Die gefährlichsten und häufigsten Fehler beim Schreiben eines Romans – Erkennen, beheben, vermeiden (Teil 2)

Typisch passiver Protagonist... (Foto: Everett225 / Depositphotos.com)
Typisch passiver Protagonist… (Foto: Everett225 / Depositphotos.com)

Den ersten Teil dieses Artikels finden Sie hier.

Ein passiver Protagonist ist der Tod eines Romans – lassen Sie daher nicht zu, dass dieser Roman-Mord das einzig Aktive ist, was Ihre Hauptfigur tun darf. Warum Passivität so verheerend wirkt und wie Passivität aussieht, haben wir im ersten Teil dieses Artikels gesehen. In der Reihe mit fatalen Fehlern beim Schreiben eines Romans sehen wir uns heute an, welche Folgen Passivität für einen Roman hat und wie Sie sie in Ihren eigenen Texten erkennen.

Die Folgen dieser Passivität sind vielgestaltig, aber immer gravierend:

  • Durch die Passivität des Protagonisten entsteht kein Drama. Auf den Roman als Ganzes bezogen, verhindert Passivität einen Spannungsbogen, die Dramaturgie, und eine glaubhafte, weil erarbeitete Wandlung des Protagonisten.

Dass kaum Spannung aufkommt, ergibt sich automatisch aus der Ziellosigkeit eines passiven Charakters: Wenn Frodo in Tolkiens »Der Herr der Ringe« kein Ziel hat, kann der Leser ihm nicht wünschen, dieses Ziel zu erreichen, und nicht verzweifeln, wenn er das nicht tut. Der Leser kann nicht mitfiebern, weil er nicht erkennen kann, welche Konsequenzen Ereignisse im Roman auf das Erreichen des Ziels haben. Ohne Ziel gibt es keine Konflikte, weil Hindernisse nur für den Charakter Hindernisse sind, dem sie im Weg liegen. Aber ohne Ziel eben kein zu beschreitender Weg. Hätte sich Frodo in Bruchtal nicht für sein Ziel entschieden, hätte er nach Hause gehen oder bei den Elben in Bruchtal bleiben oder sonst etwas unternehmen können. Ein Roman wäre dabei kaum herausgekommen. Ganz sicher kein Welterfolg.

  • Passive Charaktere schaffen es in den meisten Fällen nicht, beim Leser starke Emotionen auszulösen. Mal abgesehen von Ärger: »Wieso kriegt diese Transuse nicht endlich den Hintern hoch und tut etwas?«

Schlimmer noch: Passive Charaktere sind oder werden im Lauf des Romans unsympathisch. Sie sind vermutlich einer der am weitesten verbreiteten Gründe, warum ein Roman nicht zu Ende gelesen wird.

  • Ein passiver Protagonist gerät häufig nicht in Konflikte – und auch das kann für den Roman fatal sein.

Hier allerdings gibt es Ausnahmen. Gerade zu Beginn eines Romans stolpern viele Hauptfiguren (die sich den Titel »Protagonist« im Lauf des Romans durchaus verdienen) in Situationen, in denen sie zunächst nur passiv sind. Passivität ist dann durchaus ein funktionales, wenn nicht sogar ein starkes Instrument, sofern sich durch das Nichtstun des Charakters der Konflikt noch verschärft. Und – denken Sie daran, dass Sie möglichst die stärkste, die emotional intensivste Variante finden – diese Verschärfung sollte größer sein, als beim aktiv werden des Charakters.

Auch Frodo ist im ersten Akt des Romans eher passiv, er reagiert mehr als zu agieren. Das ändert sich im ersten Plotpoint in Bruchtal, wo Frodo sich entscheidet: »Ich werde den Ring nehmen, obwohl ich den Weg nicht weiß.«

Wichtig bei passiven Charakteren ist, dass die Handlung weiter voranschreitet und sich die Dinge im Roman spürbar verändern. Das erreichen Sie dadurch, indem Sie der passiven Hauptfigur (die ja noch kein Protagonist ist, steckt das Aktivwerden doch schon im »Pro«) einen aktiven Antagonisten gegenüberstellen. Ein solcher Antagonist (oder sein Helfershelfer) treibt dann die Handlung voran, er wird – zumindest für eine Weile – zum eigentlichen Protagonisten.

Wenn Sie keine äußeren Handlungen des Charakters zeigen (etwa einen Ork verdreschen oder Informationen über Sauron suchen), müssen Sie dem Leser die Veränderungen im Inneren des Charakters nahebringen (etwa wie sich Frodos Einstellung zu Gollum wandelt) . Nur auf diese Weise bauen Sie Suspense auf – indem Sie deutlich machen, dass der passive Charakter der Explosion immer näher kommt. Und: Nur auf diese Weise gelingt es Ihnen, den Charakter beim Leser weiter als sympathisch erscheinen zu lassen. Der Leser darf sich nicht permanent fragen, warum Frodo nicht endlich etwas unternimmt. Liefern Sie ihm überzeugende Gründe dafür.

