Autoren-Tipp: Wie Sie professionell auf Leser-Rezensionen reagieren

Ja, es ist gemein. Da erschafft man in nächtelanger Arbeit eine neue Welt, leidet mit seinen Heldinnen und Helden, quält sich, um auch ja die optimale Formulierung zu finden, bezahlt Dienstleister, fiebert dem Erscheinen des Buches voraus – und dann kommt ein Leser mit einer 1-Sterne-Wertung und den simplen Worten “Habe mich gelangweilt” daher. Wie bitte? Wie kann der nur? Muss der seine schlechte Laune an mir auslassen? Waren seine Kinder gerade fies zu ihm, ärgert ihn sein Chef, hat er Sodbrennen?

Tja – irgendwann erleben jede Autorin, jeder Autor diesen Moment. Man möchte in die Tischkante beißen, oder, noch besser, eine geharnischte Antwort in die Tastatur tippen und sich gleich danach unter Kollegen darüber ausweinen. Mein Tipp: vergessen Sie jede dieser drei Reaktionen. Gut, es sind Ihre Zähne, und wenn Sie einen vertrauten Kreis von engen Freunden haben, dann können Sie dem auch gern Ihr Leid klagen. Öffentlich sollten Sie sich aber immer als das zeigen, was Sie sind: ein Profi. Und als solcher arbeiten Sie die folgenden beiden Schritte ab:

1. Prüfen Sie, was an der Kritik dran ist

Neun Zehntel aller Leser-Rezensionen werden nicht geschrieben, um den Autor zu ärgern. Die Leserin oder der Leser haben ein Anliegen, das ihnen sogar so wichtig ist, dass Sie sich öffentlich in einer Rezension dazu äußern. Schön, wenn dieses Anliegen im Loben des Autors besteht. Aber darauf haben Sie natürlich keinen Anspruch. Versuchen Sie, die Kritik wie ein neutraler Dritter zu lesen. Was ist der Kern?

Vermutlich haben Sie einen Anspruch des Lesers nicht erfüllt. Dafür kann es zwei Gründe geben: Erstens – es ist Ihnen sprachlich oder inhaltlich nicht gelungen. Das können Sie ändern, gerade in Zeiten des E-Books. Ist der Handlungsbogen vielleicht wirklich unlogisch? Liegt die Rechtschreibfehlerquote doch noch etwas höher als beabsichtigt? Zweitens kann es aber auch daran liegen, dass Sie den Anspruch gar nicht erfüllen wollten. Sie haben schließlich einen Thriller geschrieben und keinen Detektivroman oder eine Romanze und keine humorvolle Komödie. Trotzdem ist es dann in der Regel Ihr Fehler, denn irgendwie haben Sie diesen Anspruch des Lesers ja geweckt. Passt das Cover vielleicht nicht zum Inhalt? Verrät der Klappentext zu viel – oder zu wenig?

Falls Sie weder für Variante 1 noch für Version 2 Anhaltspunkte finden, kann es sein, dass die betreffende Rezension tatsächlich geschrieben wurde, um sie zu ärgern (oder um Frust abzubauen). Die erste Ein-Sterne-Reaktion beginnt meist mit der Einleitung “Ich kann gar nicht verstehen, warum dieses Buch so hoch bewertet wurde”. Es gibt einfach LeserInnen mit einem gewissen Widerspruchsgeist. Lassen Sie sich aber nicht vom Ton täuschen. Online äußern sich manche Menschen aggressiver, schärfer, deutlicher als im persönlichen Gespräch. Versuchen Sie trotzdem, den Kern der Botschaft zu erkennen.

Natürlich passiert es auch, dass RezensentInnen sich schlichtweg irren. Ihr Kindle funktioniert nicht, wie er soll, und sie glauben, dass Ihr Buch daran schuld ist. Das heimische WLAN des Lesers stockt, und nun macht er Sie verantwortlich, dass das E-Book nicht auf seinen Reader geladen wurde. Auch gern genommen: Sie bekommen eine tolle Rezension, aber nur einen Stern, weil der Leser irgendwie vom deutschen Schulnotensystem ausgegangen ist.

