Schreib-Tipp: Die wichtigste Figur in Ihrem Roman spielt nicht immer darin mit

Die wichtigste Figur in Ihrem Roman spielt nicht immer darin mit: Der Erzähler. Jedes Wort, das der Leser Ihres Romans liest, kommt nicht von Ihnen als Autorin oder Autor, sondern vom Erzähler. Der Erzähler ist Instanz und Filter in einem. Er ist die Schnittstelle zu Ihrer Leserschaft. Damit ist er oder sie Ihre wichtigste Kreation beim Schreiben eines Romans, noch vor den Hauptfiguren (sofern sie nicht selbst die Erzähler sind). Ohne Erzähler hätten Sie keinen Roman, die Seiten blieben leer.

Keine Entscheidung, die Sie bei Ihrem Roman treffen, hat unmittelbarere Auswirkungen als die über Erzähler und Erzählperspektive. Dabei geht es um viel mehr als um die Frage, ob man lieber »sie sagte« oder »ich sagte« schreibt, es geht um viel mehr als um die Konsistenz des Point-of-View (POV) oder um ein Vermeiden von Head Hopping (= mehrfacher Perspektivwechsel von einem Charakter zum nächsten in derselben Szene). Mit der Wahl des Erzählers und der Perspektive entscheiden Sie sich auch dafür, mit welchen Absichten und mit welcher Stimme Ihr Roman zu seinen Lesern spricht.

Wie heißt es so schön in der Musik? It’s the singer, not the song. Auch wenn es viele Gegenbeispiele gibt, ist die Erkenntnis darin nicht von der Hand zu weisen. Stimmt, der Song ist wichtig und ebenso wichtig ist der Inhalt des Romans. Doch ein begnadeter Sänger, ein herausragender Erzähler kann aus seinem Werk so viel mehr machen.

Vielleicht liegt darin sogar ein Teil des Geheimnisses von Bucherfolgen und -misserfolgen desselben Autors. Womöglich war der Erzähler des erfolglosen Buchs der Falsche oder nicht gut genug.

Sehen Sie sich als den Komponisten und Produzenten Ihres Romans und Ihren Erzähler als den Interpreten. Ob Sie Adeles »Skyfall« von Megan Marie Hart intonieren, von Kylie Minogue piepsen oder von Tupac Shakur rappen lassen, macht einen Unterschied. Wen Sie Ihren Roman auf welche Weise erzählen lassen, entscheidet über sein Wohl oder Wehe.

So wichtig die Stimme ist – mit all ihren Aspekten wie etwa dem Ton, dem Sprechtempo, dem Rhythmus, dem Vokabular –, sie ist nicht alles. Der Erzähler verfügt über eine Beobachtungsgabe nach außen und nach innen, er kann mehr oder weniger zuverlässig, mehr oder weniger objektiv, für den Leser mehr oder weniger sichtbar sein. Und er oder sie verfügt über einen großen Werkzeugkasten voller Tricks und Kniffe.

Die Literatur zum kreativen Schreiben behandelt, wenn überhaupt, nur die üblichen Erzählperspektiven und gibt Tipps, welche davon die Schreibenden für ihre Romane verwenden sollten. Damit scheint das Thema abgehakt. Die zentrale Figur, das eigentliche Machtmittel für den Autor bleibt meist unerwähnt: die Erzählerin oder der Erzähler. Das ist mehr als schade, das ist eine vertane Chance und eine sträfliche Vernachlässigung, die mit suboptimalen Texten und erfolglosen Büchern nicht unter vier Schubladen voll bestraft wird.

Der Erzähler ist die eigentliche, die wahre Hauptfigur Ihres Romans – selbst wenn er nur eine Nebenrolle spielt wie Nick in »Der große Gatsby« oder gar nicht darin vorkommt. Denn das, was beim Leser ankommt, wurde vom Erzähler schon interpretiert und kuratiert. Das geschieht mal ganz offen, etwa bei auktorialen Erzählern oder bei personalen (auch: figurengebundenen) Erzählern mit einer Stimme, die sich nicht versteckt. Oder es geschieht klammheimlich, wenn der Erzähler scheinbar hinter der Geschichte verschwindet. Wie oben in dem Beispiel aus »Der Butt«. Dabei verschwindet der Erzähler nicht, der Leser soll das nur glauben. Dieser Trick gaukelt Objektivität vor, wo in Wahrheit Subjektivität herrscht. Jedes Wort ist eine subjektive Entscheidung des Erzählers – für dieses Wort, das er allen anderen vorzieht, die an der Stelle ebenfalls hätten stehen können.

Der Erzähler ist das Erste, was Ihr Leser vom eigentlichen Roman wahrnimmt (nach Cover mit Klappentext/Blurbs und Titel). Genauer gesagt: seine (oder ihre) Stimme. Ja, der Inhalt Ihrer ersten Sätze ist wichtig. Doch die Stimme, die diesen Inhalt überbringt, ist ebenso bedeutsam.

Eine starke Stimme, die den Leser sofort überzeugt, die ihn in den Roman einlädt und ihn seinen Unglauben ablegen lässt (»Ich weiß, es ist nur eine Geschichte, aber für die Dauer des Buchs tue ich so, als würde ich sie glauben.«), eine solche Stimme kann eine inhaltlich wenig bemerkenswerte erste Seite zu etwas Besonderem erheben. Zu etwas, was den Leser einfängt und ihn, falls noch nicht geschehen, zum Käufer Ihres Buchs werden lässt.

Stephan Waldscheidt

Der Artikel ist ein Ausschnitt aus dem Schreibratgeber »Der Erzähler: Verführer, Tourguide, Entertainer und Basis der Erzählperspektive« in der Reihe »Meisterkurs Romane schreiben«.

Die Erzählperspektive ist eins der mächtigsten Werkzeuge des Romanautors. Der Erzähler ist die Basis der Perspektive. Erst wenn Sie ihn kennen, können Sie die Möglichkeiten der Perspektive ausschöpfen und optimieren, Fallen ausweichen und Knackpunkte lösen. Erst dann schöpfen Sie das Potenzial Ihres Romans aus.

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