Schreib-Tipp: Wie Sie einen hochspannenden Text noch spannender machen

Ken Folletts Thriller »Die Nadel« (»Eye Of The Needle«, als »Storm Island« 1978 veröffentlicht) war der internationale Durchbruch für den Autor, sein erster von vielen Bestsellern. Zurecht. Kein Wunder, dass schon drei Jahre später die Verfilmung in die Kinos kam.

In dem Buch geht es um die Jagd auf einen deutschen Spion im England des Zweiten Weltkriegs, der kurz vor der Invasion der Alliierten Informationen zu Hitler bringen will, die den Ausgang des Kriegs beeinflussen würden. Mehr als um die Jagd geht es um die Flucht des Spions, denn Henry Faber alias die Nadel steht im Zentrum des Romans – obwohl er ganz klar der Schurke der Geschichte ist.

Seine beiden Oberjäger, die eindeutig sympathischen und guten Goodliman (!) und Bloggs, kommen hingegen nicht so recht beim Leser an. Dabei ist die Ausgangsbasis fürs Leserinteresse zunächst bei allen gleich: Jedem der drei gönnt Follett eine eigene Erzählperspektive. Und eine eigene Erzählperspektive und reichlich Romanseiten aus dieser einen Sicht erzählt, ist das größte Potenzial zur Leserbindung, das ein Autor einem Charakter mitgeben kann.

Der zentrale Plot um Spion Faber aber hat etwas, was bei Goodliman und Bloggs fehlt: Konflikt – und zwar Konflikt innerhalb der Erzählperspektive. Faber hat bei jedem Auftritt ein Problem zu lösen und er handelt entsprechend. Das Problem der Geheimagenten ist ein einziges, und zwar von Anfang bis Ende des Romans: Henry Faber. Anders gesagt: In ihrer Erzählperspektive selbst werden sie nicht mit eigenen Problemen konfrontiert. Alle, mit denen sie zu tun haben, sind auf ihrer Seite und kooperieren. Das könnte den Druck auf Faber um eine Winzigkeit erhöhen, ist aber für den Leser so gut wie nicht spürbar. Den Roman kostet es eine Menge Spannung.

Nicht nur das. Die beiden Charaktere, die auf der Seite des Guten kämpfen, werden als Charaktere nicht plastisch, nicht Fleisch und Blut – anders als Faber, der eine hervorragend gezeichnete, hochkomplexe Persönlichkeit ist. Follett kann es also, konnte es damals schon. Dass Goodliman und Bloggs nicht aus der Seite heraustreten, sondern vom Leser sofort nach dem Roman vergessen werden, sorgt ebenfalls dafür, dass der Roman weniger spannend ist, als er es sein könnte. Damit er gespannt auf die Taten und Schicksale einer Person sein kann, muss der Leser zunächst eine emotionale Beziehung zu ihnen aufbauen. Leute, die mich nicht interessieren, können in jede noch so brenzlige Situation geraten – ich gähne trotzdem.

Ken Follett, der zu dieser Zeit noch nicht die verlässliche Bestsellermaschine war, die er heute ist, hat diesen zweiten Knackpunkt gespürt. Er hat ihn jedoch auf eine Weise zu lösen versucht, die ihm heute nicht mehr unterläuft (wie etwa sein letztes dreibändiges Epos, die Jahrhundert-Triologie, eindrucksvoll zeigt). Anfängerfehler auf hohem Niveau, Ken, und keine Schande bei so einem Hammer von Thriller.

Follett hat dem Leser Backstory der Charaktere vor die Augen gekippt, etwa die über eine bei einem Bombenangriff ums Leben gekommene Frau von Bloggs. Allein das Wissen aber, dass jemandem etwas Schlimmes widerfahren ist, sorgt beim Leser noch nicht für starke Empathie oder gar Identifikation. Der Leser will überzeugt werden. Einen Leser überzeugen Sie am eindrücklichsten dadurch, indem Sie ihm die Ereignisse zeigen, statt sie nur zu konstatieren.

