Checkliste: Warum sich Autoren und Selfpublisher Gedanken über ihren digitalen Nachlass machen sollten

Dennis Schmolk verantwortet bei BookRix “Sales & Social”, hat aber noch ein dunkles Leben neben dem Brotberuf: Er befasst sich zusammen mit Sabine Landes unter digital-danach.de mit Fragen rund um digitalen Nachlass und organisiert gerade die erste Fachkonferenz zum Thema. Worum man sich als Schriftsteller kümmern sollte, bevor man das Zeitliche segnet, schildert er in diesem Gastbeitrag.

Jeder Leser dieses Artikels hat ein mehr oder weniger ausgeprägtes digitales Leben, bestehend aus Daten, Identitäten, Kundenkonten, aber vermutlich auch aus Manuskript-Dateien, einem Mail-Archiv und zahllosen Online-Kontakten. Gerade für Autoren und andere Kreative hängen hieran große finanzielle und persönliche Werte, wenn nicht gar eine ganze Existenz. Das digitale Leben ist zudem ein häufig sehr öffentliches, das aus vielen “Gesprächen” besteht.

Nur die wenigsten Onliner stellen sich jedoch (rechtzeitig) die Frage, was mit diesen digitalen Daten und Werten passiert, wenn sie sterben – und wer sich um diesen digitalen Nachlass kümmert.

Vorsorge, Vorsorge, Vorsorge

Das Thema digitaler Nachlass ist relativ neu. Klar: Digitalaffine Menschen sind im Schnitt jünger, die betagten Generationen weniger aktiv im Umgang mit Computern und dem Internet. Klar ist aber auch: Die Digitalos der 90er und 2000er werden älter, und immer mehr ältere Menschen entdecken den Nutzen (oder auch den Spaß) an der Digitalisierung. Das heißt, dass vermehrt Menschen sterben, deren wichtigste Hinterlassenschaften vielleicht nicht im Regal oder auf dem Speicher liegen, sondern auf irgendwelchen Servern irgendwo in der Welt. Und leider, so schonungslos muss ich an dieser Stelle sein, betrifft das auch Sie und mich.

Der “Neuheit” des Themas ist geschuldet, dass es noch kaum sinnvolle Regelungen gibt. Das Erbrecht ist nicht überall anwendbar – wenn überhaupt klar ist, welches nationale Erbrecht ausschlaggebend ist. Nur wenige große Web-Dienste (wie Facebook und Google) haben das Thema auf dem Schirm. Viele Hinterbliebene kennen sich mit digitalen Welten schlechter aus als der Verstorbene. Und professionelle “Digital-Nachlassverwalter” gibt es zwar, aber auch sie können z.B. nicht immer dabei helfen, herauszufinden, was sich der Verstorbene eigentlich für seinen Nachlass gewünscht hat.

Das führt uns zu einer einfachen Schlussfolgerung: Wer seinen späteren Hinterbliebenen Leid ersparen und Arbeit abnehmen oder sichergehen will, dass sein Nachlass in seinem Sinne gepflegt wird, muss sich beizeiten selbst darum kümmern. Das gilt insbesondere für Selfpublisher mit vielen digitalen Verträgen, Online-Businesses, Marketing-Kanälen und Fans.

Über welche Bereiche des digitalen Nachlasses sollte man sich Gedanken machen?

Anhand der folgenden Checkliste kann sich jeder Selfpublisher, Autor oder auch zufällige Leser dieses Artikels selbst Gedanken machen, welche Bereiche seiner digitalen Identität er regeln kann, will, soll oder muss. Es ist sinnvoll, die Ergebnisse dieser Überlegungen festzuhalten. Das kann im Rahmen eines Testaments passieren, aber häufig hilft es den Hinterbliebenen schon, wenn überhaupt ein Dokument vorliegt. Aus diesem sollten drei Dinge hervorgehen:

  1. Was umfasst das eigene digitale Leben und wird somit zur Erbmasse?
  2. Was wünscht man sich für den jeweiligen Bereich?
  3. Wie erhalten die Hinterbliebenen Zugriff auf Daten oder Zugang zu Accounts und was ist zu beachten?

