Let’s twist – Wie Sie eine überraschende Wendung schreiben

Ob Sie einen großen Twist zum Midpoint oder am Ende des zweiten Akts planen (»Nein, ich bin dein Vater!«, eröffnet Darth Vader Luke Skywalker) oder ob Sie mit einem kleinen Twist einer Szene einen überraschenden Dreh verpassen wollen, das Vorgehen ist das Gleiche, sind doch die besten Szenen selbst Storys.

Für Plotter: Fangen Sie mit den Konsequenzen an. Erst wenn Sie wissen, was sich ändern soll, können Sie sich eine Überraschung ausdenken, die diese Veränderung verursacht. Arbeiten Sie dann am Twist selbst. Danach beginnen Sie Ihr Spiel mit dem Schüren von Erwartungen und Verstecken von Hinweisen, die den Twist letztlich plausibel machen. Keine Sorge, um weitere Hinweise oder die genauen Platzierungen können Sie sich auch noch während des Schreibens oder sogar im Nachhinein kümmern.

Der Vorteil des Plottens liegt beim Schreiben von wichtigen Twists auch bei einem anderen Punkt, den Sie als schreibender Entdecker des Twists nicht haben: Zu wissen, dass und wann ein Twist kommt und wie er aussieht, beeinflusst auch Ihren Ton, Ihre Wortwahl, Ihre Erzählhaltung auf eine mindestens subtile Weise. Das sorgt dafür, dass der Twist dem Leser noch schlüssiger, zwingender, glaubhafter erscheint und sich all die Winzigkeiten, die dem Leser zwischenzeitlich als leicht daneben, ein klein wenig falsch erschienen sind, mit einem Mal aufklären und Sinn erhalten.

Für Entdecker: Fällt Ihnen beim Schreiben ein genialer Twist ein, schreiben Sie ihn. Danach pflanzen Sie die Hinweise und steuern die Erwartung. Welche Konsequenzen die Wendung hat, darf dann der Entdecker in Ihnen schreibend herausfinden.

Eine solide Vorbereitung bringt in aller Regel wirksamere Twists hervor als solche, die Ihnen beim Schreiben zufällig unterlaufen. Und zu plotten heißt ja nicht, dass Sie eine ungeplottete, aber noch bessere Idee beim Schreiben ablehnen würden.

Trotzdem müssen Sie wegen überraschender Wendungen nicht Ihre Arbeitsweise ändern und zum Plotter werden, wenn Ihnen das Plotten nicht liegt. Denn vorbereiten können Sie den Twist noch im Nachhinein. Allerdings bedeutet das umso mehr Arbeit, je stärker die Wendung in den Plot eingreift. Da die großen Twists (mindestens) zwei parallele Storys erfordern, heißt das, dass Sie die zweite, tatsächliche noch dazuerfinden und mit der vorhandenen verweben müssen. Was richtig Arbeit macht und auch sehr fehleranfällig ist. Zudem fällt wegen der fehlenden Vorbereitung viel Spielraum für gute Ideen weg.

Am Ende arbeiten Sie wesentlich mehr und haben dennoch eine schwächere Lösung dastehen. Vielleicht denken Sie bei Ihrem nächsten Roman noch mal übers Plotten nach. Wegen der Twists, vor allem aber Ihren Lesern zuliebe.

Ein gelungener Twist braucht drei Stufen:

  1. Die Vorbereitung.
  2. Die überraschende Wendung.
  3. Die Konsequenzen.

Und wie immer beim Schreiben gibt es Ausnahmen. So können und dürfen Sie durchaus die Vorbereitungen mal umgehen, nach dem Motto »Das trifft mich jetzt völlig unerwartet«.

So könnte Ihr Protagonist Georgie im ersten Akt mit ansehen, wie seine Verlobte Maggie bei einem Unfall auf einer Baustelle von einem herabstürzenden Backstein getötet wird. Das ist überraschend und das ist ein Twist, denn Georgies Leben wird sich danach in eine neue Richtung entwickeln.

Hier kommt der Haken: Je später im Roman der Twist die Ereignisse wendet, desto weniger geben sich Ihre Leser mit einem Zufall zufrieden – wie dem Baustellenunfall im Beispiel. Ein Vergnügen beim Lesen eines Romans ist es ja gerade, nach Andeutungen und Vorboten von Wendungen zu suchen, im Vorhinein oder im Rückblick. Hinzu kommt das Paradoxon, dass ein Roman, der eine schlüssige Folge von Ereignissen präsentiert, echter und wahrer wirkt als einer, wo König Zufall eine ähnliche Schreckensherrschaft pflegt wie im realen Leben.

Zudem fühlen sich Wendungen, die unvorbereitet aus dem Nichts zuschlagen, für den Leser wie vom Autor gesteuert an und nicht wie organisch aus den Charakteren und Ereignissen gewachsen. Sprich: Eine unvorbereitete Wendung bringt Sie, den Autor, zum Vorschein und reißt Ihre Leser aus dem fiktionalen Traum.

Je kleiner die Wendung, desto eher akzeptieren die Leser diese auch später noch. Doch gilt das in erster Linie für Wendungen zum Schlechteren, also für solche, die den Konflikt verschärfen. Sobald die zufällige Wendung dem Team des Protagonisten hilft, fühlt es sich für den Leser wie Schummeln an.

Kein Wunder also, dass die unvorbereitete überraschende Wendung vor allem an einer Stelle einen guten Platz hat: als auslösendes Ereignis (der für den Roman zentralen Handlung) im ersten Akt.

Faustregel: Eine überraschende Wendung braucht dann keine Vorbereitung …

  • wenn sie früh im Roman steht (optimal als auslösendes Ereignis, doch andere Platzierungen können ebenfalls funktionieren) oder
  • wenn sie klein ist oder
  • wenn sie die Dinge für die Protagonisten zum Schlechteren wendet und
  • wenn sie als Instrument nur sehr sparsam Verwendung findet.

Stephan Waldscheidt

Der Artikel ist ein Ausschnitt aus dem Schreibratgeber »Überraschende Wendungen: So schreiben Sie atemberaubende Twists « in der Reihe »Meisterkurs Romane schreiben«. Was machte aus »Gone Girl« oder »Girl on the Train« Bestseller? Was machte aus »Game of Thrones« ein Gesprächsthema, aus »Sieben« einen Klassiker, aus »Memento« eine unvergessliche Geschichte? Atemberaubende Wendungen. Solche Twists verwandeln einen guten in einen großartigen Roman. Sie verbessern Ihre Chancen auf einen Agentur- und Verlagsvertrag. Und auf einen Bestseller.

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Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

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