So gehts: Interaktivität für iBooks – HTML5-Widgets selbst einbauen

Apples Self-Publishings-Programm “iBooks Author” hat eine Menge Nachteile. Ich weiß, so sollte man einen Artikel nicht anfangen lassen, aber wer diese Nachteile nicht akzeptieren kann, zieht sowieso keinen Nutzen aus dem Rest des Textes. Also:

  • es funktioniert nur auf neueren Mac-Rechnern
  • es hat trotz Version 2 noch ein paar Macken
  • die damit erzeugten eBooks laufen nur auf iPads
  • die damit erzeugten eBooks dürfen nur über iTunes vertrieben werden

Ein großer Vorteil von iBooks Author (iBA) ist aber, dass man damit Interaktion zwischen Buch und Leser – und sogar Interaktion zwischen Leser und Autor erzeugen kann. Nun streiten sich die Forscher zwar noch, ob Interaktivität das Verständnis eines Textes wirklich verbessert. Doch iPad-Besitzer sind eine ganz besondere Spezies: Sie spielen gern. Und warum sollte man als Autor dem Leser nicht versuchen zu geben, was er sich wünscht? Tatsache ist, dass man in einem iBA-Buch fast jede Funktionalität nachbauen kann, die auch eine App mitbringt. Nur ist man im iTunes-Bookstore deutlich weniger Konkurrenz ausgesetzt als im Appstore. Ich biete deshalb meine eBooks bei Apple wenn möglich mit via Widgets erweiterten Features an.

Die Auswahl von iBooks Author ist dabei noch relativ begrenzt. Dazu gehören:

  • Galerie (eine Reihe von Fotos, die der Leser durchscrollen kann, ohne die aktuelle Seite zu verlassen)
  • Medien (Filme und Musik)
  • Wiederholung (ein interaktives Quiz, allerdings merkt sich das Buch die Ergebnisse nicht – setze ich zum Beispiel an jedem Kapitelende meines Quantenphysik-Buchs zur Wiederholung der wichtigsten Fakten ein)
  • Keynote (komplette Keynote-Präsentation)
  • Interaktives Bild (ein Bild mit definierten Bereichen, die zusätzliche Erklärungen liefern)
  • 3D-Bild (vom Leser drehbare 3D-Grafik im Collada-Format .dae, sollte maximal 50.000 Polygone haben.)
  • Scrollbalken (Text, der nicht mit dem Haupttext fließt)
  • Popover (lässt ein Fenster mit Zusatzinformationen an der gewünschten Stelle erscheinen)
  • HTML (zum Einbinden eigener HTML5-Widgets)

Das HTML-Widget ist dabei eindeutig am spannendsten, denn es ermöglicht eine nahezu beliebige Erweiterung des Funktionsumfangs. HTML5 ist gewissermaßen der neuzeitliche Ersatz für Adobes Flash-Technologie, die bekanntermaßen von Apple noch nie unterstützt wurde und auch allmählich aus Android-Geräten verschwindet.

Damit lassen sich mit verhältnismäßig einfachen Mitteln vom Nutzer steuerbare Abfolgen erzeugen. Die Bezeichnung “Animation”, die dafür oft Verwendung findet, trifft den Kern eigentlich nicht ganz, denn es geht um weit mehr als einen Trickfilm, es geht um ein Mini-Programm, neudeutsch App.

Das Einbinden eigener HTML5-Widgets in iBooks Author beschreibt Apple auf seinen Hilfeseiten. Kurz gefasst: Sie brauchen unbedingt drei Dateien: Eine HTML-Datei (mit der Dateiendung .html), ein Bild namens Default.png (das angezeigt wird, solange der Nutzer das Widget noch nicht angetippt hat) und eine Infodatei mit dem Namen Info.plist (wie unter dem Apple-Link oben beschrieben). Diese drei Dateien kommen in einen eigenen Ordner. Benennen Sie diesen in IhrName.wdgt um – und schon ist das Widget fertig.