Auch brauchen starke Emotionen Zeit, um sich entwickeln zu können. Den Leser in die Vorgeschichte des Romans zu beamen, wo ein hilfloser Bloggs seine tote Frau aus Trümmern zieht, ist ein guter und richtiger Schritt – damit der Leser jedoch tiefer in den Charakter einsteigt, braucht er mehr: mehr Zeit mit den Figuren, mehr Handlungen und damit mehr Konflikte.

Hätte Follett das Leben von Bloggs mit seiner Frau gezeigt und »Szenen einer Ehe« mit Fokus auf den Konflikten, wäre der Leser dem Ermittler viel näher gekommen. Was, siehe oben, letztlich für mehr Spannung in Bloggs Erzählperspektive/Subplot geführt hätte.

Handlung ist für die Erzeugung von Spannung eine der Grundvoraussetzungen. Denn sie macht Charaktere plastisch (»show« statt »tell«), erleichtert und verstärkt Leseremotionen und ist eine der zentralen Voraussetzungen von Konflikten (äußere Konflikte entstehen vor allem dann, wenn ein Handelnder auf seinem Weg zum Ziel auf Hindernisse trifft). Ein Konflikt ist dann spannend, wenn der Leser emotional in den Konflikt involviert ist und wenn es um etwas für die Beteiligten Wichtiges geht (hohe Einsätze).

Auch diesen Punkt – hohe Einsätze oder »Was steht auf dem Spiel?« – hat ein Meister wie Follett verinnerlicht. In »Die Nadel« verbindet er die Einsätze mit dem Vorführen historischer Persönlichkeiten, was verdammt raffiniert ist. Aber auch hier hätte er einiges (noch) besser machen können. Seine Sünde: Wiederholung statt Eskalation.

In vier oder fünf Szenen mit Leuten wie Rommel, Hitler und Churchill wird darauf hingewiesen, dass Fabers Informationen zeigen, wo an der französischen Küste die Alliierten landen werden – und damit den Ausgang des Kriegs entscheiden können. Das funktioniert beim ersten Mal wunderbar, beim zweiten Mal als Betonung ebenfalls noch, in den gefühlt zu vielen Szenen gleichen Inhalts danach jedoch nicht mehr.

Was Follett heute weiß: Einsätze brauchen Eskalation, damit die Spannung ansteigen kann. Sprich: Je näher Ihr Roman sich dem Ende nähert, desto mehr sollte für den Protagonisten auf dem Spiel stehen, desto höher sollte der Preis sein, den er bei einer Niederlage zahlen muss – er und womöglich noch viele andere.

»Die Nadel« ist ein hochspannender Thriller jenseits der Massenware mit vielen Dingen, die man sich als Autor abschauen kann. Und selbst aus einem solchen Buch ließe sich noch deutlich mehr herausholen.

Wenn man schon an einem Bestseller noch so viel verbessern kann – welches Potenzial schlummert da erst in Ihrem Roman!

Nutzen Sie es.

Stephan Waldscheidt

Als John Alba schreibt er eine Reihe von Mystery-Thrillern, deren erster Roman jetzt erschienen ist: ZWINGER.

Was wirst du tun, um die Liebe deines Lebens von den Toten zurückzuholen? Was wirst du opfern, um deinem Zwinger zu entfliehen? Eine Krankenschwester, die Männer in eine Falle lockt, um ein wahnsinniges Experiment durchzuführen. Ein indisches Mädchen, als Sklavin gehalten, das kein weiteres Mal sterben will. Ein Familienvater, der in einem Zwinger gegen den Hungertod kämpft, für seine kleine Tochter – und gegen die Zeit. Drei Schicksale für immer verbunden. Ein dunkles Wesen, das im Tode lauert. Kein Entkommen.

Paperback bei AmazonE-Book für KindleE-Book für Tolino u.a.

Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat ĂĽber 50 BĂĽcher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. FĂĽr sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der MĂĽnchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet auĂźerdem als Kolumnist fĂĽr das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor fĂĽr SPACE, Federwelt und Telepolis. SchlieĂźlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

One Comment

  • Danke, Stephan, fĂĽr diesen Artikel. Was “die Nadel” auch noch zeigt: Wie wichtig ein guter Bösewicht ist.

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