Schreib-Tipp: So ziehen Sie Leser schneller in Ihren Roman

Machen Bestseller-Autoren tatsächlich alles besser als Sie und ich, als Frau und Herr Feld-Wald-Wiesenautor? Oder kochen auch sie nur mit Wasser? In diesem Artikel soll es darum gehen, wie Sie dem Leser den Einstieg in Ihren Roman so angenehm und schnell wie möglich machen. Und auch darum, Überflüssiges in Ihren Sätzen zu erkennen und zu beseitigen. Damit Ihre Geschichte besser fließt und Ihre Wörter freier atmen können. Dazu lektorieren wir einfach mal den Anfang eines Bestsellers, wie wär’s?

Sehen wir uns dazu ein Beispiel an, das ich wahllos aus einem Newsletter von dtv herausgegriffen habe. Das Buch ist ein Bestseller aus Frankreich und erfährt bei dtv besondere Marketing-Unterstützung: Es soll auch bei uns ein Bestseller daraus gemacht werden. Dass ich darüber schreibe, kann man ja schon mal als einen kleinen Erfolg dieser Bemühungen betrachten. Es geht um Jérémy Fel, »Die Wölfe kommen«, dtv 2017, übersetzt von Anja Nattefort. Genauer gesagt geht es um den Anfang des Romans:

“Die Abenddämmerung senkte sich bereits auf die Weizenfelder. Das Rauschen des Windes im Getreide hörte sich fast an, als klingelten tausende winziger Glöckchen.

Loretta beugte sich vor und riss mit einem Ruck eine der Ähren aus, die um ihre Hüften strichen, wobei eine Wolke feinsten Goldstaubs glitzernd in der Luft zerstob.

In der Ferne zeichnete sich ihr Elternhaus ab, dessen massige Konturen den wogenden Ozean weit überragten. Bald musste sie sich auf den Heimweg machen, denn mit Einbruch der Dunkelheit würden wieder diese finsteren Kreaturen durch die Great Plains zu streunen beginnen, die vor langer Zeit wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und seither die Bevölkerung von Kansas in Angst und Schrecken versetzten.”

Treten wir mal einen Schritt zurück. Was will der Autor überhaupt mit diesen Beschreibungen erreichen? Er will eine bestimmte Atmosphäre erzeugen. Leisten seine Sätze das? Tun sie es effektiv oder lässt sich die Wirkung verstärken?

Die Abenddämmerung senkte sich bereits auf die Weizenfelder.

Wieso »bereits«? Dieses Wörtchen ist meist überflüssig. Viele Autoren verwenden es, um eine Dringlichkeit zu erzeugen, nach dem Motto »Es ist schon spät, es bleibt nicht mehr viel Zeit.« Fast immer wirkt das künstlich, auch hier, zumal der Leser nicht weiß, was da so dringend sein soll. Und weil die idyllische Atmosphäre, die anschließend aufgebaut wird, das Ganze gleich wieder kaputtmacht.

Die Dringlichkeit direkter, etwa über Details oder Handlung zu erzeugen, ist der effektivere Weg. Der Autor tut das hier ein paar Zeilen später: Bald musste sie sich auf den Heimweg machen, denn mit Einbruch der Dunkelheit würden wieder diese finsteren Kreaturen durch die Great Plains zu streunen beginnen … Diese Information sorgt für echte Dringlichkeit, das »bereits« weiter oben kann wegfallen. Gerade der erste Satz eines Romans sollte dem Leser möglichst wenige Stolpersteine in den Weg werfen.

Besser:

Die Abenddämmerung senkte sich auf die Weizenfelder.

Das Rauschen des Windes im Getreide hörte sich fast an, als klingelten tausende winziger Glöckchen.

»Fast« erfüllt hier die Funktion eines Abtönpartikels (dazu zählen etwa »eh« oder »halt« im Sinne von: »Wenn du eh einkaufen gehst, bring mir halt was Gesundes mit.«). Auf Deutsch: Das Teil schwächt das Gesagte ab. Was so ziemlich das Letzte ist, was Sie mit Ihrem Roman erreichen wollen. Es mag Stellen geben, wo es sinnvoll ist, etwa in einem Dialog, um den Sprecher in ein bestimmtes Licht zu rücken.

