Gastbeitrag: Kein absolutes Für oder Wider – der Hybrid-Autor als Modell für die Zukunft

HybridBei der Preisverleihung zum ersten Indie-Autor-Preis der Leipziger Buchmesse in Leipzig im März 2013 hörte ich den Begriff zum ersten Mal. Ich hörte ihn nicht nur, ich wurde auch gleich damit bedacht, als man mir den Preis für meinen Schreibratgeber »Schneller Bestseller« verlieh.

Ohne mir dessen bewusst zu sein, war ich zum Hybrid-Autor geworden. Ich ließ mich aufklären von Laudator Wolfgang Tischer, dem Gründer und Inhaber von literaturcafe.de. Der den Begriff inzwischen übrigens scheußlich findet.

Ein Hybrid-Autor ist einer, lernte ich, der einige seiner Bücher über die klassische Verlagsschiene publiziert und andere selbst herausbringt. Dass ich damals schon das voraussichtliche Erfolgsmodell der Zukunft praktizierte, war mir noch nicht klar.

Was genau aber heißt dieser schöne neue Begriff denn nun konkret?

Ein Hybrid-Autor ist ein Autor …

  • der selbst bestimmt, mit welchen Büchern er welche Rechte abgibt und wo er die Kontrolle lieber behält;
  • der weder Kontrollfreak ist noch Egomane und daher weiß, wann es zielführender ist, die Rechte und Kontrolle an einen Verlag abzutreten.
  • der sich der begrenzten Programmplätze in seinem Verlag bewusst ist und seine Produktivität gezielt ins Selfpublishing verlagert;
  • der weiß, mit welchen Büchern er wo die besseren Chancen hat, viele Leser zu erreichen;
  • der gut informiert ist und die Branche, den Buchmarkt und seine Zielgruppen kennt;
  • der die Vorzüge von Verlagen nutzt, wenn er sie braucht und sie ihm am meisten nützen, wie Lektorat oder Präsenz im Buchhandel;
  • der die Vorzüge des Selfpublishings nutzt, wenn er sie braucht und sie ihm am meisten helfen, etwa das Behalten der Kontrolle bei schwierigen oder kontroversen Projekten;
  • der die Dinge delegiert, die er nicht gut genug beherrscht oder die ihn zu viel Zeit kosten, die ihm zum Schreiben fehlen würde;
  • der seine Chancen realistisch einschätzt – und sie wahrnimmt, wo sie sich bieten, ob im Verlag oder im Selfpublishing;
  • der unternehmerisch und strategisch denkt und handelt;
  • der sein(e) Image(s) bewusst gestaltet, also die Bilder, die Leser und Medien von ihm und seinen jeweiligen Pseudonymen haben sollen, unabhängig davon, wo seine Bücher erscheinen;
  • der in den Verlagen lernt, was ihm auch beim Selbstverlegen hilft und im Selfpublishing lernt, was ihm bei der Zusammenarbeit mit Verlagen nützt;
  • der seine Verträge mit Agenten und Verlagen so gestaltet, dass sie ihm seine Freiheiten lassen.

Für mich war der Einstieg ins Hybridautorentum meine Entscheidung, für meine Schreibratgeber keinen Verlag zu suchen, sondern sie selbst zu veröffentlichen. Die wichtigsten Gründe für mich habe ich hier aufgeführt. Ihnen könnten sie als Anregung dienen. Welche Gründe passen für Sie und Ihre Bücher?

Die Gründe, meine Ratgeber selbst zu publizieren, waren vor allem diese:

  1. Schreibratgeber liegen nicht im Buchladen. Somit fiel einer der wichtigsten Vorteile des Verlegtwerdens für mich weg.
  2. Schreibratgeber erscheinen in kleineren Verlagen, die keinen oder keinen nennenswerten Vorschuss zahlen. Auch mit dem wichtigen Vorschuss konnte also ein Verlag hier nicht punkten.
  3. Meine Schreibratgeber wenden sich an ein Nischenpublikum, vornehmlich an Autorinnen und Autoren von Romanen. Das heißt: kleine Auflagen. Zu klein. Kaum ein Verlag würde ein solches Projekt anfassen, weil er es nicht würde kostendeckend produzieren können.
  4. Die geringe Größe der Zielgruppe hat den Vorteil, dass ich einen guten Teil davon mit meinem Blog schriftzeit.de erreichen konnte. Das erste Buch brachte ich demnach erst dann auf den Markt, als Schriftzeit täglich mehr als tausend Leser hatte. Außerdem hatte ich in der Autorenzunft einen Namen als Autor von »Schreib den verd… Roman« und Artikeln in Federwelt, Textart und The Tempest.
  5. Wegen der absehbar kleinen Auflagen würde ich relativ schnell relativ viele Bücher produzieren müssen, um im Jahr zumindest eine vierstellige Summe damit zu verdienen. Ich würde also ein produktiver Autor sein müssen, wie ich ihn weiter oben beschreibe.

Das waren gute Gründe fürs Selfpublishing.

Warum aber will ich meine Romane auch weiterhin in Verlagen veröffentlichen?

  1. Bei Romanen halte ich ein gutes Lektorat für wichtiger als bei Ratgebern. Ein Romantext muss auf so vielen Ebenen funktionieren, erzählerisch und sprachlich, dass ein zweites Paar geübter Augen essenziell ist, um so viel wie möglich aus der Story herauszuholen.
  2. Bei Romanen, die keine puren Genretexte sind, ist das Erreichen der Leser sehr viel schwieriger als mit klar themenbezogenen Sachbüchern oder Ratgebern. Das kann ein Verlag mit seiner professionellen und finanzstärkeren Vermarktungsmaschinerie besser erreichen.
  3. Soll ein Roman ein breites Publikum finden, geht das noch immer am besten über eine breite Präsenz im Buchhandel. Für die aber können auf absehbare Zeit nur Verlage sorgen.
  4. Die Selbstvermarktung von Romanen ist für einen Selfpublisher dann viel schwieriger, wenn er erstens keine Serien schreibt und zweitens noch keine Fanbasis hat.
  5. Gleichzeitig unter dem einen Pseudonym für Romane zu werben und unter einem anderen Pseudonym für Ratgeber, erfordert zwei komplett getrennte Strategien und Auftritte – und verschlingt so viel Zeit, dass keine mehr zum Schreiben übrig bleibt.

Wie sieht Ihre eigene Liste aus? Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, mit einer solchen Liste anzufangen. Machen Sie sich damit keinen Stress, aber machen Sie sie! Die Liste muss nicht perfekt sein. Zu Beginn ist es wichtig, dass Sie überhaupt mal loslegen: Sammeln Sie Erfahrungen und ergründen Sie, was Ihnen liegt, was Ihnen Spaß macht, was Erfolg bringt – und zwar das, was Sie ganz persönlich als Erfolg betrachten.

Denn darum geht es beim Schreiben und Publizieren Ihrer Werke. Um Leidenschaft und Kunst, um das Vergnügen, andere unterhalten und selbst unterhalten zu werden, um den Spaß, anderen Wissen zu vermitteln und selbst zu lernen. Um das Erreichen Ihrer ganz persönlichen Ziele.

Ob als Verlagsautor und / oder Selfpublisher.

Hinweis: Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch von Stephan Waldscheidt, »KLÜGER PUBLIZIEREN für Verlagsautoren und Selfpublisher: So veröffentlichen Sie Ihr Buch erfolgreich im Verlag oder Selfpublishing und treffen die besten Entscheidungen für Ihre Karriere als Autor«, erhältlich als Paperback und als E-Book für alle Reader.)

Paperback http://j.mp/1uOsCOp

Kindle E-Book http://j.mp/W9MUCr

ePUB E-Book http://j.mp/1rEEhN1

Über den Autor

Stephan Waldscheidt schreibt das populäre Blog schriftzeit.de für Romanautoren und gibt eine erfolgreiche Reihe von Ratgebern für Autoren heraus. In seinem als »neues Standardwerk« titulierten Buch »Klüger publizieren für Verlagsautoren und Selfpublisher« vergleicht er beide Welten des Veröffentlichens. Sein Roman »Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit« (als Paul Mesa) wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

