Schreib-Tipp: Eines der stärksten dramatischen Instrumente – Verrat

Eine der bekanntesten Erzählungen der Menschheit ist die Geschichte von Judas Ischariot, jenem Mann, der Jesus von Nazareth an die Römer verriet – für dreißig Silberlinge. Gar nicht mal so wenig, konnte man sich von dem Geld damals in Palästina einen Acker kaufen oder einen Esel. Aber die Höhe der Summe spielt keine Rolle. Was die Jahrhunderte überdauert hat, war die Geschichte des Verrats.

Verrat ist eins der stärksten dramatischen Mittel. Warum ist das so? Was ist überhaupt Verrat, erzähltechnisch gesehen, und wie können Sie damit auch Ihren Roman mitreißender machen?

Verrat ist in seinem Kern (mindestens) ein Konflikt und somit ein Brandherd für Spannung. Das Ungewöhnliche hier: Der Konflikt bei einem Verrat ist so lange einseitig, bis der Verrat dem Verratenen bekannt wird. Judas hat Jesus schon vor dem Kuss zu verraten begonnen – als er mit den Römern das Geschäft abschloss: Ihr gebt mir Silberlinge, dafür sage ich euch, wen ihr festnehmen müsst. Der Kuss war die Vollendung des Verrats, das Signal für die römischen Schergen: Ja, dieser Mann ist der Gesuchte, dieser Mann ist der König der Juden, der euch eure Vormachtstellung streitig machen will.

Sie als Autor sehen darin noch mehr: haufenweise Chancen! Denn dass ein Verrat aus mehreren Teilen besteht, macht ihn erzähltechnisch so interessant. Jeder dieser Teile kann einen eigenen Konflikt bedeuten und eröffnet für Sie die Möglichkeit, eine aufregende Szene zu schreiben. Alle Teile können zusammenfallen, etwa wenn der Verrat spontan erfolgt und der Verratene es sofort mitbekommt.

Daraus besteht ein Verrat:

1. Die Entscheidung, jemanden zu verraten

Innere Konflikte im Verräter in spe.

2. Die Vorbereitung des Verrats

Der Verrat hat schon begonnen – aber noch weiß nur der Verräter davon. Klassisches Beispiel: Polizeithriller mit verdeckten Ermittlern (Tarantinos Film »Reservoir Dogs«) oder ein Doppelverrat (Polizeispitzel bei Mafia, Mafiaspitzel bei Polizei in Scorseses Film »Departed – Unter Feinden«).

Während der Vorbereitung kann der Leser auch über ein anderes Erzählinstrument am Rand seines Stuhls gehalten werden: Er weiß von dem Verrat, der zu Verratende weiß noch nichts – dramatische Ironie.

3. Die Ausführung des Verrats / das eigentliche Enthüllen des Verrats

Der Verrat wird für alle offensichtlich: Der Spitzel wird entlarvt, die Ehefrau entdeckt ihren Mann im Bett mit einer anderen, der scheinbar loyale Kollege arbeitet für die Konkurrenz, der beste Freund verweigert die Hilfe in einem Moment höchster Not.

Erzähltechnisch wird spätestens hier der Konflikt von einem einseitigen zu einem beidseitigen Konflikt.

Das ist der Moment, auf den alles hinausläuft. Für den Leser heißt das entweder eine große, alles verändernde Überraschung – er war nicht eingeweiht – oder die Kulmination der Verratsvorbereitung, der Höhepunkt.

4. Die Folgen des Verrats

Nach dem Verrat ändert sich etwas durchgreifend im Verhältnis zwischen Verräter und Verratenem. Eine Wende ist zwingend, es kann nicht mehr weitergehen wie bisher: Der Spitzel wird festgenommen und gefoltert, die betrogene Ehefrau reicht die Scheidung ein, der disloyale Kollege wird entlassen, der Kontakt mit dem besten Freund wird abgebrochen.

Strukturell ist die Ausführung des Verrats ein mächtiger Katalysator, der einen Wendepunkt in der Handlung erzwingt.

Und so legen Sie einen Verrat an:

  • Bauen Sie Vertrauen auf oder zeigen Sie Vertrauen (oder ein Geheimnis!).

Beispiel: Verdeckter Ermittler und Mafioso haben Spaß beim gemeinsamen Billard.

  • Motivieren Sie den Verrat.

Beispiel: Der Verräter in spe ist von seinem Freund enttäuscht und wird erst dadurch bereit, ihn in einem entscheidenden Moment im Stich zu lassen.

  • Machen Sie dem Verräter den Verrat möglichst schwer.

Beispiel: Judas Ischariot war ein guter Mensch, der lange mit sich gerungen hat, bevor er sich für den Verrat seines Meisters entschied.

  • Sorgen Sie dafür, dass etwas auf dem Spiel steht, sprich: Machen Sie die Folgen des Verrats oder seiner Entdeckung bedeutsam für den Verratenen oder den Verräter.

Beispiel: Die betrogene Ehefrau hat ihr Leben auf diesen Mann ausgerichtet, hält ihn für ihre große Liebe, hat ihren Job für ihn aufgegeben.

  • Stellen Sie schlüssig dar, wieso der Verratene nichts ahnt.

Beispiel: Zeigen Sie, wie raffiniert der Spitzel vorgeht. Zeigen Sie, dass die betrogene Ehefrau von anderen Problemen abgelenkt wird und dadurch weniger sensibel für die Anzeichen des Betrugs ist.

  • Betten Sie die eigentliche Aufdeckung des Verrats in eine aufregende Szene ein.

Beispiel: Die Aufdeckung des verdeckten Ermittlers geschieht während der Verschiffung einer Riesenladung Drogen. Es kommt zu einer Schießerei, bei der sich der Verräter zwischen zwei Fronten wiederfindet.

  • Sorgen Sie dafür, dass nach dem Verrat eine Rückkehr zum Status quo nicht mehr möglich ist.

Beispiel: Die betrogene Ehefrau ist entschlossen, die Ehe weiterzuführen, als wäre nichts geschehen. Doch sehr schnell stellt sie fest, dass ihr Vertrauen dafür zu sehr erschüttert ist.

Nicht alle Punkte müssen Sie zeigen. Welche davon in Ihrem Roman auftauchen, hängt auch davon ab, ob Sie den Verrat als große Überraschung auch für den Leser anlegen oder aber den Verrat von Anfang an für den Leser sichtbar begleiten. Auch können die genannten Punkte in einer anderen Reihenfolge in Ihrem Roman auftauchen.

Sie dürfen in Ihrem Roman jeden jeden verraten lassen. Nur ein Verrat sollte Ihnen nie unterlaufen: der Verrat des Autors an seinen Lesern. Enttäuschen Sie das Vertrauen Ihrer Leser niemals!

Stephan Waldscheidt

 

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