Hier nicht: Raus!

Müssen es »winzige« Glöckchen sein? Ist ein Glöckchen nicht sowieso schon ziemlich klein? Liefert das Adjektiv einen Zusatznutzen, den »Glöckchen« allein nicht liefert? Nö. Also weg damit.

Zwischenbilanz:

Das Rauschen des Windes im Getreide hörte sich an, als klingelten tausende Glöckchen.

Wenn Sie ein Ohr für Rhythmus haben, werden Sie merken, dass diese kürzere Fassung auch rhythmisch besser klingt. Wenn Sie kein Ohr dafür haben, trainieren Sie sich eins an. Sie werden es brauchen. Bei jedem Satz, den Sie schreiben.

Für wen hört es sich so an? Aus wessen Perspektive nehmen wir Leser den Roman wahr? Unklar. Verben der Wahrnehmung wie hier das »hören« bauen eine Instanz zwischen Leser und Geschichte. In vielen Fällen wird das Gesagte stärker, wenn Sie die Instanz weglassen und direkter schreiben.

Zum direkten Schreiben gehört auch ein Schreiben, das Verben bevorzugt – Verben sind, Sie erinnern sich an den Deutschunterricht, Tu-Wörter. Mit anderen Worten: Verben tragen Handlung in sich, und sie tun das besser als alle anderen Wortarten.

Was hierzu führt:

Der Wind rauschte im Getreide, als klingelten tausende (von) Glöckchen.

Das passt zudem besser zum ersten Satz, wo schon die Abenddämmerung aktiv wird und etwas tut: Sie senkt sich.

Allerdings macht diese neue Fassung gleich ein weiteres Problem deutlich, eines, das mit Nuancen zu tun hat. Nuancen kümmern manche Leser nicht, weil ihnen das Sinnesorgan dafür fehlt. Viele jedoch spüren unterbewusst, dass etwas nicht stimmt. Oft sind Nuancen der Grund, warum das eine Buch Erfolg hat, das andere nicht, obwohl sie doch beide so ähnlich erscheinen. Insbesondere am Anfang eines Romans sind Nuancen kritisch, denn die ersten Sätze werden häufiger gelesen als alles andere in einem Roman: von Testlesern, Agenten, Verlagslektoren, Buchhändlern, Lesern – und von Ihnen selbst.

Die störende Nuance hier: Kann man die Verben »rauschen« und »klingelten« in einem Sprachbild als ähnlich darstellen? Man sollte darauf verzichten, denn »rauschen« ist stark, laut, voll, »klingelten« eher schwach, leise, schrill.

Wie wäre es stattdessen hiermit:

Der Wind raschelte im Getreide, als klingelten tausende Glöckchen.

Immer noch nicht gut, aber besser. Ich wette, Ihnen fällt ein noch treffenderes Verb ein …

Loretta beugte sich vor und riss mit einem Ruck eine der Ähren aus, die um ihre Hüften strichen, wobei eine Wolke feinsten Goldstaubs glitzernd in der Luft zerstob.

Der Autor packt eine Gleichzeitigkeit in den Satz hinein, die nicht nur sinnlos ist, sondern das Lesen erschwert. Der Leser ist in der Lage, eine Gleichzeitigkeit zu erkennen, auch ohne Verbindungen wie »als«, »während« oder, wie hier, »wobei«. Dann nämlich, wenn Sie ihm ein in sich geschlossenes Bild / eine in sich geschlossene Szene präsentieren.

Loretta beugte sich vor und riss mit einem Ruck eine der Ähren aus, die um ihre Hüften strichen. Eine Wolke feinsten Goldstaubs zerstob glitzernd in der Luft.

Auch ohne das »wobei« versteht der Leser, dass die Wolke feinsten Goldstaubs nicht nächste Woche in Kappadokien zerstiebt, sondern jetzt und hier in eben dieser Szene und angestoßen von Loretta und/oder dem Wind.

Wozu braucht der Autor hier Lorettas Vorbeugen? Ist es nicht sogar … falsch? Das Korn ist so hoch, dass die Ähren um Lorettas Hüften streichen. Um eine abzureißen, braucht sie sich nicht vorzubeugen.

