Der professionelle Blick von außen: Weshalb Self-Publisher von einem Lektorat profitieren

reader supporting falling book in the bookshelf

Manchmal ist es spannend, das eigene Gebiet von außen zu betrachten. Heute kommt hier deshalb eine Lektorin zu Wort: Friederike M. Schmitz

Wozu braucht ein Autor, eine Autorin einen Lektor oder eine Lektorin?

Bisher kennt nur eine Handvoll Testleser Ihr Manuskript, Verwandte und Freunde sind voll des Lobes. Kann man ihrem Urteil trauen? Verstehen sie genug von Markt und Materie oder sind sie nur höflich und halten deshalb mit Kritik hinterm Berg?

Pons online: lēctor <ōris> m, Leser. – Ein Lektor ist ein professioneller, erfahrener Leser, der Ihnen sagen kann, wo in Ihrem Manuskript es (noch) hapert. Lektoren sind Spürhunde mit trainierter Sensibilität für die Sprache und mit breiter Allgemeinbildung.

Ihre diversen Dudenbände kennt die Lektorin in- und auswendig bzw. weiß genau, wo sie nachsehen muss. Abweichende Schreibweisen (vulgo: Fehler) erkennt und korrigiert sie. Und wenn ihr Rosen begegnen, die als Frühlingsblumen bezeichnet werden? Wenn Hirsche im Juni röhren? Wenn in einer spannenden Krimi-Handlung ein halber Tag „fehlt“, das Wort „Glas“ in einem einzigen Absatz fünfmal auftaucht, wenn ein Schluck immer genüsslich genommen wird (statt auch mal genussvoll oder genießerisch), wenn eine Art zu sprechen „manieriert“ genannt wird (wobei „elaboriert“, „hoch entwickelt“ gemeint ist) etc. pp. – dann fällt ihr Mark Twain ein: „Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist der gleiche wie der zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.“

Wie kann die Zusammenarbeit aussehen?

Kommt darauf an. Ist ein Korrektorat gefragt (preisgünstiger) oder ein Lektorat (tiefgreifender)? Stimmen Aufbau und Struktur des Sachbuches? Ist der Lesernutzen in einem Ratgeber deutlich herausgearbeitet? Ist der belletristische Text schon fertig oder geht man den Plot noch einmal gemeinsam durch, stellt Figuren/Charaktere auf den Prüfstand? Lassen Sie sich Vorschläge und Angebote machen!

Ich empfinde es als sehr angenehm, wenn ich meine Autoren (zumindest am Telefon, gern aber auch persönlich) kennenlerne. So kann ich erfahren, was meinem Gegenüber an seinem Projekt wichtig ist, welche Ziele er oder sie erreichen möchte – und kann zeigen, wie man sie erreichen kann. Nebenbei – aber nicht nebensächlich: Wir spüren, wie der/die andere „tickt“. Vielleicht stellen wir fest, dass wir einen ähnlichen Sinn für Humor haben? Gemeinsame Arbeit am Text kann so viel Spaß machen, Aha-Erlebnisse und neue Schreibmotivation eingeschlossen.

Echte Fehler verbessere ich ohne Rückfrage (im Änderungen-verfolgen-Modus, sodass alles nachvollziehbar und auch rückgängig zu machen ist). In der Kommentarspalte am Rand stehen Verständnisfragen oder Hinweise auf Unstimmigkeiten, und wir können diese per Mail klären oder am Telefon besprechen.

Wie finden Sie einen Lektor, eine Lektorin?

Sie können den pensionierten Studienrat um die Ecke fragen – das ist okay, aber nicht meine erste Empfehlung (denn ich habe zu viele von Deutschlehrern betreute Manuskripte gesehen … und dann die großen Augen der Autoren, wenn der Profi-Blick noch so vieles fand).

Sie können googeln, sozusagen im Blindflug, das kann durchaus zum Ziel führen: „Suche Lektor für (Genre)“ oder „suche Lektor in (Ort)“. Sie können unter http://www.vfll.de/lektor-in-finden/auftragsanfrage/ Ihr Projekt vorstellen und um Angebote bitten. Sie möchten gern selbst gezielt suchen? Unter www.lektoren.de finden Sie Profile, Schwerpunkte und Kontaktdaten von Mitgliedern des deutschlandweit arbeitenden Lektorenverbands VFLL (http://www.vfll.de) und können sich von dort aus ausführlich auf diversen Websites umsehen. Auch im Selfpublishing-Markt.de veröffentlichen Lektoren ihre Angebote.

Alles zu teuer? Es gibt Lektoren, die Ihr Werk kostenlos und ehrenamtlich lektorieren (auch das kann man googeln). Oder kritische Lesegruppen/Lesecommunitys, in denen Texte unter die Lupe genommen werden, etwa http://www.lovelybooks.de oder http://www.whatchareadin.de und Autorengruppen auf Facebook.

Lektor“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Wichtig zu wissen daher, dass der Lektorenverband VFLL regelmäßig Fortbildungen durchführt. Just letzte Woche gab es in Frankfurt ein gut besuchtes, spannendes Seminar über Romandramaturgie und ein Arbeitstreffen zu Methoden der Qualitätssicherung.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.