Ich würde nicht auf uns wetten: Risiko als Spannungsfaktor

Mit welcher Wahrscheinlichkeit scheitert der Protagonist bei der Verfolgung seines Ziels? Diese Frage definiert das Risiko als Spannungsfaktor. Doch erst wenn der Einsatz hoch ist und ebenso das Risiko, den Einsatz zu verlieren, kommt Spannung auf. Grob gesagt, erhöhen Sie die Spannung, indem Sie die Wahrscheinlichkeit vergrößern, dass der Protagonist scheitert, oder indem Sie die Chancen senken, dass er siegt. Beides scheint das Gleiche zu sein. Wenn Sie den Aspekt jedoch von beiden Seiten betrachten, hilft Ihnen das dabei, mehr gute Ideen zu entwickeln.

Sehen wir uns einige Beispiele an.

So vergrößern Sie das Risiko, dass der Protagonist scheitert:

• Sie machen seine Aufgabe noch schwieriger. Die entführte Frau des Protagonisten wird nicht nur von drei hungrigen Trollen bewacht, sondern von sechs, außerdem von einem Wassergraben mit Krokodilen und einer mit magischen Tretminen gespickten Hängebrücke. Und Sie nehmen ihm seine Rüstung weg.

So vermindern Sie die Wahrscheinlichkeit, dass der Protagonist triumphiert:

• Sie geben dem Protagonisten ein Handycap, etwa eine Stichwunde im Bein, und nehmen ihm sein Schwert weg.

An Schwert und Rüstung sehen Sie den Unterschied der beiden Herangehensweisen. Die passive Seite: Wenn Sie dem Helden seinen Schutz wegnehmen, vergrößern Sie das Risiko seines Scheiterns. Die aktive Seite: Nehmen Sie ihm die Angriffswaffe weg, vermindern Sie die Chance, dass er siegt.

Noch mehr Ideen kommen Ihnen, wenn Sie für Ihr Brainstorming auch die Gegenseite betrachten:

So vermindern Sie das Risiko, dass die Antagonistin scheitert:

• Sie statten sie mit einer Schwäche weniger aus. Den Klumpfuß, den Sie ihr zu Anfang verpasst hatten, lassen Sie von einer Hexe in einen gesunden Fuß verwandeln.

So vergrößern Sie die Wahrscheinlichkeit, dass die Antagonistin triumphiert:

• Sie geben der Antagonistin neue, starke Verbündete. Eben jene Hexe.

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Um den Spannungsfaktor Risiko effektiv einzusetzen, sollten Sie sich aufschreiben, was schiefgehen kann und wie hoch die jeweilige Wahrscheinlichkeit dafür ist. Dann haben Sie die Stellschrauben übersichtlich vor sich, an denen Sie das Risiko für den Helden erhöhen können. Zudem kommen Ihnen so fast von allein neue Ideen.

Beispiel:
In den Wassergraben fallen.
Risiko: 10 %.
Wie kann ich das Risiko erhöhen?
Ich könnte die Brücke schmaler machen, Brücke ansägen, Kampfkrähen attackieren …

Zudem können Sie die Ereignisse so besser eskalieren lassen. Erinnern Sie sich: Der Mittelteil (meist der zweite Akt) eines Romans braucht permanente Eskalation. Je mehr Aspekte Sie intensivieren, verstärken oder vergrößern, desto besser – und desto spannender.
Das Risiko für den Protagonisten sollte also ebenfalls weiter und weiter steigen. Wenn Sie sich bewusst machen, wie hoch das Risiko für ein Scheitern bei verschiedenen Handlungen ist, können Sie dieses Risiko permanent erhöhen.

Beispiel:
In den Wassergraben fallen? Geringes Risiko.
Von kochendem Pech getroffen werden? Mittleres Risiko.
Von Trollen gefressen zu werden? Hohes Risiko.
Das meiste Potenzial steckt im Wassergraben-Risiko. Das werde ich rasch erhöhen. Während er auf der Brücke gegen die Krähen kämpft, sieht mein Protagonist, dass sie neue Kessel mit brodelndem Pech auf die Zinnen hieven. Und er hört hinter den Burgmauern schon das Schmatzen der Trolle …

Denken Sie nicht nur an das Risiko auf das zentrale Ziel des Helden bezogen. In jeder dramatisch gelungenen Szene will der Protagonist etwas erreichen. Und hat dementsprechend ein Risiko, das nicht zu schaffen. Können Sie das Risiko in der Szene erhöhen? Können Sie das Risiko von Szene zu Szene weiter erhöhen?

