Stiltipps für Autoren: Der Thesaurus als Ideenquelle

(Bild: masha_tace / depositphotos.com)
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Ein Buch hat so viele Wörter, da kommt es ja wohl nicht auf jedes einzelne an, oder? Mit dieser Einstellung, tut mir leid, werden Sie nicht weit kommen – zumindest nicht zu dem bestmöglichen Text, den Sie schreiben können. Wie Sie jedes Ihrer Wörter zählen lassen, lesen Sie im Folgenden.

Wörter haben eine sonderbare Eigenschaft: Sie sind Schöpfer, ja, sie erschaffen Realitäten. Wer ein Wort erschafft, erschafft das Ding dazu – das kann eine Emotion sein wie »Liebe«, ein Konzept wie »Steuerflucht« und vieles mehr. »Liebe« etwa ist tatsächlich nur ein Wort. Es tut so, als wäre das dahinterstehende und sehr individuelle Chaos an Gefühlen ein einziges Gefühl. Was für eine Schöpfung, was für eine geniale Täuschung! Und wie sehr eine solche Schöpfung das Leben vieler Menschen beeinflussen kann.

Eine für Autoren sehr relevante Täuschung ist das Wort »Synonym«. Tatsächlich gibt es keine Synonyme. Wenn zwei Wörter etwas Identisches beschreiben, wird eins dieser Wörter langfristig verschwinden, denn es wird nicht mehr gebraucht. Halten tun sich die Wörter, die, wenn auch manchmal nur in Nuancen, Abweichendes beschreiben.

Allzu schnell greift der Autor zum Thesaurus, in dem »Synonyme« aufgeführt sind. Am Thesaurus selbst ist nichts auszusetzen, die meisten Autoren benutzen ihn allerdings falsch: Sehen Sie den Thesaurus nicht als Lösung des Problems, sondern unter anderem als eine Inspiration zur Lösung. (So sollten Sie übrigens auch an Schreibrat-Artikel wie diesen hier herangehen: Lesen Sie ihn nicht als Vorschrift, sondern als Ausgangspunkt für Ihre eigenen, besseren Ideen.) Vielleicht bringt Sie das neue Pseudo-Synonym auf eine bessere Idee oder es hilft Ihnen, den Satz zu verändern, damit er noch klarer ausdrückt, was Sie ausdrücken wollen. Der Thesaurus leistet sogar noch mehr, wie Sie aus den Beispielen sehen werden.

Lea ging ins Arbeitszimmer. Anschließend ging sie hinaus in den Garten.

Zwei Mal »ging« hintereinander? Das geht (sic!) ja gar nicht.

Es geht. Der Grundsatz Nummer eins bei Synonymen ist: Wörter zu wiederholen, schmerzt den Autor meistens mehr als den Leser. Mehr noch. Stilistisch kann die Wiederholung eines Wortes vieles sein: ein Statement, ein Rhythmusgeber, eine inhaltliche Betonung, eine Vorausdeutung usw. Sprich: In mindestens drei Vierteln aller Fälle können Sie den Griff zum Thesaurus ansatzlos streichen. Das spart Zeit und Mühe und sorgt am Ende für einen besseren Text. Kaum etwas hat zur Verschlimmbesserung von Texten mehr beigetragen als die einfache Verfügbarkeit des Thesaurus über die rechte Maustaste oder einen Tastendruck.

Sagen wir, Sie haben Ihre Gründe, in diesem Beispiel das zweite »ging« durch ein anderes Wort zu ersetzen. Und benutzen den Thesaurus. Darin finde ich in meinem Programm Papyrus Autor schlappe 194 »Synonyme«. Greifen wir uns mal eins heraus. Wie wäre es mit »schlendern«? Sie als sprachbegabter Mensch erkennen natürlich sofort, dass »schlendern« nicht dasselbe bezeichnet wie »gehen«, sprich: es einfach zu ersetzen, verändert den Text auch inhaltlich.

