Das erste Mal – fast ohne Schmerzen: Erfahrungen mit einem Autorengemeinschaftsstand auf der Leipziger Buchmesse

Seit 2012 veröffentliche ich im Bereich Erotik. Ich zähle mich dabei zu den Midlist-Autoren, hatte schon einen Titel auf der Nummer 1 der Amazon-Erotik-Charts, mehrere in den Top 10, einen Titel über zwei Jahre in den Top 100. Nicht erfolglos also, aber auch kein Überflieger. Mit lautem Peitschenknall erschien im letzten Jahr ein Wort an meiner Wand: Marketing! Und mehr noch: Ich wollte an die Öffentlichkeit, meine Leser treffen, neue gewinnen.

Da Lesungen in meinem Genre wenig gefragt sind, entschied ich mich für den Besuch einer Messe, die Investition abgestimmt auf meinen Marktanteil. Nicht zu groß, aber auch nicht ganz klein. Die Buchmesse Leipzig schien mir mit ihrem Angebot eines Autorengemeinschaftsstandes als eine gute Möglichkeit. Finanzierbar, ohne einen Großteil meines Gewinns aufzufressen. Ein Testlauf sozusagen für die Zukunft. Denn immer steht in meinem Genre die Frage im Hinterkopf: Wird sich überhaupt ein Leser dazu durchringen, in der Öffentlichkeit zu seinem Leseverhalten zu stehen? Immerhin schreibe ich keine zahme Erotik, sondern die härtere Variante, keine 50 Schatten, sondern echte Schläge.

Die Anmeldung verlief problemlos, die Zulassung der Organisatoren, das ich daraufhin erhielt, brachte den ersten Schock. Mein Pseudonym, das ich zusätzlich zu meinem Realnamen angegeben hatte, stand in der Adresszeile. Autorin Margaux Navara, darunter mein Echtname und die Adresse. Diskretion ist also nicht die Stärke der Leipziger Messe … Die Unterlagen erschienen mir auf den ersten Blick klar strukturiert, doch erwies sich das ein oder andere Formular dann doch als trickreich. Mithilfe von Stornierungen und mehreren E-Mails konnte ich die fälschlich beantragte Eintragung in verschiedene Sachgebiete, die beinahe mehr gekostet hätte als der Stand selbst, gerade noch vermeiden. Insgesamt fühlte ich mich gut betreut (mit Ausnahme der anhaltenden Bezeichnung aller Schriftstücke mit meinem Pseudonym).

In den darauffolgenden Monaten plante ich die Standgestaltung und die nötige Ausstattung mit Give-Aways. Ich entschied mich für ein Banner, roten Stoff (Erotik!) für die Wände, einen Stehtisch, Poster, Lesezeichen, Leseproben und natürlich ausreichend Taschenbücher, die ich drucken ließ. Eine Übernachtung musste gefunden werden, ein zusätzlicher Ausstellerausweis für meinen Mann, der mich begleiten wollte, wurde bestellt. Arbeit, die viel Zeit kostet. Sie erhöht die Vorfreude, kostet aber auch Nerven.

Endlich: Anreise am Tag zuvor, da ich für die Dekoration eines zwei-Quadratmeter-Standes zwei Stunden angesetzt hatte. Der angebotene Gemeinschaftsstand hat den Vorteil, dass ich mir keine Gedanken über Standbau machen muss. Er enthält ein Regal mit zwei Buchträgern, einen Meter breit, darunter ein Podest mit Schiebetüren. Sonst nichts. Der Zugang zum Messegelände ist unspektakulär, der richtige Parkplatz leicht gefunden.

Dann ein Schock. Die Platzierung. Ein Gang öffnet sich seitwärts zu einer bestuhlten Freifläche mit „Bühne“, i.e. Tisch mit Stühlen, einer Leinwand darüber, daneben eine Theke als Infostand für einen Messemitarbeiter. Jeweils fünf Stände zu beiden Seiten sind mit ihrer Front zu dieser Leseinsel ausgerichtet, dabei sind sie so angeordnet, dass jeder folgende Stand vorspringt, die vier vordersten Stände werden optisch vergrößert durch die Wand des folgenden, die dadurch zugleich unsichtbarer werden. Einblick in die Stände hat nur, wer sich in die Leseinsel begibt oder zumindest entlang des entstandenen V flaniert.

Dass diese Anordnung nicht vorteilhaft ist, erweist sich während der Messe. Meiner ist der Vierte in der Reihe und ich bin froh, dass es nicht der Letzte ist. Trotzdem sehe ich viele Besucher entlang des Hauptgangs schlendern, die nur aus der Ferne einen kurzen Blick auf die kaum sichtbaren Auslagen werfen, sich aber nicht trauen oder es als zu aufwändig empfinden, den Umweg zu gehen. Wir, die Autoren, hoffen also auf erste Lesungen oder die angesetzten Diskussionsrunden.
Leider werden wir auch hier enttäuscht. Die Zuhörer schauen zwar und manche trauen sich auch, näherzutreten. Aber letztlich erweisen sich die Veranstaltungen als kontraproduktiv. Durch sie wird jeder Besucher gezwungen, den Weg entlang unserer Stände zurückzulaufen, um dann die Leseinsel zu umgehen und auf der anderen Seite noch einmal in eine Sackgasse abzubiegen und umzukehren. Wer sich jemals mit Laufwegen und Besucherströmen befasst hat, weiß, dass die große Masse das nicht tut (wie Betreiber von Passagen ohne gefragtes Ziel bestätigen können).

