Warum die eBook-Preise so sind, wie sie sind, warum das gut ist und wer wirklich verwirrt ist

Das Digital-Magazin Wired (nach der nunmehr dritten Wiederbelebung der Marke in Deutschland bitte ich um Verständnis, wenn die Bezeichnung vielleicht nicht ganz korrekt ist) zeigt in einem Artikel, dem nicht anzusehen ist, ob er nur online oder auch gedruckt erschien, große Verwirrung angesichts der eBook-Preise in Deutschland. Das kann ich so nicht unwidersprochen hinnehmen, auch wenn der Autor Kai Wels womöglich in der Materie nicht ganz unbeleckt ist.

Der Artikel konstruiert zunächst Verwirrung, wo es überhaupt keine gibt. Welcher Leser hat schon einmal etwas von “Plain Text oder Enhanced, Flowed oder Fixed Layout, ePub1, ePub2 oder ePub3, mit hartem DRM, Soft-DRM oder ganz ohne Kopierschutz” gehört? Neun von zehn eBook-Lesern, nämlich all die, die bei Amazon, Apple oder den Tolino-Händlern einkaufen, tippen auf “Kaufen”, und ein paar Sekunden später lesen sie los. Amazon hat es klar vorgemacht, doch auch auf den neuen Tolino-Geräten (und auf iPads eh) funktioniert das. Ausprobieren!

Aber auch auf Produzenten-Seite ist die Sache mit den Formaten ganz einfach. ePub (konkret: ePub 2) ist das Mittel der Wahl. Egal, wo man es anliefert, wenn es valide ist, nehmen Amazon, Tolino, Apple es an (Apple schaut vielleicht zusätzlich noch, ob auf dem Cover Hauttöne zu sehen sind). Klar, für aufwändigere Sachbücher wäre es schön, ePub 3 zu haben, und noch schöner, wenn das dann gleich aus Indesign fließen würde, statt es teuer per Hand bauen zu müssen. Aber der Markt für solche Produktionen ist eh begrenzt, und es ist nicht absehbar, ob oder wann sich das ändern wird.

Und die Preise? Da macht “jeder, was er will”. Das klingt für mich nach der Beschreibung eines Idealzustandes, sieht im Artikel aber wie ein riesiges Problem aus. Es ist doch toll, wenn Verlage bei der Preisfestlegung nicht den Vorgaben von Handelsketten folgen müssen. Amazon hätte zum Beispiel am liebsten eBook-Preise unter 10 Euro, das ist erklärtes Ziel. Trotzdem leisten es sich Verlage, eBooks für 12,99 Euro zu verkaufen. Tatsächlich verdient man in dieser Preisgruppe sogar ganz gut (meine Zahlen sind zwar von 2013, aber es dürfte sich da nicht viel geändert haben). Die zweithöchsten eBook-Umsätze laufen in der Kategorie um 8,99 Euro, die zufällig ziemlich genau “Taschenbuchpreis minus 20 Prozent” entspricht.

Umsätze pro Preisgruppe in den Top 1000 / Revenue by price range (Top 1000)
Umsätze pro Preisgruppe in den Top 1000 / Revenue by price range (Top 1000)

Haben wir tatsächlich einen “Mangel an kundenfreundlichen Preisen und Angeboten”? Den kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Die höchsten Umsätze erzielen eBooks in der 4-Euro-Kategorie, und die kommen schon lange nicht mehr nur von Self Publishern, sondern auch von Verlagen. Deren digitale Imprints kalkulieren inzwischen längst wie unabhängige Autoren und verdienen an einem Titel für 4,99 Euro gut. Dieser Markt wird, das zeigt ein Blick in alle eBook-Läden, von allen Anbietern gut und gern bedient.

Und warum funktioniert das so? Weil es in Deutschland eben keinen “Preiskampf der Monopolisten” gibt, der Buchpreisbindung sei Dank. Ob sie es wollen oder nicht, selbst die Branchenriesen können Bestseller nicht unter dem vorgegebenen Preis verkaufen. Und so setzen die Verlage natürlich ihre schon in Print-Zeiten erfolgreiche Strategie fort, mit zunächst teuren Bestsellern schwächere Titel querzufinanzieren (eine wesentliche Aufgabe eines Verlags nämlich, die Sicherung eines vielfältigen Buch-Angebots, die das Self Publishing aus naheliegenden Gründen kaum erfüllen kann).

Wer einmal versucht hat, ein eBook zu klauen, also aus einer illegalen Quelle zu laden und dabei schnell auf einer von vielen Fake- und Abzock-Seiten gelandet ist, der weiß, dass Bequemlichkeit oder “Format-Wirrwarr” garantiert nicht die Ursache sind, dass Menschen nach wie vor illegale Angebote nutzen. Und auch der Preis ist eher ein vorgeschobenes Argument, angesichts von Skoobe, Kindle Unlimited, Readfy… Wir sollten es diesen Nutzern wirklich nicht so einfach machen, ihr schlechtes Gewissen beiseite zu schieben – und uns ansonsten auf die große Mehrheit der ehrlichen Käufer konzentrieren.

