Schreib-Tipp: Erkennen Sie die Melodie – Ihres Protagonisten?

Romanautoren können eine Menge von Filmemachern lernen. So weit, so bekannt, so Klischee. Die an und für sich gute Empfehlung endet jedoch meistens bei zwei Punkten, die beide allein nicht sonderlich hilfreich sind: Sorge dafür, dass die Handlung wie ein Film vorm Leserauge abläuft. Und halte dich an weitgehend an die in den typischen Hollywoodfilmen verwendete Struktur mit ihren drei Akten (oder acht Sequenzen) und den entsprechenden Meilensteinen (wie Wendepunkte oder Pinchpoints).

Dabei lehrt ein genauerer Blick ins Entstehen eines Films und in die Denkweise von Drehbuchautoren und Regisseuren (und, ja, auch mal von Produzenten und anderen Film-Mitgestaltern) eine große Menge mehr. Und wo es nicht unmittelbar weiterhilft, hat es zumindest die Kraft, Sie beim Schreiben Ihres Romans zu inspirieren.

Eine gute Quelle für diese neuen Blicke und Ideen eröffnet die Sonderausstattung von DVD oder BluRay (sorry, liebe Streamer und Downloader). Zum Beispiel die Extras der TV-Serie »Fargo« (erste Staffel, USA 2014).

Dort lernen wir einiges über Filmmusik. Komponist Jeff Russo enthüllt, was man beim Anschauen der Serie bewusst eher selten wahrnimmt: Die wichtigsten Charaktere haben ihr eigenes musikalisches Thema, eine Erkennungsmelodie, ihr Leitmotiv. Wann immer der Charakter auftaucht oder an wichtigen Stellen seiner Handlung fließt dieses persönliche Thema in die Filmmusik ein. Dem Charakter wird dadurch ein bestimmtes emotionale Potpourri mitgegeben, das die Wirkung auf den Zuschauer auf subtile Weise beeinflusst. Es kann ein freundliches Thema sein, das einen freundlichen Charakter eben noch ein Stück netter erscheinen lässt. Oder etwas Bedrohliches, etwa wenn die beiden Auftragskiller in der Stadt ankommen.

Neben dieser emotionalen Untermalung kann ein Leitmotiv aber noch einiges mehr. Wie der Zuschauer an einer für den Plot so immens wichtigen Stelle mehr oder weniger bewusst erlebt. Dort wechselt einer der Protagonisten, Lester, in einer Vernehmung von der noch guten auf die endgültig böse Seite. Bei dem Gespräch manipuliert Lester den Polizeichef – und Lesters Themenmusik geht in die Themenmusik des Hauptschurken Lorne Malvo über.

Okay, gut, so etwas geht vielleicht im Film. Aber im musiklosen Buch kann es nicht funktionieren.

Oh, es kann.

Dazu brauchen Sie einfach ein wenig … Phantasie und die Fähigkeit, in Metaphern zu denken. Da Sie Autorin sind oder Autor, ist das Ihr täglich Brot, sprich: Ihre leichteste Übung.

Was wäre das Pendant zum Leitmotiv, zur Erkennungsmelodie in Ihrem Roman?

  • bestimmte Wörter, die der Charakter immer wieder verwendet. Das können kleine Macken sein, Redewendungen, aber auch schlicht normale Wörter, die ihn oder sie kennzeichnen. So hat beispielsweise eine Ihrer Romanfiguren einen Migrationshintergrund und lässt zwischendurch immer mal wieder ein türkisches Wort einfließen. Diese Wörter können Sie dann etwa als Kennzeichen einer Veränderung verwenden: In einer emotional krassen Situation verwendet der Charakter auf einmal deutlich mehr Wörter seiner Muttersprache.
  • Scheuen Sie sich nicht davor, auch mal sehr nahe bei der Idee eines musikalischen Themas zu bleiben. Womöglich pfeift Ihr Bösewicht immer vor sich hin – und was er pfeift, verrät seinen Seelenzustand. Das können Sie an anderer Stelle, sobald es gut eingeführt ist, auch als falsche Fährte einsetzen. So pfeift der Charakter ein freundliches Lied – tatsächlich aber plant er einen Mord.
  • Jenseits von Wörtern können auch Ticks oder Eigenheiten die persönliche Melodie eines Charakters bestimmen. Auch das können Sie dann als Mittel im Plot verwenden. Beispielsweise rupft sich eine Frau immer Fäden aus ihrer Kleidung, wenn sie nervös ist oder unter Stress steht. Dann findet die Polizei an einem Tatort Stofffäden von ihr … Ist sie die Mörderin? Oder wurden die Fäden vom tatsächlichen Mörder hinterlegt?
  • Denken Sie auch an andere Sinne, die zum Leitmotiv beitragen können. So umgibt Bobartt, den Krieger von TerraZ, immer eine Schweiß- und Fliegenwolke. Und als die Wolke auf einmal weg ist, schließen seine Kameraden: Bobartt ist verliebt!
  • Sie können diese persönliche Charaktermelodie auch über den Charakter hinaus ausweiten. Etwa über die Reaktionen anderer. So drehen sich immer sämtliche Köpfe der Anwesenden, Männern wie Frauen, wenn Ihr charismatischer Held einen Raum betritt, die Konversation kommt zum Erliegen.

Das sind nur einige von unzähligen Möglichkeiten, wie Sie Ihren Charakteren Erkennungsmelodien oder Leitmotive mitgeben können. Die dann sowohl beim Auftritt des Charakters, aber auch darüber hinausgehend eine für den Plot bedeutsame Dynamik entwickeln.

Stephan Waldscheidt

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

3 Kommentare

  1. Super! Ich habe es in meinem Roman “unbewusst”, das heißt hier und da eingesetzt. Aber nicht gezielt. Von nun an mache ich es anders. Der Autor kann den Charakteren mit dieser Methode nicht nur mehr Pep geben. Der Leser wird noch besser in das Geschehen eingebunden, wenn zum Beispiel in einer Szene ein bestimmter Song ertönt.
    Danke.
    Renate

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