Letztlich sind die Betreiber der hinteren drei Stände zu beiden Seiten sehr unzufrieden mit den Besucherzahlen. Ein Stand gegenüber lässt nach vielen Telefonaten und Beschwerden am zweiten Tag die Stellwand entfernen, die den Einblick verhindert. Das bringt ein wenig Zugewinn, aber keinen rasanten Anstieg. Mein Stand zieht sicher mehr Blicke auf sich als die Nachbarstände. Die rote Farbe und das Banner bringen Aufmerksamkeit. Einige der Zuhörer der Leseinsel schauen erst eine Weile und trauen sich dann, nehmen Leseproben mit und zeigen sich interessiert.

Positiv bleibt für mich trotzdem der Kontakt mit meinen Lesern. Ein erfreutes „Da ist sie!“ oder der spontane Ausruf „Das hab ich gelesen!“ bringen mein Autorenherz zum Glühen. LeserInnen jeden Alters kommen gezielt vorbei, lassen sich ihre Exemplare signieren oder hilfsweise mitgebrachte Autogrammsammelbücher und Leseproben. Bloggerinnen sprechen vor und fragen nach Rezensionsexemplaren oder wollen mich nach dem vorausgegangenen Mailkontakt kennenlernen.

Ich schließe Bekanntschaft mit mehreren Autoren, habe dank der Unterstützung meines Mannes Zeit, einmal eine Lesung oder einen Vortrag des Selfpublisherverbands zu hören, was ohne Begleitung nicht möglich gewesen wäre. Es ist nicht ratsam, den Stand ohne Aufsicht zu lassen, da sonst nicht nur Leseproben verschwinden … Standnachbarn helfen sich da gegenseitig aus, wenngleich es auch Nachteile hat, wenn der Nachbarstand nicht nur eine Autorin beherbergt, sondern gleich eine Truppe von ca. 20 Autoren diesen als Treffpunkt benutzt. Noch weniger Sichtbarkeit, dafür interessante Kontakte.
Dann kommt der Sonntag, eine Lesung, ab 15 Uhr noch ein paar Exemplare verkaufen und weiteres Signieren, und schon ist die Messe vorbei.

Was hat mir die Messepräsenz gebracht?

Der Stand kostete knapp 500 Euro. Dazu kommt Deko, Werbematerial, Parkkosten, Fahrtkosten, Verpflegung und natürlich die Unterkunft. Insgesamt etwas über 1000 Euro. Die direkten Einnahmen sind so gering, dass sie nicht ins Gewicht fallen. Hinzugewonnen habe ich einige neue Leser. Definitiv. Und die Treue der „alten“ Leser, die mich gezielt aufsuchten. Dann: Messeerfahrung; Kontakte z.B. mit Dienstleistern, aus denen Verträge wurden; persönliche Treffen mit Social-Media-„Freunden“, die zu echten Freunden werden. Ein Gewinn, der sich nicht messen lässt, nicht in Zahlen zumindest.

Ich schrieb nach der Heimkehr die Verantwortliche der Messe an, um meine Eindrücke mitzuteilen, in der Hoffnung auf Einsicht und möglicherweise Verbesserung der Standanordnung für die nächste Messe. Eine Antwort erhielt ich sieben Wochen später mit dem Hinweis, man hätte doch nach Mitteilung des Standorts über einen Wechsel sprechen können. Dass überhaupt Freiflächen für einen solchen Wechsel zur Verfügung standen, wusste ich als Neuling nicht, und hätte mich sicher nicht getraut, überhaupt einen solchen anzusprechen.

Ob ich wieder nach Leipzig gehen werde? Ja. Aber in einen Stand, der an einem der Gänge liegt. Den ich mir aussuchen kann. Die Kosten dafür sind entsprechend höher, das steht fest. Aber bei einem Stand, den niemand besucht, bleibt ein Nachgeschmack von „außer Spesen nichts gewesen“. Nach einem ersten Überschlag zahlt man für einen Kleinststand von 4 qm, den man mit zwei Autoren betreiben kann (als Mitaussteller), einen ähnlichen Betrag wie für den Autorengemeinschaftsstand. Eine Alternative für alle, die es schaffen, sich mit einer Kollegin/einem Kollegen zusammenzutun.

Meine Tipps für Autoren lauten also:

  • Aufpassen beim Ausfüllen der Unterlagen, schnell sind Zusatzleistungen gebucht, die richtig Geld kosten
  • Standzuweisung genau prüfen und ggf. nach Alternativen fragen
  • Auffällige Dekoration wählen, vor allem Banner nicht vergessen
  • Keine Kosten-Nutzen-Kalkulation machen, sondern einen Betrag festlegen, der für solche Aktionen zur Verfügung steht

Ich habe in diesem Jahr bereits an einer kleineren Messe teilgenommen (Buchmesse Hofheim) und werde an weiteren Messen anwesend sein (Frankfurter Buchmesse, Buchmesse Berlin). Welche für mich und mein Genre geeignet ist, werde ich zum Jahresende resümieren. Ich freue mich auf jede Einzelne. Auf jeden einzelnen Leser, der mich anspricht, dessen Augen aufleuchten beim Anblick der Bücher (und manchmal auch beim Anblick der Autorin), der mich bittet, zu signieren, der fragt, wann denn das nächste Buch erscheint. Unbezahlbar.

Margaux Navara ist Autorin von BDSM-Erotika, die sie seit Beginn als Selfpublisherin veröffentlicht. Sie ist Mitglied im Selfpublisherverband, der ebenfalls Messepräsenz für seine Mitglieder bietet. Gerne beantwortet sie weitere Fragen zu Messen per Mail über margaux.navara@web.de.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

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