Kategorien-Spamming: Warum Sie es besser lassen sollten

Wenn es die aktuelle Lage erlaubt, sehe ich gern mal bei unserem örtlichen Buchhandel vorbei. Es gibt da an den Wänden Möbel, die nennt man auch Regale. In diesen Regalen haben die Buchhändlerinnen (männliche Exemplare gibt es da meines Wissens nicht) Bücher einsortiert, und zwar thematisch sortiert. Das ist praktisch, weil ich zum Beispiel keine Krimis lese. Also kann ich gleich zu dem Regal gehen, das mich interessiert. Darüber steht zwar “Fantasy”, aber irgendwo links unten gibt es dort auch eine Ecke mit Science-Fiction-Titeln, echte Bückware also. Manchmal finde ich darin ein Buch von mir. Es steht eigentlich immer versteckt zwischen anderen. Wenn mich niemand beobachtet, hole ich es vielleicht nach vorn (das bleibt aber bitte unter uns!).

Was ich aber nie tun würde: Es aus dem Regal nehmen und bei den Reiseführern einordnen, bei den Fachbüchern über Archäologie oder ins Kochbuchregal. Das ergibt doch auch überhaupt keinen Sinn! Stimmts?

Die Wahrscheinlichkeit, dass du mir jetzt zugestimmt hast, ist hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass du dein Buch selbst regelmäßig absichtlich falsch einordnest, ist allerdings fast ebenso hoch. Nämlich bei Amazon. Das verrät ein Blick in Amazons virtuelle Regale. Ich habe nachgezählt.

  • Beispiel “Bühnen”. Hier sollten Bühnenwerke zu finden sein. Tatsache unter den Top 18: 0 Bühnenwerke.
  • Beispiel “Archäologie”. Hier sollten Sachbücher zum Thema Archäologie zu finden sein. Tatsache unter den Top 18: gerade einmal 6 Werke, die sich zumindest mit Geschichte befassen. 0 Bücher über Archäologie.
  • Beispiel “Reiseführer nach Ländern”. Hier sollten (bitte raten Sie?) zu finden sein. Tatsache unter den Top 18: 0 Reiseführer.
  • Beispiel “Literaturkritik &  Literaturtheorie”. Tatsache unter den Top 18: 1 pasendes Buch (und da habe ich großzügig gezählt).
  • Beispiel “Fachbücher Romanistik”. Inhalt selbsterklärend. Tatsache unter den Top 18: 12 Sprachlernbücher. Immerhin, wobei auch die hier eigentlich falsch sind.
  • Beispiel “Biochemie”. Hier stellt sich der interessierte Käufer, nun ja, Biochemie vor. Tatsache unter den Top 18: 1 passendes Buch.
  • Beispiel “Klassiker”. Goethe? Shakespeare? Kleist? Euripides? Haha. Tatsache unter den Top 18: 1 x Jane Austen, das kann man gelten lassen.
  • Beispiel “Musiknoten”. Also was Musiknoten sind, sollte doch nun wirklich jede/r wissen.  Tatsache unter den Top 18: 5 Titel, in denen es zumindest um das Erlernen eines Instruments geht.
  • Beispiel “Dramatik”. Hier sollten Dramen zu finden sein. Wir haben in der Schule gelernt, was Dramen sind. Eine “literarische Gattung, bei der eine Handlung durch die beteiligten Personen auf der Bühne dargestellt wird.” Tatsache unter den Top 18: 0 passende Titel.

An dieser Stelle ist mir dann die Lust vergangen. Was soll das? Ich höre schon die folgenden Argumente:

  • “Aber alle machen es so”: Wenn alle in den Wald kacken, ist es trotzdem Scheiße. Entschuldigung. Musste aber mal gesagt werden. Und ja, sogar Verlage machen es so.
  • “Aber es passt doch irgendwie auch, eine Prota ist schließlich Biochemikerin und die andere zitiert Goethe”: Was würdest du sagen, wenn du Leser der von dir gespamten Kategorie wärst? Ich interessiere mich z.B. für Physik. In der entspr. Kategorie sind die Titel 1 und 2 aber Thriller bzw. SF. Werde ich deshalb plötzlich ein SF-Buch kaufen (selbst wenn ich welche lese)? Nein. Ich ärgere mich eher und werde Bücher der Autor*innen in Zukunft meiden.
  • “Soll doch Amazon besser aufpassen”: Ah, Eigenverantwortung, schon mal gehört? Natürlich sollte Amazon auch besser aufpassen. Das sage ich schon seit 2014, aber vielleicht klappt es ja diesmal. Es kann ja eigentlich nicht so schwer sein, bei der Freigabe eines E-Books kurz die Kategorien anzusehen. Oder man führt wieder die alte Regel mit max. 2 Kategorien pro Buch ein und das Problem erledigt sich von selbst. Es kann ja auch nicht im Interesse Amazons sein, dass sich Kaufinteressierte in den Kategorien nicht mehr zurechtfinden.
  • “Ich wollte eben gern mal so ein Bestsellerfähnchen”: Bitte? Ein Fähnchen einer obskuren Kategorie nimmt doch niemand ernst. Und dafür musst du den Autor*innen schaden, die in der für sie passenden Kategorie nicht mehr gesehen werden, weil du mit einem falsch einsortierten Buch die Listen verstopfst? Das ist mindestens unethisch. Ich glaube da sehr an Karma.
  • “Ups, ich wusste gar nicht, dass mein Buch da reingerutscht ist”: Ja, das kann passieren, das glaube ich gern. Die Zuordnung von KDP- und Amazon-Regalen ist verwirrend. Das kann man aber ändern. Es empfiehlt sich sowieso, die Kategorien ab und zu zu prüfen und dann anzupassen. Ändern lassen sich die Kategorien ganz leicht über das Supportformular von KDP.

Und jetzt kommen wir zum geschäftlichen Teil. Wenn es dir darum geht, dein Buch gut zu verkaufen, ist es keine gute Idee, es falsch einzusortieren. Damit bringst du nämlich die Amazon-Algorithmen durcheinander, die dein Buch im Idealfall den richtigen Leser*innen empfehlen, nämlich denen, die es kaufen und gut finden. Angenommen, du hast deinen Liebesroman unter “Reiseführer” eingestellt. Nun schickt Amazon an Nutzer*innen, von denen es weiß, dass sie sich für Reiseführer interessieren, per E-Mail dein Buch. Mist, passt nicht. Es wird nicht geklickt. Was wird das wohl über dein Buch sagen? Wird Amazon es noch einmal empfehlen? Eher nicht. Und was ist mit deinen anderen Büchern? Selbst wenn das Buch dann gekauft wird, machst du dir damit deine “Kunden kauften auch” kaputt. Selfpublishing-Experte David Gaughran formuliert es in seinem aktuellen Newsletter so: “… being liberal with your book’s categories like this might grab you some quick wins, but might end up being a big loss over time, as Amazon recommends you to the wrong readers, sees that your book isn’t converting when it is recommended, and then starts recommend you less.”

Kategorien-Spam? Lass es. Du schadest (in zufälliger Reihenfolge) Leser*innen, Amazon, anderen Autor*innen und nicht zuletzt dir selbst. Danke.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

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