Lea ging ins Arbeitszimmer. Anschließend schlenderte sie hinaus in den Garten.

Das Bild, das der Leser von der Szene mit Lea im Auge hat, verändert sich ebenfalls. Statt die Sache dennoch auf sich bewenden zu lassen – der Thesaurus wird schon wissen, was er tut –, denken Sie nach: Passt »schlendern« vielleicht sogar besser zu der Szene, die ich ihm Kopf habe? Will ich, dass Lea so entspannt ist, dass sie nicht geht, sondern schlendert?

Der gute Romanautor denkt in Konflikten. Und da ruft ein Wort wie »schlendern«, das als Verb mehr Power hat als »gehen«, sofort die Konfliktmaschine an: Könnte ich Lea im Garten mit etwas konfrontieren, das im krassen Gegensatz zu ihrem »schlendern« steht? Findet sie womöglich die Leiche ihres geliebten Zwerghasen Prinz Charming?

Sprich: Der Thesaurus inspiriert hier zu einer interessanteren Szene oder einer spannenden Wendung. Das Gute daran: Sie müssen das neu entdeckte Verb nicht mal stehen lassen. Sie können es durch ein anderes ersetzen, das womöglich noch besser in die neue Szene passt.

Das ist noch nicht alles!

Nehmen wir mal an, Sie hätten das »Synonym« »marschieren« entdeckt.

Lea ging ins Arbeitszimmer. Anschließend marschierte sie hinaus in den Garten.

Sie entscheiden aber schnell, nein, das passt nicht in den Satz. Dennoch erkennen Sie, dass es gut zum Charakter von Lea passt. Ja, diese Frau hat etwas Zackiges, fast Militärisches an sich. Sofort ändert sich Ihre Wahrnehmung von Lea und beeinflusst, wie und was Sie im Folgenden über Lea schreiben. Womöglich lassen Sie sie an anderer Stelle tatsächlich »marschieren«.

Oder Sie entdecken das »Synonym« »sich begeben«. Das klingt gestelzt und altertümlich. Aber Sie finden, dass es genau den ironischen Ton trifft, den Sie die ganze Zeit für Ihre Geschichte im Kopf haben.

Was für Verben gilt, gilt auch bei anderen Wortarten, etwa bei Substantiven. Auch hier bietet der Thesaurus Ihnen mehr als nur ein (unbefriedigendes) Synonym. Für das Wort »Garten« aus dem Beispielsatz oben etwa den Begriff »grüne Lunge« – was Ihnen spontan die Idee gibt, Lea im Showdown jemanden mit einer Pistole einen Lungenschuss zu verpassen. Oder »Grundstück«. Da fallen mir sofort Grundstücksstreitigkeiten ein (ah, ein Konflikt!) und auch der Grund wie in »Ursache«. Könnte der Garten die Ursache von etwas sein? Leas Erbstreitigkeiten mit ihrer Schwester?

Wollten Sie nicht schon immer mal eine Muse, auf Mausklick abrufbar? Auch das kann der Thesaurus sein.

Extratipp: Probieren Sie den neuen Klang aus, den ein »Synonym« erzeugt. Und betrachten Sie auch die Sätze davor und dahinter. Inwieweit fügt sich das neue Wort in den Ton des Textabschnitts?

Sehen Sie den Thesaurus als das, was er seiner Wortbedeutung nach ist. Auch diese habe ich im Thesaurus meines Textverarbeitungsprogramms gefunden. Da lautet ein Synonym für ihn: Schatzhaus.

Ein Schatz, den Sie heben sollten. Glück auf!

Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren persönlich oder in Workshops übers Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als Paul Mesa selbst Romane.

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Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

3 Comments

  • Steuerflucht? Gibt Papyrus Autor vielleicht auch brauchbare Praxistipps? (In Woxikon und dem OpenOffice-Thesaurus habe ich leider nichts dazu gefunden.)

  • Ich emfehle ergänzend: http://synonyme.woxikon.de/

  • Wolf Schneider schau ow (herunter)

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