emotionen dabei spielen.

Kommen wir also zur Gegenwart. Darüber kann ich mit größerer Sicherheit schreiben. Die Künstliche Intelligenz, die uns Schreibende am stärksten interessieren sollte, heiß GPT-3. Die Abkürzung heißt “Generative Pre-trained Transformer”, was noch nicht allzu viel sagt, und die 3 ist die Versionsnummer. Das Programm erfüllt zwei Aufgaben. Anhand einer riesigen Textdatenbank ermittelt es, mit welcher Wahrscheinlichkeit auf bestimmte Inhalte bestimmte andere Inhalte folgen. Zum anderen weiß es, wie man Sätze formuliert, es kann also die ermittelten Wahrscheinlichkeiten auch zu Papier bringen. GPT-3 kombiniert also nicht etwa irgendwelche Sätze, die es im Web aufgeschnappt hat, zu neuen Sätzen, sondern arbeitet inhaltlich.

GPT wird von der Non-Profit-Firma OpenAI entwickelt. Um die Technologie testen zu können, muss man allerdings erst einmal einen Zugang beantragen (die Zuteilung dauert Monate) und dann dafür zahlen. Es gibt allerdings inzwischen kommerzielle Dienste, die GPT-3 nutzen, um damit bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Einen solchen Dienst habe ich in Conversion.ai gefunden; ein Testzugang fü 5 Tage uns maximal 5000 Wörter ist dort kostenlos. Die folgenden Beispiele habe ich mit deren Vorlage “Creative Story” generiert. Einen Roman, das sage ich gleich, kann GPT-3 derzeit nicht schreiben. Bei größeren Textmengen schweift es ab, es findet keinen roten Faden.  Es lässt sich aber auch für Romanautoren einsetzen, um z.B. automatisiert Hintergrundgeschichten für Protagonisten zu erzeugen. Bei einem Roman müsste man ähnlich vorgehen. Wer sehr detailliert plottet, kann jetzt schon damit Ideen holen, damit brainstormen.

Das Urheberrecht für alle generierten Texte gehört übrigens den Autor*innen (Nutzer*innen), nicht der KI. Nur natürliche Personen können Urheberrechte erwerben. Dem Programm legt man immer eine Eingabe (Prompt) vor und bekommt dann eine Ausgabe. Im Folgenden ein paar Beispiele.

Prompt (gekürzter Klappentext):

Im Jahre 2031 finden Forscher in den Signalen einer Roboter-Sonde, die den Saturnmond Enceladusstudiert, eindeutige Spuren biologischer Aktivität. Beweise für außerirdisches Leben – eine Weltsensation. Fünfzehn Jahre später macht sich ein eilig dafür gebautes, bemanntes Raumschiff auf die weite Reise zum Ringplaneten.

Ausgabe:

Es war ein strahlend sonniger Tag im Jahr 2031. Die Welt hatte 15 Jahre lang den Atem angehalten und wartete darauf zu erfahren, was wir auf dem Saturnmond Enceladus gefunden hatten. Endlich war es so weit, und die Welt wartete mit angehaltenem Atem, als ich die Bühne im NASA-Hauptquartier betrat. Meine Wissenschaftlerkollegen applaudierten, als ich meinen Platz einnahm und den Projektor einschaltete, der Fotos von weißen, eisbedeckten Bergen zeigte, die wie etwas aus einem Märchen oder einem dieser kitschigen romantischen Filme aussahen, die sie manchmal spät nachts im Fernsehen zeigen, wenn man nicht schlafen kann, weil die Freundin noch neben einem schläft. “Wir haben Leben entdeckt”, sagte ich in mein Mikrofon.

Prompt (gekürzter Klappentext):

Ein mysteriöses Objekt droht, unser Sonnensystem zu zerstören. Obwohl das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht, nimmt niemand die Entdeckung der jungen Astrophysikerin Maribel Pedreira ernst.

Output:

Im Jahr 2071 werden die lang gehegten Pläne der Menschheit, andere Planeten zu erforschen, endlich verwirklicht. Das Projekt mit dem Codenamen “The Great Exodus” war ursprünglich mit einem Zeitrahmen von über zwei Jahrzehnten geplant, aber nach einigen Jahren wurde klar, dass mehr Zeit benötigt werden würde, um den Plan gründlich umzusetzen. Ungefähr zu dieser Zeit geschah etwas Außergewöhnliches – ein ungewöhnliches Objekt wurde in der Erdumlaufbahn gesichtet und die Experten waren verblüfft über seine Eigenschaften. Es war von Anfang an klar, dass diese mysteriöse Kraft, wenn sie unkontrolliert blieb, sehr wohl eine Katastrophe für alle Lebensformen auf unserem Planeten bedeuten könnte. Als Maribel Pedreira ihre Erkenntnisse auf einer Konferenz in Washington D.C. vorstellte, hoffte sie daher, dass man endlich aufhorchen würde.

