Gastbeitrag: Wie man als Selfpublisher sein Buch im Buchhandel unterbringt

Das Folgende ist “Meinung”, beruhend auf Erfahrung und Gesprächen und dem, was ich hier ab und zu lese. Es ist keine unerbittliche Weisheit, die in Stein gemeisselt ist, aber es ist Diskussionsgrundlage … und vielleicht auch ein Denkanstoß.

Kann man als SP-ler überhaupt in der Buchhandlung landen? Die Hürde ist nicht einfach, denn Buchhandel und Indiewelt sind leider kein Traumpaar. Was aber im Einzelfall einer Romanze nicht entgegenstehen muss.

Dennoch machen viele SPler schon beim ersten Kontakt Fehler, die die Buchhandels-Kollegen abschrecken, manchmal prägen sie so gleich das Bild der ganzen Szene.

Die Rollen

Bevor wir dem Laden näher treten, sollten wir uns die Rollen ansehen, die die Beteiligten in diesem Schauspiel spielen:

Der Buchhändler, besonders in inhabergeführten, kleineren Läden ist der Hausherr und muss das ganze im Blick haben. Sein Sortiment, seine Kundschaft, seine Entwicklungen und seine Finanzen. Das muss man immer im Hinterkopf haben. Und der Hausherr ist in seinem Haus der König, selbst, wenn esnur eine Kate ist.
Der Autor selbst ist ein Vertreter in eigener Sache, nicht anders als ein Weinvertreter oder ein Reisender in Miederwaren. Man ist obendrein auch noch unerfahren, was das Vertreterhandwerk angeht. Die wichtigste Regel für Handelsreisende: Noch nie hat ein Vertreter einen Streit mit dem Kunden (hier dem Buchhändler) gewonnen. Also niemals streiten.

Das Ziel

Der Selfpublisher hat natürlich hauptsächlich sein Buch im Blick. Aber er sollte nicht versuchen, das Buch in der Buchhandlung unterzubringen. Er sollte versuchen, ein Geschäft abzuschließen. Ein Geschäft ist nur dann eines, wenn es für beide Seiten von Vorteil ist.

Was sind gute Argumente für ein Geschäft?

Lokalität, Lesungen, Verfügbarkeit im Barsortiment. Und das Buch natürlich, seine Unverwechselbarkeit, seine Sprache, sein Witz und seine Schönheit.

Schlechte Argumente:

  • Soviel Mainstream! (Hey, der macht die Kasse voll!)
  • Sie haben doch so viele Thriller, nehmen sie meinen doch auch noch! (Die vielen Thriller muss ich erst mal loswerden, und noch einer macht das nicht leichter!)
  • Sie haben ja kaum Romantasy hier! (Weil keine Sau hier danach fragt, schon x-Mal getestet.)
  • Sie haben ja noch Platz im Regal, da passt mein Buch auch noch rein. (Platz ist jetzt gerade da, aber nächste Woche kommt eine große Lieferung. Die muss ich verkaufen und dazu brauche ich den Platz im Regal.)
  • Ganz schlecht ist es immer, wenn man durchblicken lässt, SP sei die Rettung für den Buchhandel und das eigene Buch könnte der erste Schritt dahin sein. Das klingt in den Ohren des Buchhändlers nach „Da hält sich ein fachfremder Laie für den Buchhandelsschulmeister und will mir erzählen, wie ich meinen Job machen soll!“ Das kommt nie gut an.

Was ist nun auf der sachlichen Ebene wichtig?

Damit es mit dem Buch in der Buchhandlung klappt, muss das Buch passen – in verschiedenen Bereichen. Und alles – das Gesamtpaket muss passen. Nichts ist wichtiger als etwas anderes.

Wichtig im kaufmännischen Bereich:

  • Keine unnötige Arbeit: Bestellen und vor allem das Bezahlen müssen einfach gehen. Meist sind das automatisierte Vorgänge. Eine einzelne Rechnung manuell bezahlen, das macht man nur sehr ungern. Da aber kein SPler BAG-Anschluss hat (BAG=Buchhändlerische Abrechnungs-Gesellschaft, die Sammelrechnungen erstellt), kommt man am Bezug über Barsortiment kaum vorbei.
  • Ausreichender Ertrag und geringes Risiko: Es muss mindestens ebenso viel Rabatt geben wie ein Verlagstitel, der ja dann nicht da steht, wo das SPbuch steht. Also guter Rabatt und RR – wieder Barsortiment. Am Barsortiment kommt man also nicht vorbei. Achtung: Nicht jeder Buchhändler wird von Libri beliefert. Manche haben nur KNOe.
  • Das richtige Buch für genau diese Buchhandlung: Jede Buchhandlung hat ein spezifisches lokales Publikum mit verschiedenen und vor allem unterschiedlichen Interessen. Wenn man ein Fantasybuch in Buchhandlung Müller anbietet, wo das Publikum das nicht nachfragt, wird der Buchhändler wohl ablehnen. Die Buchhandlung Huber ein paar Kilometer wird das vielleicht ganz anders sehen. Wenn ein Buchhändler meint, es passt nicht, dann glaubt man ihm besser.

