Schreib-Tipp: Was sind und was bedeuten eigentlich Szenen in Ihrem Roman?

Die Szene ist in den aktuellen Romanen die mit Abstand am weitesten verbreitete Handlungseinheit. Hier folgen die Romane dem Medium Film einerseits und der dramatischen Notwendigkeit andererseits. Nur wenn Sie wissen, was genau eine Szene ist und soll und wann Sie sie brauchen, können Sie sie in Ihrem Roman optimal einsetzen.

Szenen in einem dramatischen Roman zeichnen sich durch folgende Aspekte aus:

• Szenen sind dramatische Einheiten.

Szenen stammen aus dem Theater, sie sind Teil dramatischer Dichtung im weiteren Sinn und eben auch, im engeren Sinn, einer dramatischen Erzählung, wie das die meisten modernen Romane sind. Drama nun braucht Konflikt. Sprich: Ohne Konflikt kein Drama – und damit fehlt die Notwendigkeit einer dramatischen Erzählsituation, also auch die Notwendigkeit der Dramatisierung. Und Szenen sind nun mal per Definition die Dramatisierung von Ereignissen.

Das heißt, dass Sie eine Situation, die keinen Konflikt hat, erzählen sollten, statt eine (zum Scheitern verurteilte) Dramatisierung und damit eine szenische Darstellung zu versuchen. Die Szene besäße keinen Motor, nichts, was die Ereignisse in eine Richtung treiben würde – eben in die Richtung, die (nur) der Konflikt vorgibt.

Beispiel Erzählung: Sabrina und Lola unterhalten sich über Umweltpolitik.

Beispiel Szene: Sabrina versucht Lola davon zu überzeugen, dass sie die Grünen wählen muss.

• Szenen sind Sinn-Einheiten.

Eine Szene zeichnet sich durch eine inhaltliche Geschlossenheit aus. Eine Szene erzählt eine eigene Geschichte. Der einfachste Aufbau einer Geschichte ist der in Exposition, Eskalation, Resolution. Jede Szene sollte zumindest einen zentralen Wendepunkt und einen Höhepunkt enthalten.

Die Besonderheit bei Szenen ist, dass sie zugleich Teil einer größeren Geschichte sind. Mit der Folge, dass die Exposition, also die Vorstellung von (Szenen-)Konflikt, Schauplatz, Charakteren, kurz ausfallen oder gar wegfallen kann. Die Resolution am Ende muss keine vollständige sein. Der Szenenkonflikt kann aufgelöst werden, jedoch sollte der Leser immer auch schon auf die folgende Szene oder den folgenden narrativen Abschnitt gespannt gemacht werden.

• Szenen sind räumlich geschlossen.

Auch dieser Aspekt kommt vom Theater. Von dort stammt auch der Begriff des (Bühnen-)Bilds. Eine Szene spielt in nur einem Bild. Umgekehrt können in einem Bild jedoch beliebig viele Szenen spielen.

Diese räumliche Abgeschlossenheit in einem weiteren Sinn zu begreifen, kann dann sinnvoll sein, wenn der Charakter sich innerhalb einer Handlungssequenz zwischen mehreren Schauplätzen bewegt. Hier erweitert der Roman die Möglichkeiten des Theaters. Die Abgeschlossenheit des Raums kann aufgebrochen werden, doch die inhaltliche Abgeschlossenheit (Szene als eine Geschichte) sorgt dafür, dass die Szene als eine in sich geschlossene Szene kenntlich bleibt.

• Szenen sind zeitlich geschlossen.

Eine Szene funktioniert dann am besten, wenn Sie sie als eine nahtlose Handlungssequenz präsentieren. Auf diese Weise behält der Leser das Gefühl, direkt Zeuge der Ereignisse zu werden und damit in die Handlung hineingezogen zu werden.

Falls in der Szene abschnittsweise nichts von Belang geschieht, ist es sinnvoll, diese konfliktlosen Teile zu erzählen, anstatt sie szenisch darzustellen.

Szenen formal

Wann immer eine dieser Einheiten abgeschlossen ist, sollten Sie das dem Leser auch anzeigen. Ansonsten sorgen Sie für Verwirrung.

Optisch können Sie am einfachsten über eine Leerzeile tun. Oder Sie sorgen für einen deutlicheren Einschnitt, etwa mit Sternchen, einer Nummerierung oder einer Überschrift.

Inhaltlich gelingt es über eine narrative Brücke zwischen zwei Szenen, indem Sie beispielsweise erzählen, was zwischen den Szenen geschieht.

Szenen und Kapitel

Wann ist es sinnvoll, mehrere Szenen zu einem Kapitel zusammenzuschließen? Auch bei dieser Frage sollten Sie die Kapitel als Einheiten ansehen, inhaltlich, räumlich, zeitlich. So könnten mehrere Szenen am selben Ort spielen und das Kapitel die Einheit des Orts anzeigen.

Oder, etwa bei einer längeren Familiensaga, könnte ein Kapitel die Vorgänge innerhalb eines Jahres oder einer Generation abbilden.

Oder das Kapitel erzählt eine übergeordnete Kapitelgeschichte, die Szenen darin jeweils zu dieser Kapitelgeschichte gehörende Einzelgeschichten.

Vergleichen Sie Szenen mit Sätzen und Kapiteln mit Absätzen. Ein Satz mag für sich eine geschlossene Einheit bilden. Einen größeren Sinnzusammenhang erhält er dann im Rahmen eines Absatzes.

Szenen und Erzählrhythmus

Damit sich beim Lesen ein bestimmter Rhythmus einstellt, ist es oft sinnvoll, wenn Sie die Szenen in etwa gleichlang gestalten. Wenn drei Szenen je zwischen sieben und zehn Seiten lang sind, fällt eine Szene von zwanzig oder von nur zwei Seiten aus dem Rahmen.
Als Stilmittel können Sie das wiederum ganz bewusst einsetzen, etwa, um ein Ereignis besonders zu betonen. Doch auch hier gilt wie bei allen Stilmitteln: Die Dosis macht das Gift. Ein Stilmittel funktioniert nur dann, wenn Sie es nicht überstrapazieren. Und die meisten Stilmittel verlangen Opfer. Hier also sollten Sie sich fragen, ob das Herausheben eines Ereignisses durch eine auf drei Sätze verkürzte Szene den Verlust des Erzähl- beziehungsweise Lese-Rhythmus wert ist.

Wenn Sie das beachten, setzen Sie Ihren Roman so richtig in Szene. Das hat Ihre Story verdient.

Stephan Waldscheidt

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