Erste Faustregel für den Fall, dass man Hinterbliebenen Account-Logins überlassen möchte: Es ist oft sinnvoller, das Masterpasswort zu einem Passwortmanager zu hinterlassen, als eine Liste unzähliger, ständig veralteter Passwörter. Zweite Faustregel: Je formeller man das Dokument aufsetzt, desto eher ist es im Streitfall auch juristisch durchsetzbar. Dritte Faustregel: Wer zu Lebzeiten bereits ahnt, dass es nach dem Tod Zoff geben wird, tut gut daran, sich rechtlich beraten zu lassen.

Checkliste: Digitaler Nachlass von Selfpublishern und anderen Autoren

  1. Allgemeiner digitaler Nachlass
    1. Der primäre Mail-Account: Viele Zugänge zu anderen Diensten lassen sich über die primäre Mailadresse zurücksetzen – das kann für Hinterbliebene sehr hilfreich sein. Auch die eintreffende Post gibt Aufschluss über digitale Aktivitäten und unterstützt die Hinterbliebenen, den Nachlass zu sichten. Und nicht zuletzt können digitale Kontakte auf diesem Weg über den Tod des Account-Inhabers informiert werden
    2. Relevante Online-Accounts: Von Amazon über Dropbox, Flickr und Trello bis hin zu Zalando haben einige Internetnutzer mehr Accounts als Bücher im Regal. Nicht alle sind wirklich relevant. Passwortmanager wie KeePass oder LastPass helfen bei der Organisation. Ansonsten leistet ein “Datentagebuch” gute Orientierungshilfe: Über einige Wochen notiert man sich alle Dienste, die man aktiv nutzt und hält auch gleich fest, was davon für Hinterbliebene relevant sein kann. (Das erzieht übrigens auch ganz gut zu Datensparsamkeit.)
    3. Wichtige Dateien: Was wichtige Dateien sind, ist naturgemäß individuell sehr verschieden. Scans von Verträgen, Buchhaltung, offene Rechnungen, aber auch Erinnerungsfotos, Briefe oder Softwarelizenzen können dazu zählen. (Und falls man Bitcoin oder andere Digitalwährungen in einer eigenen Wallet hält, sollte man auch an die wallet.dat denken …)
    4. Hardware: Natürlich sind nicht nur die Dateien auf dem PC oder Mac relevant, auch Fotos auf dem Smartphone, Notizen auf dem Tablet oder die immer weiter verbreiteten Wearable Devices (Smart-Watches, Datenbrillen) gehören zum digitalen Nachlass
  2. Das Werk und seine Auswertung
    1. Material: Recherchenotizen, Quellen, Skizzen, Fotos – Autoren nutzen viele verschiedene Materialien für ihre Werke, die möglicherweise in für Laien unbekannter Software wie Papyrus oder Jutoh “versteckt” sind
    2. Manuskripte in der virtuellen Schublade: Egal, ob ein Manuskript-Entwurf oder eine Skizze nun auf einem privaten Rechner, in der Dropbox oder schon im Editor eines Distributors liegt – all das sind Werkstücke, an deren Verbleib der Autor vermutlich ein großes Interesse hat
    3. Manuskripte bei Partnern: Ist die aktuellste Fassung zum Todeszeitpunkt gar nicht in den Händen des Autors, dann findet sie sich ggf. bei einem Lektor oder einem Agenten
    4. Bücher im Verkauf: Egal, ob man seine Bücher über einen Distributor wie Bookrix oder direkt bei KDP oder Tolino Media veröffentlicht – irgendwo werden Bücher verkauft, irgendwo laufen Tantiemen ein. Eine gute Dokumentation (auch der Verträge, Laufzeiten und eventueller sonstiger Ansprüche) kann für die Hinterbliebenen bares Geld wert sein!
    5. Die Buchhaltung: Nicht zu unterschätzen ist, dass die meisten Autoren als Selbstständige eine mehr oder weniger komplexe Buchhaltung leisten müssen – und leider oft die einzigen sind, die im Zettel-. Rechnungs-, Gutschrifts- und Belegs-Wirrwarr durchblicken. Wer seinen Angehörigen eine komplizierte Erbmassen-Analyse ersparen und den bürokratischen Aufwand gering halten will, sollte auch diesen Bereich bedenken (oder einfach einem Steuerberater anvertrauen)