Wichtig für das physische Buch:

  • Professioneller Eindruck: Das Buch darf keinen allzu selbstgehäkelten Eindruck machen. Nicht von innen und nicht von außen: Cover, Titelei, Klappe … die machen den ersten Eindruck. Wer hier zu viele oder ungeeignete Schriften verwendet, Bilder, denen man den Dilettantismus anmerkt oder einen Text, der den Kaufimpuls nicht binnen 5 Sekunden auslösen kann, wird oft Pech haben. Ein Buchhändler erkennt eine professionelle Buchaufmachung.
  • Dasselbe gilt auch für den Textsatz. Der Satzspiegel sollte mit genügend Luft für das angenehme Lesen auf den Seiten stehen, die Type angenehm sein, die Einzüge sollten da sein, wo sie hingehören, die Zeilen sollten gleichmäßig gefüllt sein und man sollte weder über Hurenkinder oder Schusterjungen stolpern, noch über einen tanzenden Seitenfuß … Das alles erkennt ein Profi beim Durchblättern. Bzw. er erkennt sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Wichtig für den Text:

  • Qualität: Ganz kurz und knapp. Ein guter Text ist wichtig. Ob Lektorat, Korrektorat oder Feenstaub und Schreibelfe für den guten Text verantwortlich sind, ist dem Buchhändler völlig egal. Aber der Text muss klar erkennen lassen, dass er kein halbfertiges Werk ist, das man noch verbessern könnte. Es muss ein Text sein, der sich mit der Masse der Verlagsproduktionen (nicht nur mit den Negativbeispielen) qualitativ messen kann.
  • Originalität: Auch das ist wichtig. Wenn ein Werk zu sehr wie XY ist, dann kanibalisiert es dieses Buch, das ja oft schon im Laden steht. Im Internet mag es da sein Publikum finden, in der beschränkten Angebotsfläche des Ladens wird es sehr viel schwerer. Eine gute, neue Idee, gut als Geschichte umgesetzt, ist aber für Buchhändler immer potentiell interessant.

Was sind besondere Vorzüge?

  • Lokaler Bezug: Das ist – wenn der Rest stimmt – ein sehr gutes Argument, warum sich ein Leser für ein unbekanntes Buch eines unbekannten Autors interessieren sollte.
  • Presse: Ein Zeitungsbericht, den auch die Kunden des Buchladens gelesen haben, ist immer gut. Lesungen sind ein Weg, lokal bekannt zu werden und sich so einen Namen zu erwerben.
  • Professionelles Auftreten: Nicht als Bittsteller, nicht als Messias oder Gönner sondern als Geschäftspartner. Wenn kein Geschäft möglich ist, „Danke“ sagen, lächeln und gehen. Wer einem Buchhändler erklärt, warum er ein Buch doch nehmen soll, das er ablehnt, bringt ihn nur gegen sich auf. Ablehnung ist ganz normal. Auch Verlagsvertreter können längst nicht jedes Buch in jeder Buchhandlung platzieren. Als SPler würde ich denken, dass man etwa bei 10 bis 20 % der Buchhandlungen unterkommen kann, wenn man es höflich und mit dem nötigen Respekt versucht. Was man aber machen kann, ist nach den Gründen der Ablehnung zu fragen. Vielleicht kann man ja bei einem anderen Projekt zusammenkommen.

Kommission

Noch ein Wort zum Stichwort Kommission: Hände weg! Das ist in meinen Augen nichts Halbes und nichts Ganzes. Du willst einen Buchhändler, der dein Buch führt, es aktiv verkauft, der dahinter steht und aktiv am Erfolg mitarbeitet. Wenn er das Buch nicht einkauft, wenn er keinerlei Risiko eingeht, dann ist es nur eine Gefälligkeit, ein Almosen. Das ist kein Geschäft.

Der Autor dieses Beitrags, Alexander Bally, ist ausgebildeter Buchhändler und Autor im Selfpublishing. Der Beitrag war zuerst in der Selfpublishing-Gruppe bei Facebook zu lesen; vielen Dank, dass ich ihn hier veröffentlichen durfte.

2 Comments

  • Interessanter Beitrag! Die meisten meiner BĂĽcher habe ich bisher bei Lesungen selbst an den Mann und die Frau gebracht. An “richtige” Buchhändler habe ich bislang nur BĂĽcher ausgeliefert, die per E-Mail bei mir bestellt wurden, aber so ĂĽbel ist die Zahl auch nicht, dafĂĽr dass keine groĂźe Werbekampagne eines Verlages dahinter steht. FĂĽr meine Rabatte habe ich eine Liste erstellt, die Höhe der Rabatte richtet sich nach der Abnahmemenge.
    Ich kann den Argumenten zum Kommissionshandel sehr gut folgen, aber in diesen lausigen Coronazeiten sind Händler nicht mehr bereit noch irgendein Risiko einzugehen. Vielleicht ist es ja eine Lösung, dies mit über den Rabatt zu regeln, also wer gleich kauft, bekommt mehr Rabatt. Muss ich mal drauf rumdenken.

  • Ich habe das Blog mit viel Interesse gelesen, konnte auch dem Autor in allen Punkten Recht geben, was fĂĽr einen alten Besserwisser wie mich nicht einfach ist 🙂 Eine Frage blieb fĂĽr mich im Text unbeantwortet: Wie kommt man in ein Barsortiment? Dass ein Buchhändler nicht begeistert ist, Einzelexemplare beim PoD-Dienstleister zu bestellen, das verstehe ich bei den Versandkosten völlig. Lässt man als Selbstverleger aber im PoD-Verfahren seine Exemplare herstellen, dann kommt man kaum in ein Barsortiment. Der Offsetdruck erscheint mir mit zu vielen finanziellen Risiken verbunden zu sein, als dass er fĂĽr mich in Frage käme. Das Dilemma, dass du als selbstverlegender Autor so gut sein kannst, wie du willst, du kommst in der Regel nur mit einen beträchtlichen Aufwand an finanziellen Mitteln auf den Markt, dieses Dilemma zeigt sich meines Erachtens auch beim Barsortiment. Ich hoffe doch sehr, ich täusche mich und habe etwas Wesentliches ĂĽbersehen.

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