Schreib-Tipp für die Recherche: Was gehört in meinen Roman?

Ich lese mich gerade durch das spannende Thema Astronauten und Raumfahrt, um einen Erzählstrang in meinem RIA (Roman in Arbeit) zu unterfüttern.

Und natürlich stoße ich dauernd auf spannende Informationen, Wissensbruchstücke und köstliche Trivia. So etwa die hier: Astronauten, die im kasachischen Baikonur Richtung Internationale Raumstation starten, werden mit einem Bus zur Zubringerrakete Soyuz gefahren. Zwischendurch hält der Bus – und die Astronauten / Kosmonauten pinkeln an den Hinterreifen.

Eine Tradition.

Astro- und Kosmonautinnen bringen zur Traditionspflege eigens ein Fläschchen ihres Urins mit und kippen es gegen den Reifen.

Skurril.

Aber gehört diese Anekdote in meinen Roman?

Welche Kriterien gibt es überhaupt dafür, was an Details aus der Recherche in einen Roman gehört?

Wovon wir hier nicht sprechen, sind grundlegende Dinge, die Ihnen die Recherche offenbart hat. Also etwa, den Umstand, dass es tatsächlich eine Legende gibt, wonach Papst Johannes VIII. in Wahrheit eine Frau gewesen sein soll. Donna W. Cross hat auf Grundlage dieser Legende einen Weltbestseller geschrieben (Recherchedetail: Die Legende ist wohl nur eine solche, eine weibliche Päpstin gab es nie.).

Vielmehr soll es hier nur um Details gehen, die sehr spezifisch sind und bei denen Sie selbst nicht so recht wissen: »Soll ich das nun verwenden oder soll ich nicht?«

Die zentrale Frage, die Sie sich dabei stellen sollten:

Verändert sich durch das Detail in meinem Roman etwas?

Oder, ein Roman ist ja bis zur Drucklegung ständig im Fluss:

Könnte das Detail etwas in meinem Roman verändern?

Falls die Antwort »ja« lautet, können Sie an folgenden Stellen und Facetten ansetzen:

* Das Detail verändert einen wichtigen Charakter und verändert dadurch auch den Plot.

Beispiel (nein, nicht aus meinem Roman, sondern schlicht in Fortführung des eingangs erwähnten Recherchedetails): Der Protagonistin Ihres Romans, der Astronautin Angelina, ist es so peinlich, ihren Urin mitzubringen und unter den Augen der Kollegen an den Reifen eines Busses zu schütten, dass sie heimlich nur Wasser mitbringt. Als später die Kollegen über das ziemlich idiotische Ritual Witze reißen, fühlt sich Angelina insgeheim von ihnen verspottet. Das ist der Anfang einer zunehmenden Abkehr von den Kollegen, die später im Roman zu einer fatalen Entscheidung Angelinas führt.

Hier hilft eine Frage: Verbindet der Protagonist mit dem Detail eine starke Emotion?

Beispiel: Der erfahrene Kosmonaut Roman Romanenko (ja, den gibt es tatsächlich, ich wollte Ihnen den für Autoren so wunderbaren Namen nicht vorenthalten) findet das Ritual sehr wichtig, er liebt es, weil er dadurch die Verbundenheit mit seinen Kollegen festigt und auch einiges über sie erfährt.

* Das Detail verändert den Plot direkt und ohne Umweg über einen wichtigen Charakter.

Beispiel: Beim Aussteigen aus dem Bus stürzt einer der Astronauten so schwer, dass er nicht starten kann. Stattdessen wird sein Backup (jeder Astronaut hat bis vor dem Start ein Backup für eben solche Fälle) die Reise zum Mars antreten.

Hierzu gehören auch Aspekte wie etwa die Spannung, also ob ein Detail dazu beiträgt, dass die Geschichte spannender wird.

* Das Detail verändert, wie der Charakter von einem anderen Charakter wahrgenommen wird.

Beispiel: Als die bislang als unauffällig aufgefallene (sic!) Angelina bei dem Urin-Ritual ganz aufgekratzt tut, wird einem ihrer Kollegen klar, wie sensibel Angelina unter der kühlen Oberfläche ist. Er behandelt sie fortan anders und verliebt sich später in sie.

* Das Detail verändert, wie der Charakter vom Leser wahrgenommen wird.

Beispiel: Anders als Angelinas Kollegen erlebt der Leser mit, wie unangenehm Angelina das Ritual ist. Durch ihre Versuche, es dennoch durchzuziehen, wird dem Leser bewusst, wie wichtig Angelina es ist, als echter Teil des Teams wahrgenommen zu werden.

* Das Detail sorgt für Abwechslung im Ton oder Rhythmus der Geschichte.

Beispiel: In dem als Thriller angelegten Roman über Astronauten wird das komische Detail über Raumfahrerrituale als willkommene tonale Abwechslung wahrgenommen. Gleichzeitig schafft es eine positive Atmosphäre und sorgt dafür, dass beim nächsten schockierenden Ereignis direkt im Anschluss – ein Terroranschlag auf den Astronautenbus – der Leser umso schockierter reagiert.

Zu diesem Punkt gehört auch der Unterhaltungswert des Details. Siehe oben Roman Romanenko. Womit wir hier genau in die ursprüngliche Problematik hineinsteuern: Gehört dieses rein der Unterhaltung dienende Detail in den Roman?

Entspannen Sie sich. Kein Leser wird sich darüber beschweren, einen unterhaltsamen Brocken Recherche zu lesen, kein Verlag wird Ihr Manuskript deswegen ablehnen – und die wenigsten Lektoren werden Ihren Roman so blankredigieren, dass nichts mehr bleibt.

Ich vergleiche einen Roman gerne mit einem – Veggies bitte weghören – schönen Stück Fleisch. Das beste Fleisch ist marmoriert, denn Fett ist ein Geschmacksverstärker. Nur prominent rausschmecken sollte es nicht. Heißt: Übertreiben Sie es nicht mit den rein der Unterhaltung wegen in Ihren Roman eingebauten Details. Dann wird der Leser Ihre Geschichte genießen.

Stephan Waldscheidt

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StephanWaldscheidt

3 Comments

  • Auf manche Details kommt man so auf Weiteres nicht, weil sie so abwegig erscheinen, da braucht es Kenntnis. Beim Ausdenken von Details beziehen wir ja uns auch auf Bekanntes, kombinieren es vielleicht, stellen es in Frage und denken es neu. Je mehr Spielmaterial, umso kreativer kann man sein.

  • Ich würde mich auch fragen: Ist das ein Detail, was man sich ausdenken kann? Käme man als Autor darauf? Ich glaube nicht, dass man sich als Autor so ein skurriles Detail ausdenken kann. Wenn das so ist, kann es die Authentizität noch einmal erhöhen. Details, die man sich nicht ausdenken kann, können meiner Ansicht auch die Geschichte wahrhaftiger erscheinen lassen, so ungewöhnlicher und überraschender die Details sind, umso wahrhaftiger wirkt die Geschichte.

    • Hallo Milch,
      na ja, ich gehe mal davon aus, dass wir kreativen Autoren uns alle Details ausdenken können 🙂 Zumal es ja auch keine klare Abgrenzung gibt zwischen Details, die man sich ausdenken kann und solche, die man sich eben nicht ausdenken kann.
      Wünsche weiterhin feines Schreiben. Und Recherchieren.
      Stephan Waldscheidt

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