Damit der Leser das alles auch mitbekommt, ist es beim Risiko ebenso wie beim Einsatz: Sprechen Sie das Risiko an. Nicht jedes Mal, aber doch häufiger, mal sehr konkret, mal weniger, und variieren Sie die Art, wie Sie das tun.

Beispiel: In Szene 14 sagt der Protagonist zu seinem Knappen:

»Wir haben eine gute Chance, dass da drin nur zwei Trolle warten.«
»Wenn der Bote schnell genug war, sind es vier mehr. Mit größeren Keulen und größerem Hunger.«
»Das Unwetter im Osten hat ihn aufgehalten.«
»Sie kommen von Westen, Herr.«
»Gottverflucht!«
»Also haben wir es eher mit sechs als mit zwei Trollen zu tun.«

In Szene 22 denkt der Protagonist:

Meine Chance, aus der Burg mit meiner Frau rauszukommen, ist nicht größer als die eines Elben in den Minen von Moria.

Oder einfach so wie hier Tom Young in »Der Sturm des Mullahs« (Festa 2016):

Der Schnee fiel in dicken Flocken. Das beruhigte Parson ein wenig. Es würde ihre Spuren verdecken, wenn sie sich für die Nacht verkrochen.
Die drei gingen etwa eine halbe Stunde lang durch das Tal. Auf beiden Seiten ragten Berge auf und Parson wusste, dass der alte Mann nicht würde bergauf fliehen können, selbst wenn er gewollt hätte. Der Mullah sah aus, als wäre er weit über 70, mit weißen Augenbrauen und einem Gesicht, das so von Furchen durchzogen war wie die Karte seines Heimatlandes. Im Moment wollte Parson vor allem so weit wie möglich vom Flugzeug weg.
»Wie stehen unsere Chancen?«, fragte Gold.
»Ich würde nicht auf uns wetten.«

Nehmen wir die Kinderbuch- und Jugendbuchklassiker-Serie »Wintersonnenwende – The Dark Is Rising« von Susan Cooper. Im ersten Buch »Bevor die Flut kommt« (Ravensburger 1985) suchen die drei Geschwister Simon, Jane und Barney Drew einen geheimnisvollen Gral und werden dabei von bösen Mächten bedroht. In ihrem kleinen Ferienort am Meer wohnen die Kinder mit ihren Eltern in einem alten Haus, wo auch ihr Großonkel Merry ein und aus geht. Dann aber besuchen die Eltern eine Freundin und bleiben über Nacht. Die drei Kinder sind allein zu Hause, nur Merry ist noch bei ihnen.

Die Autorin hat Simon, Jane und Barney damit den Schutz zweier Verbündeter genommen. Das Risiko für die drei steigt, in dieser Nacht von den Bösewichten gefunden und überwältigt zu werden.
Am nächsten Tag wird auch Großonkel Merry weggelockt, sodass die drei auf sich selbst gestellt sind. Das Risiko, den Gegenspielern zum Opfer zu fallen, steigt damit noch einmal deutlich an.
Dann wird Barney von den anderen beiden getrennt und sieht sich ganz allein dem finsteren Oberschurken gegenüber. Sein Risiko, das Romanziel nicht zu erreichen und dabei sein Leben zu verlieren, ist abermals weit nach oben geschnellt.

Eine Variante dieser Methode finden Sie in allen Arten von Geschichten. Häufig muss der Held am Ende ganz allein in die Höhle des bösen Löwen oder die Heldin muss ohne Hilfe mit ihrem Erzfeind kämpfen.
Das können Sie leicht noch weiter treiben, indem Sie etwa Ihrem Protagonisten erst sein Pferd wegnehmen, dann den Schild, dann die schützende Rüstung samt Helm. Jedes Mal steigt das Risiko, getroffen oder tödlich verletzt zu werden.

Jedes Mal steigt die Spannung.

Das Risiko für seine Helden zu erhöhen, gehört zu den ältesten Spannungstricks. Den auch Sie sicher schon angewandt haben. Jetzt wissen Sie, warum. Und Sie wissen auch, wie Sie es noch effektiver tun können.

Tun Sie’s. Sie riskieren nichts.

Stephan Waldscheidt

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

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