2. Reagieren Sie angemessen

Wie Sie nun reagieren sollten, hängt vom Ausgang von Schritt 1 ab. Falls Sie irgend etwas verbessern können: tun Sie’s – und dann danken Sie dem Rezensenten. Kritiker schätzen es, wenn Sie Fehler eingestehen. Womöglich überarbeiten sie dann die Bewertung sogar (darauf sollten Sie sich aber nicht verlassen). Ein kritischer Leser, der sich ernstgenommen fühlt, kann zum besten aller Fans werden.

Wenn der Leser sich geirrt und den falschen Adressaten auf dem Kieker hat, können Sie ihn höflich darauf hinweisen.

Die beste Reaktion auf reine Schimpf-Rezensionen besteht darin, diese zu ignorieren. Antworten Sie auf keinen Fall. Oft diskreditieren sich die Rezensenten damit selbst. Lassen Sie sich auch in den sozialen Medien nicht darüber aus. Wenn Sie online einen Streit anfangen, fällt immer etwas von der dadurch verursachten Missstimmung auf Sie zurück. Ein flüchtiger Leser, der weder Ihr Buch noch die Rezension kennt, könnte annehmen, dass Sie einfach keine Kritik vertragen. Das wollen Sie doch nicht, denn Sie sind ja ein Profi, und jammern wird immer als unprofessionell empfunden. Stellen Sie sich vor, die Verkäuferin an der Kasse lässt sich vor Ihnen über einen Kunden aus, der gerade den Laden verlassen hat. Das fühlt sich in der Regel unangenehm an, selbst wenn der Kunde wirklich ein Blödmann war, sie das aber nicht miterlebt haben.

Falls Ihnen solche Rezensionen zu nahe gehen: Lesen Sie sie nicht. Auch das ist eine sinnvolle Variante, die viele Nerven spart. Achten Sie nur auf den Bewertungsschnitt Ihres Buches. Fällt der unter 3,7 (also 3,5 Sterne und weniger), müssen Sie wohl oder übel doch überprüfen, was da schief läuft. Über die ein oder andere Ein-Sterne-Rezension müssen Sie auch gar nicht traurig sein. Tatsächlich verkauft sich ein Buch besser, wenn es nicht nur Fünf-Sterne-Rezensionen hat. Warum wohl? Würden Sie etwas kaufen, das alle Rezensenten großartig fanden? Oder würden Sie da nicht eher Gefälligkeits-Rezensionen vermuten?

Wenig Hoffnung sollten Sie übrigens darin setzen, Rezensionen zu melden. Amazon reagiert sehr selten, selbst wenn offensichtliche Spoiler oder Fehler enthalten sind.

Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat ĂĽber 50 BĂĽcher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. FĂĽr sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der MĂĽnchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet auĂźerdem als Kolumnist fĂĽr das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor fĂĽr SPACE, Federwelt und Telepolis. SchlieĂźlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

8 Comments

  • Leider wird nicht erwähnt, dass einige Autoren / Hater auch Hassrezis abgeben, um das Produkt der “Konkurrenz” so gut es nur geht, herabzumindern, damit es sich halt nicht mehr verkauft. Und genau da sollte Amazon mal reagieren. Oftmals sind es Leute, die sonst nichts rezensieren, und falls doch mal mehr als nur eine Rezi im Profil zu finden ist, werden Autoren aus dem gleichen Genre stets mit 5 Sternen bewertet. Ich finde, dass da ein Riegel vorgeschoben werden sollte.