Warum sind also die eBook-Preise, wie sie sind? Aus einer bunten Mischung von Gründen, nämlich: weil a) die Kalkulation das hergibt, b) diese Preise so von den Käufern akzeptiert werden und c) das Konkurrenz-Umfeld (und dazu gehören zunehmend auch Self Publisher) den jeweiligen Preisrahmen bestimmt.

Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat ĂĽber 50 BĂĽcher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. FĂĽr sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der MĂĽnchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet auĂźerdem als Kolumnist fĂĽr das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor fĂĽr SPACE, Federwelt und Telepolis. SchlieĂźlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

7 Comments

  • Immerhin, dass Amazon EPUB2 nimmt, ist mir neu! Direkt lesen kann das der Kindle nicht. Und auch die Specs nennen EPUB nicht.

    Umsätze sind auch keine Gewinne – was einer der GrĂĽnde sein dĂĽrfte, warum sich manche Verlage bzw. Buchhandlungen so schwer tun, nachhaltige Vertriebsplattformen aufzubauen.

    Ich kann diese ganze Diskussion ĂĽber E-Buch Preise sowieso kaum nachvollziehen. Eine Kino-Karte (fĂĽr 2 Stunden Unterhaltung) kostet mehr als das durchschnittliche E-Buch – ohne hinterfragt zu werden. Und der Wert des Buches liegt ja auch im Inhalt – ein erheblicher Aufwand – und nicht in der äuĂźeren Form.
    Das ist unabhängig von der Vertriebsschiene: Verlagsautoren und Self-Publisher müssen selbst wissen, was ihr Produkt wert ist.

    • Amazon nimmt zwar EPUB2 entgegen, verpackt das aber zu Mobi um und unterstĂĽtzt kein EPUB auf dem Kindle, um einen Lock-in-Effekt durch den Aufbau kĂĽnstlicher Abhängigkeiten hervorzurufen, indem fĂĽr Inkompatibilität gesorgt wird.

      • Naja, den Lock-in-Effekt erzeugt eigentlich das DRM (es gibt einige eReader, die Mobi anzeigen, und mit Calibre ist jedes Mobi schnell ein ePub). FĂĽr das DRM sind allerdings die Autoren / Verlage zuständig. Ich verzichte immer darauf, und es gibt sogar schon einige Verlage, die die Schädlichkeit von DRM erkannt haben.

        • Das ist schon richtig, dass hauptsächlich DRM fĂĽr den Lock-in verantwortlich ist, nur kann man sich ja auch mal ĂĽberlegen, welche Alternative es zu kindlegen gibt und auf welchem System oder in welchem Umfeld Mobi genutzt werden kann auĂźer im Kindle und Anzeigeprogrammen von Amazon, und was passiert, wenn Amazon morgen das Mobi-Format ändert und das Format neu Reverse-Engineered werden muss, sodass zwar weiterhin EPUBs und mit kindlegen erzeugte Mobi-Dateien ins Amazon-System eingespeist werden können, Amazon aber jederzeit dafĂĽr sorgen kann, dass die Kunden ihre E-Books von Mobi nicht mehr in andere Formate zurĂĽckkonvertieren können. Logischerweise gibt es auch keinerlei Werkzeuge, APIs oder Nutzungsszenarien, die nativ auf Mobi operieren, sondern alle derartigen Anwendungen bedienen sich immer erst der RĂĽckkonvertierung und sind darum von Amazons Wohlwollen abhängig.

  • Ich tue mich mit deiner Anmerkung in der Klammer schwer.

    Welche größere Vielfalt kann gewähreistet werden als durch Self-Publishing? Dass sich in den Top 10 dann doch vor allem die "üblichen Verdächtigen" der Genreliteratur wiederfinden, überrascht nicht. Hier betrachten wir ja die kommerzielle Ebene.

    Self-Publishing steht aber jedem Autor offen – auch dem Lyriker, der seinen Gedichtband nicht einmal bei einem noch so ambitionierten Kleinverlag unterbekommt. Auch dem experimentierenden Wortartisten, der vielleicht sogar Wege einschlägt, die sich in gedruckter Form gar nicht mehr umsetzen lieĂźen.

    Vielleicht könntest du die "naheliegenden Gründe" noch einmal anführen?

  • PS. “Preiskampf der Monopolisten” ist ein Contradictio in adiecto

  • Journalisten in D (gemeint ist der Schreiber von wired) eint ein mangelndes Wissen ĂĽber grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge, das meist noch gepaart ist mit einem tiefen Misstrauen gegenĂĽber den freien Kräften des Marktes, was dazu fĂĽhrt, dass Sie immer das gleiche schreiben nur in verschiedenen Stilen: "WARUM KONTROLLIERT DAS NICHT ENDLICH EINER?!?" – Das schöne ist, dass solche Artikel sich schon in der Sub-Headline offenbaren und das Weiterlesen ersparen.

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