Autoren-Tipp: Warum Sie das Versprechen an Ihre Leser halten sollten

Deawing of a man shaking human hand

Warum gehen Leser eigentlich auf die ganzen Lügen ein, die wir als Autoren ihnen auftischen? Wieso widmen sie uns ihre kostbare Zeit, statt sie mit Fernsehen, Gassigehen oder dem Basteln der Golden Gate Bridge aus Zahnstochern zu verbringen? Weshalb tun sie das, obwohl sie uns noch nicht einmal persönlich kennen?

Weil sie an das Gute im Autor glauben. Sie geben uns einen Vorschuss an Vertrauen – wenn wir schreiben, schreiben wir auf Pump, auf Kredit, den uns die Leser einräumen. Im Idealfall bezahlen wir ihnen diesen Kredit zurück, Wort für Wort, spannende Seite für spannende Seite, eindringliches Gefühl für eindringliches Gefühl.

Doch woher weiß der Leser, dass wir diesen Kreditvertrag erfüllen? Er weiß es nicht, aber er vertraut – er vertraut dem Versprechen, das wir ihm geben. Am Anfang des Romans und dann immer wieder.

Eins dieser Versprechen ist die Pistole, die zu Beginn des Romans auftaucht, vielleicht öffnet der Held eine Schublade und sieht die Waffe darin liegen. Er schließt die Schublade wieder, aber der Leser weiß, dass diese Pistole noch eine Rolle spielen wird, er kann den Knall des Schusses schon fast hören. Taucht die Pistole hingegen nie mehr auf, fühlt der Leser sich verschaukelt.

Sofort werden auch die schlimmen Folgen klar, die ein Bruch dieses Versprechens mit sich bringt: Einem Autor, der ihn so enttäuscht, kann der Leser nicht mehr vertrauen. Er legt das Buch zur Seite und wird wahrscheinlich nie mehr ein anderes vom selben Autor zur Hand nehmen.

Sie geben dem Leser diese Versprechen – ob Sie das wollen oder nicht und ob Sie sich dessen bewusst sind oder nicht!

Sprich: Sie können eine Menge vermasseln, aber auch sehr, sehr viel Gutes für Ihre Beziehung zum Leser tun.

Denn wenn Sie das Versprechen halten und die Erwartungen übererfüllen, erschreiben Sie sich treue Leser, ja, Fans. Begreifen Sie dieses Versprechen daher als Verpflichtung, aber auch als Chance und als Ansporn. Denn mit jedem kleinen erfüllten Versprechen binden Sie den Leser noch stärker an das Buch und letztlich eben auch an sich – und ihre künftigen Bücher.

Wo geben Sie nun überall Versprechen ab? Wo finden sich demgemäß Chancen? So ziemlich überall in Ihrem Roman, insbesondere hier:

* die ersten Seiten Ihres Romans

Auf diesen Seiten finden sich die meisten Versprechen. Diese Seiten werden von den meisten Leser gelesen – im Buchladen oder auf der Blick-ins-Buch-Funktion des Online-Händlers. Auch der Leser ist sich der Versprechen nicht bewusst. Er entscheidet unbewusst anhand einer individuellen Zahl an Kriterien. Die Mehrzahl der Leser interessiert sich vor allem für den Erzählton (Versprechen über Sprache und Stil und eine bestimmte Haltung Ihres Erzählers), den Protagonisten (Versprechen: der Protagonist ist sympathisch, interessant und für Überraschungen gut) und genretypische Details (etwa der Kommissar am Tatort in einem Krimi, der Serienkiller beim Morden in einem Thriller).

* die letzten Seiten des Romans

Hier überprüft der Leser, ob Sie das zentrale Versprechen des Romans einlösen, ob also der Held sein Ziel erreicht, ob es das vom Genre angekündigte Ende gibt (ein Happy End bei einer schnulzigen Romanze), kurzum: ob die Erwartungen erfüllt oder, besser noch, ob sie übererfüllt wurden.

Das Ende verspricht bei Serien schon so einiges über die Folgebände. Aber auch bei für sich stehenden Romanen verspricht ein in den Augen des Lesers gelungenes Ende, dass sich auch der Kauf anderer Romane desselben Autors lohnen wird. Das bedeutet nichts weniger als das Versprechen einer Marke: »Persil (Autorenname), da weiß man, was man hat«.

Darüber hinaus geben Sie Ihren Lesern auch hier Versprechen:

  • Anfänge von Szenen und Kapiteln
  • Enden von Szenen und Kapiteln
  • Vorbereitungen
  • Andeutungen
  • interessante Infos (Versprechen: der Autor kennt sich mit der Materie aus und man kann etwas lernen)
  • spezifische Details (Versprechen: die Szene wirkt lebensecht)
  • Einführung eines Schauplatzes (beispielsweise das Versprechen, hier, in diesem dunklen Keller, wird etwas Schauderhaftes geschehen)

Strenggenommen geben Sie mit jedem Satz, ja, mit jedem Wort ein Versprechen an Ihre Leser ab: Auch das Lesen des nächsten Wortes wird sich für dich lohnen.

Halten Sie Ihre Versprechen.

Stephan Waldscheidt

Ob Ihr Plot hält, was Sie Ihren Lesern damit versprechen, ob Ihr Exposé hält, was Sie dem Lektor oder Literaturagenten versprechen, können Sie mit meinem Plot- oder Exposé-Gutachten überprüfen lassen.

Ob der Erzählton, ob Sprache und Stil und überhaupt der Anfang Ihres Romans genug und das Richtige versprechen, können Sie mit meinem Text-Gutachten einer Leseprobe überprüfen lassen.

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Kategorisiert in Schreiben, Tipps

Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

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