Stellen wir um, machen wir den Satz aktiver und kürzen wir:

Ähren strichen um Lorettas Hüften. Mit einem Ruck riss sie eine aus und eine Wolke feinsten Goldstaubs zerstob glitzernd in der Luft.

Das Ausreißen und das Zerstieben mit einem »und« zu verbinden, macht den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang deutlich: Das Ausreißen bedingt das Zerstieben. Ob man den Ruck braucht, nun ja …

Fazit:

Vorher:

Die Abenddämmerung senkte sich bereits auf die Weizenfelder. Das Rauschen des Windes im Getreide hörte sich fast an, als klingelten tausende winziger Glöckchen.

Loretta beugte sich vor und riss mit einem Ruck eine der Ähren aus, die um ihre Hüften strichen, wobei eine Wolke feinsten Goldstaubs glitzernd in der Luft zerstob.

Nach Lektorat:

Die Abenddämmerung senkte sich auf die Weizenfelder. Der Wind raschelte im Getreide, als klingelten tausende Glöckchen.

Ähren strichen um Lorettas Hüften. Mit einem Ruck riss sie eine aus und eine Wolke feinsten Goldstaubs zerstob glitzernd in der Luft.

252 statt 324 Zeichen, eine Ersparnis von 22 Prozent. Der Einstieg läuft schneller und glatter, die Atmosphäre leidet nicht, im Gegenteil, sie tritt deutlicher zutage, weil dem Leser nicht so viele unnötige Wörter die Sicht versperren. Die übriggebliebenen Wörter können freier atmen.

Auf den Roman bezogen ergäbe das bei den 400 Seiten des Romans 88 eingesparte Seiten. Bei Ihrem Roman könnten Sie diese Seiten Ihren Lesern ersparen – oder Sie mit mehr Handlung und Emotionen, mehr Abenteuer und Spannung, mehr Historie und Verwicklungen füllen.

Den Rest des Anfangs dürfen Sie zur Übung gerne selbst lektorieren:

“In der Ferne zeichnete sich ihr Elternhaus ab, dessen massige Konturen den wogenden Ozean weit überragten. Bald musste sie sich auf den Heimweg machen, denn mit Einbruch der Dunkelheit würden wieder diese finsteren Kreaturen durch die Great Plains zu streunen beginnen, die vor langer Zeit wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und seither die Bevölkerung von Kansas in Angst und Schrecken versetzten.”

Stephan Waldscheidt

Als John Alba schreibt er Mystery-Thriller. Zuletzt erschienen: »Kessel«.

Wer gewinnt den Kampf um deine Seele – deine Liebe oder dein Hass? Als der sechzehnjährige Tobias mit Rachegedanken und einer Pistole nachts zu seinem brutalen Vater fährt, läuft ihm eine nackte Frau ins Auto. Die Frau sieht aus wie eine seiner Lehrerinnen – und sie sollte tot sein. Bei dem Versuch, das dunkle Geheimnis aufzuklären, geraten Tobias und seine Freunde in einen Strudel aus Liebe und Hass, Verschwörung und Mord. Ihr Versteck, eine aufgelassene Brauerei in einem einsamen Schwarzwaldtal, wird dabei zum Zentrum immer unheimlicherer Ereignisse. Weltweit tauchen Menschen auf, die tot sein sollten. Der Versuch der Freunde, mehr über das Rätsel zu erfahren, weckt etwas auf, das im Tode lauert. Etwas Grauenvolles. Wie lange noch, bis es die Freunde bemerkt? Oder hat es das längst?

»John Alba ist ein herausragender Autor. Er hebt sich von den anderen deutschen Krimi- und Thriller-Autoren ab und kann sich mit den Top-US-Thriller-Autoren auf jeden Fall messen.« (RW)

John Alba. »Kessel«. Mystery-Thriller.
E-Book für KindlePaperback, auch als E-Book für Tolino u.a.

Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

4 Kommentare

  1. Mich stört v.a., dass Hr. Waldscheidt “verschlimmbessert” und mitunter falsche Alternativen anbietet: “rauschen” durch “rascheln” zu ersetzen ist semantisch schlicht falsch. Blätter oder Papiere können rascheln. Wind kann das erzeugen. Er selbst raschelt nicht. “Rauschen” kann er. “Rauschen” kann u.a. ein dumpfes Geräusch sein oder eine schnelle Bewegung. Hier arbeitet der Autor mit der Bewegung… “winzige Glöckchen”: es gibt nicht umsonst einen Unterschied zwischen “klein” und “winzig”. Glöckchen als Diminutiv heißt “kleine Glocke”, winzig ist also noch kleiner und deshalb sollte “winzig” zurecht dort bleiben, wenn der Autor das meint. “bereits”: 1. “bereits” macht die Dringlichkeit deutlich und sollte deshalb ebenfalls bleiben. 2. Ist der Satz dadurch melodischer. Ich finde Hr. Waldscheidts Manie, in Verlagen veröffentlichte Romane und Übersetzungen seinen stilistischen Überprüfungen zu unterziehen etwas eigenwillig, zumal er selbst dort nicht veröffentlicht, sondern als Selfpublisher unterwegs ist.

  2. Ich finde auch: Man kann es auch massiv übertreiben.
    Zum Ersten muss man nicht mit dem ersten Satz oder dem ersten Absatz sofort Maximalspannung erzeugen; das Verfahren, einen gewisse romantische, ruhige, „schöne“ Stimmung zu vermitteln, in die der Konflikt (oder was auch immer) dann einbricht, ergibt oft sogar viel mehr Sinn. Man muss auch nicht ganz schnell und superglatt irgendwohin flutschen, man darf dem Leser durchaus erstmal ein (erstes) Bildchen (ein großes Gemälde ist das hier ja sowieso nicht) malen und ihn in Stimmung bringen, ihn für das Kommende gewissermaßen öffnen.
    Davon abgesehen: Mit der Begründung, am Anfang sollte es sofort „dicht“ sein, das – wie zugegeben wurde – Dringlichkeit erzeugende „bereits“ zu entfernen, ist doch kontraproduktiv. Dass der Originalsatz von Sound her viel besser mit dem Rauschen (das ist nicht dasselbe wie „rascheln“) und dem Wogen des Getreides korrespondiert als die eher nach Fakten-Ansage klingende „verbesserte“ Version, sei ebenfalls nicht unerwähnt gelassen.

    Die Idee, unerfahrenen Autoren zu zeigen, wie sie dem Leser den Einstieg ins Buch erleichtern können, ist ja löblich; aber erstens sind die ersten paar Zeilen dabei nicht der Schlüssel, sondern die ersten ein bis drei Seiten (innerhalb der muss der Leser gefangen werden, diese „der erste Satz zählt“-These entspricht doch gar nicht dem realen Leserverhalten), zweitens sind das hier (das Super-Feintuning) nicht die wirklichen Problemstellen, der Leser stolpert – wenn überhaupt – erst über viel Gröberes (und das weiß der Verlagslektor eigentlich auch, auch wenn er selbst schon bei Winzigkeiten aufmerkt) und nicht zu letzt ist, wie schon angedeutet, diese „verbesserte“ Version einfach nur kälterer, härterer Stil als die Originalversion. Man kann diesen härteren Stil pflegen, aber ihn als das Optimum der Erzählkunst zu verkaufe, ist doch falsch (wenn nicht gar anmaßend).

  3. Was mich stört, ist das Absolutistische in solchen Tipps. Für den Autoren des Artikels mögen die Ratschläge einleuchtend sein, aber für mich ist es nicht nachvollziehbar, wieso es nicht okay sein soll, dass ein jeder Autor anders schreibt als der andere. Es ist ja nun nicht so, dass der Text durch die vorgeschlagenen Verbesserungen wirklich massiv an Qualität gewinnen würde oder die Geschichte besser transportieren würde.

    Im Gegenteil: Es sind andere Nuancen erkennbar, die den Text verfremden und vielleicht nicht exakt das wiedergeben, was der Autor eben beschreiben wollte. Als weitaus konstruktiver hätte ich eine Textanalyse gefunden, die aufzeigt, worin die textlichen Stärken liegen, was diesen Text zu einem “potentiellen Bestseller-Anfang” macht und was ihn von Texten unterscheidet, die abgelehnt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.