Nun ist Programmieren in HTML und Javascript zwar nicht kompliziert. Aber Autoren haben ja oft mit der Technik ihre eigenen Probleme. Glücklicherweise gibt es Anbieter, die Ihnen das Schlimmste abnehmen. Meine Empfehlung dazu ist Bookry. Die Firma hat bereits eine ganze Reihe interessanter Widgets vorbereitet, die Sie kostenlos in Ihr eBook übernehmen dürfen (wenn Sie das Bookry-Logo entfernt haben wollen, müssen Sie allerdings 25 Dollar pro Widget zahlen). Dazu gehören:

  • Google Maps – die bekannten Karten von Google
  • Interactive Timeline – eine Zeitreise per Bild
  • Twitter – Ihre Twitter-Botschaften, live im eBook
  • iTunes Music – lassen Sie den Leser seine eigene Musik hören
  • PDF Document Viewer – PDF-Dokumente direkt im iBook
  • Sketchpad – ein kleines Zeichenprogramm
  • Browser – zeigt komplette Webseiten
  • YouTube – Filme aus YouTube streamen
  • Vimeo – Filme aus Vimeo streamen
  • Interactive Fireworks – ein Feuerwerk. Nun ja 🙂
  • Office Document Viewer – Office-Dokumente direkt anzeigen
  • Instagram Gallery – Fotos von Instagram laden
  • Drag and Drop – kleines Spiel mit Bildern
  • WordSearch – noch ein Spiel
  • Reader Cloud – sehr spannend: darüber können Leser sich im Buch Notizen anfertigen, die in der Cloud gespeichert werden
  • Feedback – direkter Kontakt zwischen Leser und Autor
  • Scientific Calculator – wissenschaftlicher Taschenrechner
  • Form Builder – Formulare, Formulare…
  • Match – ein Memory-Spiel
  • BMI Calculator – Berechnet den Body Mass Index
  • Spot The Difference – Finde den Unterschied
  • Image Explorer – zeigt Bilder, die viel größer sind als eine Seite
  • 360 Panorama – Rundumsicht (Bildquelle: iPhone)
  • Slider Puzzle – Puzzle-Spiel
  • Flickr Gallery – Bilder aus Flickr

All diese Widgets lassen sich wie gesagt per Mausklick in iBooks Author einbauen.

Programme zum Erstellen von HTML5-Widgets

Wer trotzdem noch nicht die Wunschanwendung gefunden hat, kann sich per Software das HTML-Programmieren abnehmen lassen. Unter den drei Kandidaten dafür, Adobe Edge Animate, Sencha Animator und Tumult Hype, gefällt mir letzteres eindeutig am besten, obwohl es 60 Dollar kostet. Es besitzt sogar einen Export-Modus, der direkt das von Ihnen benötigte Widget-File erzeugt. Außerdem ist der Support hervorragend.

Viel Spaß – und wenn Sie ein hübsches eBook gebaut haben, geben Sie mir doch einen Tipp, dann verlinke ich es hier 🙂

Ressourcen für iBooks-Author-Widgets

http://www.the3dstudio.com Ein Marktplatz für 3D-Modelle zu bezahlbaren Preisen

http://www.3dcadbrowser.com/ Viele kostenlose 3D-Modelle, auch schon im Collada-Format herunterzuladen

 

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

10 Kommentare

  1. Das funktioniert alles sehr gut, nur die einfachste Art von Interaktivität versteh ich nicht: Das “auf einen Bereich klicken”. Wenn ich ein Bild habe, möchte ich auf bestimmte Spots drücken (oder klicken), die ich vorher markiert habe, und ich komme einfach auf die passende Seite. Ohne Textmarkierung. Wie geht das denn? Schon mal Dank voraus.