  3. Online-Präsenzen als Autor
    1. Die eigene Website: Je nachdem, wie man als Autor eine eigene Website betreibt, kommt hier sehr wenig bis sehr viel Aufwand auf die Hinterbliebenen zu. Ein Blogspot- oder WordPress.com-Blog, deren Login-Daten man “vererbt”, macht weniger Arbeit als eine selbst gebastelte Website auf einem selbst gehosteten Server. Hier kann es sinnvoll sein, einen technisch versierten Freund oder Bekannten zu bitten, den Hinterbliebenen im Fall der Fälle beizustehen – oder zumindest alle Daten (Admin-Logins, Hosting Provider, Domain-Registrar, FTP- oder SSH-Zugänge, …) zu sammeln, damit im Fall der Fälle ein Dienstleister mit der Pflege betraut werden kann
    2. Social-Media-Kanäle: Viele Selfpublisher sind auch Marketer in eigener Sache und mehr oder weniger überzeugte Social Medians. Twitter-, Snapchat- und Instagram-Follower, Facebook-Fans und Newsletter-Abonnenten existieren natürlich auch über den Tod des Autors hinaus. Erstens stellen solche Reichweiten Werte dar (und wecken entsprechend eventuell Begehrlichkeiten). Aber auch der Content, mit dem man seine Gemeinde versorgt hat, ist ein Teil des digitalen Nachlasses. Autoren sollten sich die Frage stellen, was mit diesen Inhalten passieren soll und sich informieren, welche Möglichkeiten Gedenkprofile und Co. bieten. Für FB-Pages können auch zusätzliche Admins ernannt werden, für den Fall, dass dem “Haupt-Admin” etwas passiert. Und natürlich schadet es auch nicht, sich Gedanken über die Kommunikation des eigenen Todes zu machen (s.u.)
    3. Spezifische Communities: Viele Distributoren bieten ihren Autoren auch eine Community, in der sie sich mit Lesern und anderen Autoren vernetzen können. Zudem gibt es Plattformen für Leserunden, Social-Media-Gruppen für Buchwerbung und -diskussionen und unzählige weitere Angebote. Viele Autoren unterhalten hier Präsenzen oder beteiligen sich aktiv an den Gemeinschaften – und würden sich vermutlich wünschen, dass ihr Tod dort angemessen kommuniziert wird
    4. Author Central und Co.: Auch für die Autorenseiten in Shops gibt es administrative Backends – und nach dem Tod eines Autors kann (und sollte) hier natürlich ein Update stattfinden
  4. Kommunikationen
    1. Fans: Nach dem Tod eines Autors trauert nicht nur das direkte Umfeld, sondern hoffentlich auch die Riege der Fans und Stammleser. Um Angehörigen (die möglicherweise Laien in Sachen Online-Kommunikation und Publishing sind) Arbeit zu ersparen, ist ein zumindest grober Kommunikationsplan (Was – Wer – Wann – Wo/Welche Kanäle – Wie) sinnvoll. Und irgendwie schuldet man das ja auch seinen Fans
    2. Geschäftspartner: Autoren arbeiten mit einer ganzen Reihe von Menschen eng zusammen, z.B. mit Lektoren, Betreuern bei Distributoren, Shop-Ansprechpartnern, Werbepartnern und Bloggern. Auch diese Kontakte sollten im Lauf der Zeit informiert werden – nicht nur aus geschäftlichen Gründen, sondern auch als teilweise langjährige Weggefährten des Verstorbenen

Zum Abschluss: Kümmern Sie sich!

Dieser Artikel ist eine erste Anregung, sich Gedanken über das eigene digitale Leben nach dem Tod zu machen. Wichtig ist aber auch, mit den potenziellen künftigen Hinterbliebenen zu sprechen und sich auch mit Kollegen und Partnern auszutauschen.

Ansonsten: Bleiben Sie gesund – ich hoffe, dass die Informationen in diesem Artikel erst in vielen Jahrzehnten für Sie relevant werden!

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

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