6 Kommentare

  1. Schön zusammengefasst: die neue Selbstverständlichkeit ohne Scheuklappen. Ich bin selbst “Hybride” und ich *hasse* dieses Wort, denn Hybride in der Technik zeigen Redundanzen (ganz schlimm in Texten *g*) und in der Natur sind sie entweder völlig unfruchtbar oder fallen in der nächsten Generation wieder in die ganz alten Muster zurück … Und was bin ich, die ich für Verlage schreibe, als Self Publisherin veröffentliche und auch noch Bücher im eigenen Verlag verlege? Eine Chaosmenge von Fraktalen? 😉
    Mein bisher schönstes “Hybridprojekt” kam in Zusammenarbeit mit meinem Verlag zustande: Suhrkamp kaufte die Taschenbuchlizenz und ich behielt die E-Book-Rechte – wir konkurrieren dabei nicht, im Gegenteil, ich erlebte völlige Offenheit und bekam auch einen Hinweis aufs E-Book ins Printbuch. Desgleichen schätzen immer mehr Literaturagenturen ab, ob man nicht selbst schneller und erfolgreicher mit einem bestimmten Titel vorwärtskommt – vor allem bei Risiko- und Nischentiteln, aber auch bei hochaktueller Ware mit kurzen Haltbarkeitsfristen.

    Ich möchte da oben aber einem Punkt vehement widersprechen: Lektorat und Buchhandelspräsenz seien bei Verlagen automatisch besser als im SP (so lese ich das). Das transportiert das alte Klischee von schlecht und unprofessionell gemachtem SP. Muss doch nicht sein!
    Ein professionell arbeitender SPler (das sind Hybridautoren aus Erfahrung eher) nimmt sich gute LektorInnen, oft sogar hat man ja Kontakte in der Verlagswelt, die meisten dort arbeiten eh freiberuflich, outgesourct. Ich kann die gleichen oder gleichwertige Fachmenschen beschäftigen wie mein Verlag – ich muss es nur auch irgendwie finanzieren.
    Ich kann auch als SPler in den Buchhandel kommen. Ich darf halt keine Amazon-Monokultur züchten! Das A und O heißt Barsortiment – das erreiche ich entweder via Dienstleister oder selbst. Das ist schwierig für Neulinge und reine SPler. Aber gerade VerlagsautorInnen haben doch im Buchhandel den Vertrauensvorschuss und die Verbindungen! Und sie haben gelernt, dass BuchhändlerInnen keine Feinde, sondern Freunde sind.

    Viele Verlage, beileibe nicht alle und schon gar nicht die besten – versagen mittlerweile in ihren Kernkompetenzen wie Lektorat und Marketing. Buchhandelsketten nehmen gar nicht erst alle Verlage und schon gar nicht alle Bücher in den Laden. Wer heutzutage keinen extra geförderten Spitzentitel bekommt, bei wem ständig die Lektoren wechseln oder diese absolut unerfahren sind – der ist mit SP inzwischen auch besser bedient. Vor allem aber befreit diese Alternative im Kopf zum Neinsagen und Einfordern solcher einst selbstverständlicher Leistungen.

    Insofern würde ich den Punkt mit den “Images” leicht uminterpretieren in den Aufbau der Marke “AutorIn XY”. Eine fürchterliche Maloche, die aber letztlich all das zusammenhält. Und das Hybriddasein ist hochgefährlich: Ehe man sich’s versieht, ist man selbst VerlegerIn aus Leidenschaft …

  2. Vielen Dank für den schönen Artikel, in dem endlich mal nicht die eine oder andere Seite verteufelt wird, wie man das anderswo so oft hat.
    Für mich (auch Hybridautor) gab es noch einen weiteren Grund fürs selfpublishing – ich wollte creative commons für mein Trainingsbuch Agility. Verlage haben die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen und von DRM gesprochen – da kamen wir nicht zusammen.
    Bei der Belletristik kann ich auch noch ein Argument dazu fügen – ich habe ein nonprofit-Spendenbuch (Nimmermärchen für Krankenhaus-Clowns) herausgegeben. Da ist mit Selfpublishing die Marge größer und die Mitmach-Spielwiese für alle Beteiligten vielfältiger.

  3. Nö, dürfte schwer sein, den zu schützen – "2.0" ist ja allgemeiner Sprachgebrauch geworden… Aber nimm lieber 3.0, 2.0 wirkt so 2000er-mäßig 😉

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