  • Mir passierte Folgendes. Ein “Leser” unterstellte mir in einer Amazonrezension meines Romans STROM DES HIMMELS eine bestimmte, darin aufscheinende Einstellung aufgrund einer angeblichen, darin erwähnten Aussage, die mich nicht nur persönlich abwertete, sondern auch weder zutraf noch ĂĽberhaupt thematisiert worden war. Er konnte den Roman also gar nicht gelesen haben, da das, was er behauptete, darin nicht stand und nicht einmal hineininterpretiert werden konnte. Da ich viel zu selten checke, ob und welche Rezensionen ich erhalte, fiel mir erst Wochen später auf, dass ein anderer Leser diese Falschaussage bestritten und den ersten Leser dafĂĽr zurechtgewiesen hatte. Etwas, das mir sehr peinlich war und ich mir, wäre ich eingeweiht gewesen, absolut verbeten hätte, da sich ja jeder weitere Leser von der Unsinnigkeit der Behauptung/Unterstellung selbst hätte ĂĽberzeugen können. Ich weiĂź noch, in welcher Schwierigkeit ich mich befand. Unter diesen Umständen glaubte ich nämlich plötzlich, das inhaltlich gar nicht zutreffende korrigieren zu mĂĽssen. Erinnere mich jetzt nicht, ob ich es nicht sogar richtigstellte. Später erfuhr ich, dass der Kritiker ein Busenfreund meines damaligen betrĂĽgerischen Verlegers, dem ich kurz zuvor den Vertrag gekĂĽndigt hatte, und der, wegen mehrfachen Betrugs angeklagt, und in keinem der Fälle freigesprochen, jetzt angeblich im Gefängnis sitzt, war und konnte mir endlich einen Reim darauf machen. Umso mehr bedauerte ich meine damalige emotionale Reaktion. Sie war meiner absoluten Ăśberraschung, meinem Unverständnis geschuldet. Es gibt schon auch
    Missgunst und MerkwĂĽrdigkeiten bei Rezensionen.

  • Im Internet wird zu schnell kommentiert, auch kritisiert – wie richtig benannt, wird dort etwas gesagt, oft beleidigend, was man Auge in Auge nicht sagen wĂĽrde. Es gibt nicht so viele konstruktive Kritiken eines Textes – oft spielt auch Neid eine Rolle, wenn der Andere erzählerisch weiter ist, oder erfolgreicher ist. Kritik sollte inhaltlich begrĂĽnden, sich auf den Gedanken- und Erzählgang eines Autors einlassen, und nicht von auĂźen arrogant abwerten.

  • Vielen Dank fĂĽr diesen tollen Blogartikel.

    Das sehe ich genauso. Wir sind alle emotionale Wesen und sollten nicht einfach dem ersten Drang, zu kontern, nachgehen. Kritik ist doch auch anspornend, sich immer weiter zu verbessern.

  • Kurzfassung: Don't feed the trolls.
    Mit konstruktiver Kritik kann man sich auseinandersetzen. Sobald es persönlich wird, kann man nur verlieren. Ein Leser ist eine Privatperson, ein Autor aber Person des öffentlichen Interesses.

  • Ich habe noch nie auf eine Rezension reagiert, ob positiv oder negativ *gg

  • Interessant wäre auch die Frage, wann speziell Amazon mal gezielt gegen Hass-Rezensionen und -Kommentare vorgeht und diese genauso schnell löscht, wie 5-Sterne-Rezis, die das Unternehmen fĂĽr gefaked hält. Da gibt es eine ganze Reihe Accounts, auf denen sich keine einzige Bewertung befindet, die 2-Sterne ĂĽbersteigt bzw. weit mehr als die Hälfte aus 1- und 2-Sterne-Rezis besteht. Zudem könnte ein verbindlicher Rezi-Knigge nicht schaden. Nichts gegen eine gut und sachlich begrĂĽndete Negativ-Rezension, auch nicht gegen etwas im Stil von: “Das Buch ist langweilig” oder “Mich hat es nicht vom Hocker gerissen” oder “Nie wieder dieser Autor”,… geschenkt. das ist die persönliche Lesermeinung. Aber wenn´s persönlich wird und sich Autoren beleidigen lassen mĂĽssen, dann hört der SpaĂź auf. Ein Krimiautor muss sich nicht als pervers bezeichnen lassen, weil er eben einen Krimi geschrieben hat, in dem es eine aufgeschlitzte Leiche gibt. Wenn Autoren gleich welchen Genres zu Zielobjekten Rezensenten-Frusts werden, gehört m.E. von seiten des Plattformbetreibers eingeschritten. Und zwar sofort, da bloĂźes Aussitzen solche Typen leider nicht bremst, sondern eher noch bestärkt, denn sie bleiben völlig anonym und brauchen daher auch keine Konsequenzen zu fĂĽrchten.
    Vielleicht wäre es sinnvoll Autoren endlich die Käuferdaten zur Verfügung zu stellen.

  • Das kann ich unterschreiben. Konstruktive Kritik ist immer gut. Aber auf "Hater" reagieren ist niemals eine gute Idee. Es heiĂźt ja nicht umsonst: "Do not feed the troll". 🙂

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