Amazon-Diskussion: Warum es keinen fairen Buchmarkt gibt

Inzwischen muss man sich ja beinahe dafür entschuldigen, einen weiteren Beitrag zur Amazon-versus-Hachette-Debatte zu liefern. Ich versuche es trotzdem, weil ein Punkt hier immer wieder zu kurz kam: die Frage nach den Interessen. Im bewussten Autoren-Brief, in Amazons “Readers United”-Aufruf und in so gut wie jedem anderen Statement und erst recht in den Presse-Reaktionen darauf gab es viel zu viele bestimmte Artikel.

“Die” Autoren, “die” Leser, “die” Self Publisher”, “die” Buchhändler, “die” Verlage: der Artikel unterstellt, dass die Angehörigen dieser Gruppen dieselben oder zumindest ähnliche Interessen haben – und dass diese mit den Interessen der jeweils als Gegensatz dargestellten Gruppe kollidieren. Tatsächlich gibt es aber beispielsweise schon unter den Autoren mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Und dass Autoren und Verlage von denselben Interessen getrieben werden, stimmt höchstens auf einer grundlegenden Ebene: Man will von seiner Arbeit leben.

Also bitte, liebe Briefschreiber, liebe Kollegen von der Presse: Verzichtet auf das “die”.

Gleichzeitig heißt das aber auch, dass wir uns von einer Idee verabschieden müssen: dass es einen “fairen Buchmarkt” geben könnte. Der Buchmarkt funktioniert, wie jeder andere Markt, nach gewissen Regeln. Fairness oder Gerechtigkeit gehören nicht dazu, gehörten noch nie dazu.

Lange Zeit konnten zum Beispiel Verlage als eine Art Wächter bestimmen, welcher Autor Anteil am Buchmarkt hat und welcher nicht. Ist das fair? Das hat sich zumindest für eBooks inzwischen geändert, und daran ist Amazon nicht ganz unschuldig. Aber auch ohne Amazon wäre das passiert – dann hieße der Bösewicht heute vielleicht Apple.

Das ist nicht das Ende des Abendlandes, es ist einfach eine Folge der Digitalisierung, wie sie auch viele andere Branchen spüren. Wenn sich die Welt ändert, kann man versuchen, die Veränderung aufzuhalten. Historisch war das selten erfolgversprechend. Darum ist es vielleicht klüger, sich daran zu beteiligen. Dazu braucht man Amazon nicht zu lieben. Es genügt völlig, sich auf die eigenen Interessen zu besinnen.

Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat ĂŒber 50 BĂŒcher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. FĂŒr sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der MĂŒnchner Verlagsgruppe tĂ€tig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist fĂŒr das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor fĂŒr SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

10 Comments

  • Wer ist so naiv zu glauben, das die die Welt verbessern wollen? Die NSA will nur Terroristen killen, Google und Facebook wollen nur eine bessere Welt erschaffen? Die wollen einfach alles wissen und am Besten auch noch kontrollieren. Das absolut geniale daran ist: "Wenn interessiert das?".

  • Ein lesenswerter Artikel, der das Augenmerk zurecht auf die vernachlĂ€ssigte Frage nach den Interessen legt!
    Das man sich von der Idee eines Fairen Buchmarktes verabschieden muss, wollen wir bei PaperC allerdings noch nicht akzeptieren. Denn eine Branche, die sich in das eigene Fleisch schneidet, bringt zwangslÀufig mehr Verlierer als Gewinner hervor: http://blog.paperc.com/2014/08/19/aus-aktuellem-anlass-amazon-gegen-alle-alle-gegen-amazon/

  • Dieser Beitrag schafft eine Klarheit, lieber Matthias, die ich bei den bisherigen BeitrĂ€gen, Diskussionen und Briefen vermisst habe. Deshalb kann ich ihn auch unterschreiben. Die verschiedenen Interessen und die emotionale Aufheizung haben das, was wirklich dahinter steckt, verschleiert. Ja, wem nĂŒtzt das Ganze? Alle Beteiligten tĂ€ten gut daran, einen Blick auf den gesellschaftlichen, hier digitalen Wandel zu werfen, der auch nicht mit aller Gewalt aufzuhalten ist-und das davon fĂŒr sich zu verwenden, was ihnen nĂŒtzt.

  • Danke fĂŒr diesen wohltuend "coolen" Beitrag in einer kĂŒnstlich völlig ĂŒberhitzten, pseudomoralischen Debatte, die inzwischen daherkommt, als gelte es, bedrohte Tierarten zu schĂŒtzen. Dabei wĂ€re es lĂ€ngst an der Zeit, sich um all die spannenden, inspirierenden und LeserInnen begeisterndem Möglichkeiten dieser Zeit zu kĂŒmmern. Wo Megakonzerne gewisse Dinge einfach besser können. Und wo Kleinststrukturen einfach Dinge besser können, die Megakonzerne nicht können.
    Und was die Interessen betrifft, so frage ich mich mittlerweile bei jedem Artikel zum Thema: Cui bono? Wem nutzt dieser Beitrag? So einen wie hier wĂŒrde ich gern im Feuilleton lesen!

  • Zitat … stimmt höchstens auf einer grundlegenden Ebene: Man will von seiner Arbeit leben. Zitatende. Und das ist der entscheidende Satz in diesem ganzen Theater. Viele Jahre hat man mich nicht davon leben lassen, heute lebe ich davon. PUNKT.