  2. Das mit dem KF8 Format ist ja auch so eine Sache: es läuft nicht auf allen Kindles. Und wer mag schon ein reich bebildertes Buch auf einem Schwarzweißbildschirm lesen. Sicher, ich bin durch IBA verwöhnt, allerdings verstehe ich nicht, warum ich mich als Schreiber, Gestalter und Publisher mit irgendwelchen Konvertierungen herumschlagen soll, habe ich doch schon genug zu tun. Also, wenn Amazon da was ähnliches wie Apple hätte, ja dann. Es gibt zwar ein Plugin für Indesign und mit Indesign könnte ich auch vernünftig layouten, doch leider habe ich Indesign CS3 und das Plugin verlangt CS5 oder neuer. Doch Indesign ist für mich auslaufende Software und so kauf ich mir wohl auch kein Uograde für über 300 Euro.

  3. Deine Widget-Liste ist toll, da muss ich ja gleich mal reinschauen. Hype von Tumult habe ich schon länger, doch damit erstellte Inhalte als Widget in einem Buch zu verwenden hatte ich noch keine Gelegenheit. Kommt aber bestimmt.
    Sich über proprietäre Dateiformate zu ärgern, ist ja eh des Deutschen liebstes. Meine Frau und ich haben inzwischen 6 kleine Büchlein mit iBA erstellt und das geht wunderbar. Doch da der Verkauf eher schleppend läuft, dachte ich an eine zusätzliche Veröffentlichung bei amazon. Oh weh, oh weh. Nur mit einem Buch gelang mir das überhaupt, weil das eher viel Text und nur ganz wenige Bilder enthält. Das Layout ist lange nicht so schön wie auf meinem iPad und nicht alles konnte ich ins Mobi-Format überführen. Wenn es denn wenigstens ePub auf den Kindle’s gäbe, dann könnte ich das Buch mit Apple Pages ja noch mal layouten, doch so.

  4. Deine Widget-Liste ist toll, da muss ich ja gleich mal reinschauen. Hype von Tumult habe ich schon länger, doch damit erstellte Inhalte als Widget in einem Buch zu verwenden hatte ich noch keine Gelegenheit. Kommt aber bestimmt.
    Sich über proprietäre Dateiformate zu ärgern, ist ja eh des Deutschen liebstes. Meine Frau und ich haben inzwischen 6 kleine Büchlein mit iBA erstellt und das geht wunderbar. Doch da der Verkauf eher schleppend läuft, dachte ich an eine zusätzliche Veröffentlichung bei amazon. Oh weh, oh weh. Nur mit einem Buch gelang mir das überhaupt, weil das eher viel Text und nur ganz wenige Bilder enthält. Das Layout ist lange nicht so schön wie auf meinem iPad und nicht alles konnte ich ins Mobi-Format überführen. Wenn es denn wenigstens ePub auf den Kindle’s gäbe, dann könnte ich das Buch mit Apple Pages ja noch mal layouten, doch so.

    Wenn Du auf unsere 6 eBooks, die sich überwiegend mit unserer Fotografie und Norddeutschland befassen, verlinken möchtest, es würde mich sehr freuen.

    1. Fotobücher funktionieren bei Amazon u.U. auch – mit KF8 geht das. Ich biete den Lesern meist an, zusätzlich kostenlos ein PDF anzufordern, das dann die ganze Pracht zeigt…

  5. Ich habe auch schon kostenlose iBooks im Store und darf diese auch außerhalb des Stores im .ibooks Format kostenlos anbieten. Lediglich das kostenpflichtige .ibooks darf nur im Store angeboten werden. Der Inhalte des Buches gehört weiterhin mir, und den darf ich in .epub Dateien auch woanders verkaufen. So schlimm ist die Regelung gar nicht.

  6. Komisch, wenn Microsoft/Amazon ein proprietäres Produkt herausbringt, rufen alle sofort den Exorzisten. Wenn aber Apple etwas macht, das nur auf einen Bruchteil der weltweit vertrieben Hardware funktioniert, ist das was ganz anders.

Kommentare sind geschlossen.