Lohnt sich Selfpublishing?

Ja – und manchmal verdient man damit sogar Geld.

Das dürfte die kürzestmögliche Antwort auf die Frage aller Fragen sein, die ich regelmäßig gestellt bekomme. Ich brauche mich dazu überhaupt nicht mit Rückfragen aufzuhalten, etwa nach dem Sinn von “lohnt sich” oder der Definition von Erfolg. Denn es ist völlig egal, wie eine Profi-Autorin oder ein Hobby-Schreiber Erfolg für sich definieren: Selfpublishing lohnt sich auf jeden Fall, zumindest für den, der es tut, denn es erfüllt irgendein Bedürfnis (Bestätigung, Aufmerksamkeit, künstlerischer Ausdruck…) – sonst würde man ja die Veröffentlichung sein lassen.

Und… so rein finanziell? Je nach persönlichen Motiven kommt die Frage mal verschämt (wir bewegen uns ja hier im Bereich der Hochkultur), mal ganz direkt. Sie müssen sich wegen dieser Frage nicht schämen, auch wenn in Deutschland kulturell bedingt wenig über Geld gesprochen wird, jedenfalls über das eigene. Deshalb stelle ich sie hier noch einmal ganz groß:

Lohnt sich Selfpublishing finanziell?

Oben schrieb ich schon: manchmal verdient man damit sogar Geld. Dieses “manchmal” zu beziffern ist nicht leicht, und noch schwerer ist eine Anleitung, wie aus dem “manchmal” ein “für mich” wird.

Ich probiere es mal mit ein paar Zahlen, die vielleicht ein bisschen ernüchternd klingen. 2011 führte der deutsche Kindle-Store 25.000 deutschsprachige E-Books. 2012 hatte sich die Zahl schon verdoppelt, 2013 versechsfacht. 2015 waren es 300.000, und heute sind es rund 510.000 Titel, mit denen Ihr E-Book um Aufmerksamkeit buhlt. Die Verlagsproduktion ist dabei jedes Jahr etwa gleich geblieben, bei ca. 80.000 Büchern pro Jahr in Deutschland. Gestiegen ist der Anteil der Verlagstitel, die als E-Books angeboten werden (heute nahe 100 Prozent), noch stärker gestiegen ist der Anteil der E-Books von Selfpublishern.

Das erkennt man u.a. an der Anzahl der Autoren. Am 1. Januar 2015 hatten rund 45.000 Autoren bei Amazon.de deutschsprachige Bücher veröffentlicht (ältere Daten habe ich nicht in meiner Datenbank). Ein Jahr später, am 1. Januar 2016, waren es schon etwa 60.000. Der Zuwachs dürfte sich zu 90 Prozent aus Selfpublishern speisen. Eine Schätzung von 30.000 Selfpublishern insgesamt sollte realistisch sein.

Interessanterweise ist diese Zahl binnen Jahresfrist allerdings leicht (= 3 Prozent) gesunken. Da gab es wohl einige, die die Frage nach dem “lohnt sich Selfpublishing finanziell” für sich mit “nein” beantwortet haben. Aber davon sollten Sie sich nicht beeinflussen lassen. Denn der Markt wächst nach wie vor von Jahr zu Jahr, jedenfalls der Teil des Marktes, den Selfpublisher in Deutschland erreichen.

Das verät z.B. ein Blick auf die Umsatzkurve. Was die Top-150-Selfpublisher in Deutschland im Mittel mindestens verdienen, ist seit 2015 um 50 Prozent gestiegen. Summiert man den Gesamtumsatz der Top 150 über ein Jahr und teilt den Wert durch 1,5, kommt man auf etwa 8 Millionen E-Books, die von den 150 meistverkaufenden SP-Autoren derzeit pro Jahr verkauft werden. Typisch für eine solche Verteilung ist, dass die anderen 29850 Selfpublisher zusammen etwa denselben Umsatz hatten, das wären dann weitere 8 Millionen, womit wir bei 16 Millionen E-Books pro Jahr sind, ein Anstieg von rund 5 Millionen E-Books seit 2015.

Diese 16 Millionen E-Books verteilen sich also auf ca. 30.000 Selfpublisher. Jeder hat damit im Mittel rund 530 E-Books pro Jahr verkauft. Allerdings handelt es sich um eine stark asymmetrische Verteilung, sodass der Mittelwert wenig aussagekräftig ist.

Der Median dürfte (und das ist jetzt eine reine Schätzung) eher bei der Hälfte des Mittelwerts liegen, also bei ca. 250 E-Books. Das heißt, die eine Hälfte der SP-Autoren hat mehr als 250 E-Books verkauft, die andere Hälfte weniger.

Ihre Chancen, pro Jahr mehr als 250 E-Books zu verkaufen, stehen also 50/50.* Leben kann man von 250 verkauften E-Books natürlich nicht, und selbst ein Lektorat zu bezahlen, ist davon noch nicht möglich.

Kann ich als Selfpublisher vom Schreiben leben?

Wie hoch stehen dann Ihre Chancen, als Selfpublisher vom Schreiben leben zu können? Wenn Sie gut schreiben, professionell arbeiten, beim Marketing nicht zu viel falsch machen und vor allem eine ordentliche Portion Geduld mitbringen: bei etwa 70 Prozent. Hier wirkt oft das Genre einschränkend – wer sich als Autor für magischen Realismus oder Kinderbücher begeistert, braucht noch eine Stange mehr Geduld.

Und wie sieht das in Zahlen aus? Es sind wohl derzeit kaum mehr als 500 Autorinnen und Autoren, die in Deutschland vom Selfpublishing mehr oder weniger leben können. Darunter sind auf jeden Fall die 150 KU-Top-Autoren, doch auch eine ganze Reihe weiterer, die sich nicht exklusiv an Amazon gebunden haben. Es ist sogar inzwischen möglich, den Schwerpunkt auf Shops abseits von Amazon zu legen. 500, das sind weniger als zwei Prozent. Einerseits. Andererseits waren es 2015 noch etwa 350.

“Manchmal” liegt also je nach Interpretation bei 100, 70 oder 2 Prozent. Oder bei Null, wenn Sie es gar nicht erst versuchen.

*Die Zahlen berücksichtigen Umsätze bei anderen Shops nicht. Dort liegt der Marktanteil der Selfpublisher zwar deutlich niedriger, trotzdem werden aber signifikante Einnahmen erzielt.

Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat ĂĽber 50 BĂĽcher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. FĂĽr sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der MĂĽnchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet auĂźerdem als Kolumnist fĂĽr das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor fĂĽr SPACE, Federwelt und Telepolis. SchlieĂźlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

2 Comments

  • Interessant wäre, wie viele von den registrierten Autoren/Publizisten nach einem Jahr noch aktiv sind, ergo: Wie hoch ist der Anteil von Karteileichen?

    • “Aktiv” sieht man ja nicht, aber man könnte die Ein-Buch-Autoren evtl. rausfiltern…

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