Prompt (gekürzter Klappentext von Gerda Greschke-Begemann):

Nachhause kommen in den Teutoburger Wald: Das sind Wanderungen im sanften Mittelgebirge durch dichte Wälder, über offene grüne Fluren oder entlang frischer Bachtäler. Es ist das Aufsuchen geheimnisvoller Orte in erhaltenen Naturlandschaften mit reicher Artenvielfalt

Output:

Der alten Frau lief die Zeit davon. Sie war immer ein Geschöpf des Waldes gewesen, lebte von der Natur und ihrem eigenen Verstand. Jetzt konnte sie sich kaum noch bewegen, ohne Schleim auszuhusten oder nach Luft schnappen zu müssen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie diese Welt ganz verlassen würde, aber nicht, bevor sie einen letzten Ort auf ihrer Liste abgehakt hatte: Tregeerhoeken im Teutoburger Wald. Sie wusste, dass es viele Geschichten darüber gab, warum dieser Ort einen so unheilvollen Namen hatte – einige sagten, er bedeute “Ort, an dem die Bäume schief wachsen”, während andere sagten, er beziehe sich auf wilde Tiere, die nachts herunterkämen, um ihre Wunden an den Hängen zu lecken – aber das war jetzt alles egal.

Prompt (gekürzter Klappentext von Gaby Wohlrab):

Ein Winter, der ewig währt …Ein Mädchen, das den Feenkönig überzeugen will, den Fluch des Winters aufzuheben … Seit sie sich erinnern kann, lebt Tia in einem Königreich, in dem der Winter niemals vergeht. Sie ist überzeugt, dass die Feen die Schuld daran tragen, und setzt alles daran, den Feenkönig ausfindig zu machen.

Output:

Du kennst die Geschichte. Du kennst sie gut. Sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben und mit jeder Erzählung wurden mehr Details hinzugefügt. Die Geschichte von Tia, die in einem ewigen Winter geboren wurde, der niemals aufhörte, und wie sie ihren Mut zusammennahm, um sich auf die Suche nach dem Feen-König zu machen, um Antworten zu finden; und hier bist du nun wieder und hörst zu, wie deine Mutter sie beim Abendessen noch einmal erzählt. Du bist alt genug, um nicht mehr alle Details wie früher zu brauchen, aber dieser Abend wird anders sein als alle anderen zuvor, denn heute Abend erreicht Tia endlich ihr Ziel: Kingdom Valley, wo alles grün und lebendig ist, trotz dessen, was gleich hinter seinen Grenzen liegt. Dieses Mal bemerkst du etwas Neues an Tias Augen.

Prompt (gekürzter Klappentext):

Nick hält zwar den offiziellen Weltrekord für Starts ins All, aber eigentlich reizt ihn sein Astronauten-Job schon lange nicht mehr. Erst, als seine Frau ihn verlässt, ändert er sein Leben. Er geht auf das verlockende Angebot eines russischen Milliardärs ein: Wenn er eine simple Reparatur auf dem Neptun-Mond Triton übernimmt, ist er bei seiner Rückkehr mehrfacher Millionär.

Output:

Ich hatte keine Ahnung, was ich auf Triton machen sollte. Sicher, sie sagten, es wäre ein einfacher Reparaturjob und das war alles, was ich hören wollte. Aber in dem Moment, in dem meine Stiefel den Boden betraten, fingen die Dinge an, schief zu laufen – und nicht nur meinetwegen. Mit jedem Schritt auf dem luftleeren Mond taten sich mehr und mehr Risse in meinem Visier auf, bis es schließlich komplett durchgerissen war. Es tat nicht wirklich weh, aber es machte das Atmen viel schwieriger als zuvor, da es hier keinen Sauerstoff gab (außer man zählte das Methan). Und dann sah ich sie – eine wunderschöne Frau, die nach ihrer Kleidung und Hautfarbe, die sich von der monochromen Landschaft Tritons abhob, aussah, als käme sie von der Erde.

Fazit

GPT-3 und die bereits darauf aufsetzenden Dienste zeigen, dass Szenario c mit hoher Wahrscheinlichkeit wahr werden wird. Das heißt allerdings nicht, dass b oder auch a nicht noch dazukommen könnten. Es wird Bücher geben, die von KIs geschrieben wurden. Aber als Autor*innen haben wir anders als in anderen Branchen zumindest den Vorteil, dass handgeschriebene Bücher nicht schlechter (und manchmal auch besser) sein müssen als von KIs erdachte. Bis es so weit ist, wird die Beziehung zu den Lesenden immer wichtiger werden. Ein echter Autor, eine echte Autorin sind gewissermaßen die Bio-Landwirte des künftigen Schreibens.

Mehr zu GPT-3 in einem Interview von Joanna Penn.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

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