Irgendwann aber muss die Passivität in Aktivität kippen, es zu einer Reaktion kommen und danach möglichst zu einer vom Protagonisten selbst angestoßenen, also unprovozierten Aktion. Das könnte beispielsweise bedeuten, dass die in einer Burg von Orks belagerten Hobbits sich nicht länger nur verteidigen, sondern sich ins Lager der Orks schleichen und dort ein Feuer legen. Nur so nämlich verdient ein über weite Strecken passiver Charakter sich ein gutes Ende, nur dann empfindet der Leser das Ende als poetisch gerecht.

Wie erkennen Sie (zu) passive Protagonisten in Ihrem eigenen Roman?

  • Ein passiver Protagonist reagiert mehr, als er agiert. Spätestens in der zweiten Hälfte des Romans sollte der Protagonist die Handlung vorantreiben, statt sich vom Antagonisten vor sich hertreiben zu lassen.

Beispiel für einen rechtzeitig aktiv werdenden Protagonisten: Bis zur Mitte des Romans sammelt der Kommissar Hinweise auf den Täter und reagiert auf Morde des noch unbekannten Täters. In der Mitte findet der Ermittler heraus, wer der Täter ist. Danach wird er aktiv, indem er gezielt nach dem ihm nun bekannten Täter sucht.

  • Ein passiver Protagonist lässt andere die Arbeit erledigen, etwa Informationen sammeln oder den Schurken erschießen.
  • Ein passiver Protagonist lässt sich retten, statt andere zu retten. Damit aber kann er nie zum Helden werden.
  • Ein passiver Protagonist ist mehr Opfer als Täter.

Den meisten (zu) passiven Charakteren fehlt ein Ziel, das sie (unbedingt) erreichen wollen. Dieses Ziel aber definiert den Roman. Fällt es weg, fällt auch die Grundlage für den Plot weg.

Machen Sie sich nun daran, diesen Knackpunkt zu beheben, stellen Sie schnell fest, dass ein Protagonist, der diese Bezeichnung auch verdient, in vielen Fällen Ihren Roman in eine ganz andere Richtung lenken will als in Ihrer ersten Fassung. Was garantiert problematisch und sehr wahrscheinlich arbeitsintensiv wird.

Es lohnt sich also nicht nur, diese Passivität gleich beim ersten Entwurf zu beseitigen. Es spart Ihnen Monate, wenn nicht Jahre an Arbeit und (Schicksals-)Berge von Frust. Ganz davon zu schweigen, dass es auch Ihre Chancen, mit dem Roman viele Leser zu begeistern, exponentiell erhöht.

Das wirkungsvollste Mittel ist es, den Protagonisten nicht in einen festen Plot zu zwängen, sondern den Plot (auch) aus dem Protagonisten heraus zu entwickeln – eben aus seinen Handlungen, seinen Aktivitäten.

Viel Erfolg dabei.

Stephan Waldscheidt ist Schriftsteller & Skriptdoktor sowie Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Er berät Romanautoren persönlich oder in Workshops übers Schreiben und Veröffentlichen und schreibt als Paul Mesa selbst Romane.

schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | paulmesa.de

Mehr Tipps zum Schreiben eines Romans in:

»Bessere! Romane! Schreiben! 1 & 2«

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

3 Kommentare

  1. Aloha

    Ich habe einen winzigen Argumentationsfehler entdeckt. Die "Aktivität" in Protagonist steckt nicht in der Vorsilbe "Pro". Die steckt in "Agonist", im "Handelnden". Das Pro sagt mir nur, dass er weitgehend die Moral des Leser vertritt ^^

    So, sorry, aber das musste dringend raus ^^

  2. In den Kommentaren zu dem ersten Teil wurde oft “passiver Charakter” und “passiver Held” verwechselt. Ein passiver Held tut nichts (oder fast nichts). Ich erhalte viele Exposés und wenn ich dort lese: “Der Held erfährt …”, dann weiß ich, dass ich es in 90% der Fälle mit dem passiven Helden zu tun habe. Die Geschichten sind denn auch entsprechend öde. Dem Helden Feuer unter dem Hinter zu machen, ihn handeln zu lassen, verbessert sie enorm.

    Das heißt aber nicht, dass der Held ein Draufgänger sein muss a la James Bond. Oft sind die zögerlichen Helden, die am liebsten zu Hause sitzen und Tee trinken würden, die spannendsten. Wenn sie sich aufraffen zu handeln. Frodo und der kleine Hobbit sind solche passiven Charaktere, überhaupt sind die Hobbits das Urbild der Spießbürger, die sich am liebsten aus allem heraushalten würden. Passive Charaktere eben, die dann doch handeln.

    Jede Regel hat natürlich Ausnahmen. EIn Held, der im Liegestuhl sitzt und gar nichts tun will, kann in der Komödie funktionieren. Dann, wenn alle um ihn herumtanzen und ihn -vergeblich – zu Aktivitäten verführen wollen.

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