  • Gaebe es Amazon nicht, wuerde ich als im Ausland lebende und readerlesende noch nicht schon so viele Buecher in deutscher Sprache bestellt und gelesen haben. Viele dieser Buecher habe ich auf Hinweise von verschiedenen Schriftsteller auf facebook bestellt. Auf Amazon kann mann ja auch immer vorerst die Kurzbeschreibung lesen und wenn diese gefaellt, das Buch auch bestellen. Um so viele Buecher lesen zu koennen, muesste ich Tage in einem Buchladen verbringen. Da ich in Italien und noch dazu in einer Kleinstadt lebe, haette ich dabei einige Schwirigkeiten. Fuer mich ist daher Amazon wirklich ganz, ganz o.k.

  • Dieser Beitrag grenzt sich wohltuend von den bisherigen BeitrĂ€gen zum Thema, ob Amazon nun der Ausbund des Bösen ist und die gesamte Buchkultur, ja die Kultur schlechthin und mit ihr die gesamte uns bekannte Welt in den Abgrund reißt oder nicht, ab. Nach meiner Wahrnehmung geht es vielen der beteiligten Diskutanten auch gar nicht um Amazon als Unternehmen.

    Amazon ist hier nur ein Synonym fĂŒr etwas umwĂ€lzendes, das gerade geschieht. Diese UmwĂ€lzungen betreffen den gesamten Bereich der digitalen, digitalisierten und virtualisierten Welt. Es gibt hier allerdings einen Unterschied zu den bisherigen Diskussionen zum Thema online-Handel etc. Plötzlich tauchen auf der Gegenseite des Protagonisten der digitalen Lesewelt Amazon Unternehmen und Personen auf, die etwas reprĂ€sentieren, oder anscheinend reprĂ€sentieren, das fĂŒr den Fortbestand der Welt fĂŒr unerlĂ€sslich gehalten wird. BĂŒcher, und damit verbunden Kultur. Doch geht es Verlagen und Autoren um den Fortbestand des Buches als Kulturgut? Ich glaube zumindest nicht nur. Diese Gegenspieler haben vor allen Dingen eins: ANGST. Angst vor dem was da passiert, weil die Welt, so wie sie diese bislang kannten sich in einem unerhörten Tempo Ă€ndert. Das macht vielen Menschen Angst, warum also nicht auch Verlegern und Autoren?

    Es gibt auf dieser Welt Menschen und Unternehmen die total clever sind, viel schlauer und weitsichtiger als ich es je sein könnte, die Vorstellungen haben wie etwas weiterentwickelt werden kann. Und die das dann machen. Dazu gehören nicht nur Apple, Google, Amazon, dazu gehören auch viele andere. Aber die drei sind eben momentan in aller Munde. So wie es vor vielen Jahren Microsoft war. Und das, was diese Menschen dann entwickeln, lĂ€sst sich nicht mehr zurĂŒckschrauben.

    Doch nach meiner Erfahrung auf dieser Welt, geht es letztendlich immer nur um Geld. Es geht Verlagen um Geld, es geht Autoren um Geld, es geht natĂŒrlich auch Amazon und allen anderen um Geld. Es geht nicht darum, ob E-Books an sich gut oder schlecht sind, zu billig oder zu teuer, ob 30%, oder 70 % Autorenhonorar angemessen sind, oder vielleicht doch eher 8 – 10%. Ich bin mir sicher, dass viele Selfpublisher annehmen, dass die 70 % von Amazon angemessen und gerecht sind. Sind sie aber nicht, sie sind nĂ€mlich frei festgelegt. Reine WillkĂŒr sozusagen. Warum 70 % und nicht 73,85 %, oder 46,52 %. Weil sich jemand das so ausgedacht hat. Das hat niemand gerechnet. Das konnte nĂ€mlich niemand rechnen, weil es das vorher nicht gab. Annahmen, SchĂ€tzungen, eine Portion BauchgefĂŒhl, und dann: Versuch macht klug!!!

    Das Amazon versucht seine Marktposition dergestalt auszunutzen, dass seine Marge steigt, dĂŒrfte doch nun wirklich jedem klar sein. Deshalb werden Verlage unter Druck gesetzt, deshalb werden diese << ich kann gerade nicht liefern>> Spielchen getrieben. Das ist das ganz normale GeschĂ€ft. Wer das nicht glaubt, oder nicht kennt, der sollte mal die Nase vor die TĂŒr halten und die Welt beobachten. Dieses unglĂ€ubige Staunen ob eines ausgesprochen merkantilen Verhaltens eines bedeutenden Marktteilnehmers verblĂŒfft mich immer wieder.

    Ich weiß nicht, warum Menschen immer glauben, alles mĂŒsse mindestens wo weitergehen, wenn nicht besser werden. Gar nichts muss besser werden. Glaubt denn irgendjemand, dass die Tantiemen bei Amazon auf alles Zeiten so sprudeln werden wie sie das jetzt tun? Glaubt denn irgendjemand, dass es immer so weitergeht? Ich glaube das nicht. Sobald Amazon sich das leisten kann, werden die Tantiemen gesenkt, das ist doch ganz klar.
    das ist Kapitalismus. Alle wollten ihn, jetzt ist er da, also hört auf zu lamentieren. Dieses Dinosaurierverhalten und das starre Festhalten am Status Quo geht mir auf den Keks.

  • Daumen hoch!

  • Ganz genau 😉

  • Klasse geschrieben, spricht mir aus der Seele. Danke, Matthias Matting

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