Schreib-Tipp: Wie Sie Ihre Leser mit einem kleinen Trick in Ihren Roman ziehen

Sehen wir uns zwei Anfänge von Romanen an.

ARCHIE TUCKER HATTE GESCHMACK. Er saß in diesem ziegelroten Traum mit Achtzylindermotor, Automatikschaltung, Weißwandreifen und der Silhouette eines Torpedos, als wäre er ein Filmstar. Mit seinen italienischen Schuhen, der eleganten Hose aus Segeltuch und dem exotisch bunten Aloha-Shirt hätte Tucker ein gutes Motiv für Modefotografen abgegeben. Das Licht war herrlich an diesem Morgen. Besser konnte man es nicht arrangieren. Kein Wunder! Schließlich war es sein Perfektionismus, der ihn zum erfolgreichsten Gesellschaftsreporter Hollywoods gemacht hatte. Längst gehörte er zu der Handvoll Journalisten, die einen Anruf des Managements erhielt, bevor die Stars im Romanoff’s oder im Chasen’s einkehrten. Während die Kollegen nächtelang vor den einschlägigen Adressen herumlungerten, ohne eine gute Story an Land zu ziehen, saß er immer bereits an einem der reservierten Tische und bekam seine Geschichten aus erster Hand.
Nie hatte Tucker irgendetwas dem Zufall überlassen. Bis zuletzt nicht, wie es schien. Es gab kaum einen schöneren Platz für einen großen Auftritt als den Strand von Huntington Beach, an dem sein Cadillac Convertible Cabrio mit Blick aufs Meer parkte. Nur der Umstand, dass große Teile seines Gehirns über die mit beigem Leder bezogene Garnitur verspritzt waren und das Blut aus seinem Schädel auf der Rückbank ein hässliches Muster hinterlassen hatte, trübte das Bild. Aber irgendwas war schließlich immer. (Torsten Seifert, »Wer ist B. Traven?«, Tropen 2017)

Er weiß, die Sache wird blöd laufen, denn sie haben einen Ford für ihn gestohlen. Nichts Gutes, nicht ein einziges Mal, an Fords. Kalt, schwer anzulassen, fahren zu schnell: genau wie sein Leben. Skidoos erster Diebstahl: ein 96er Mondeo. Jeder X-beliebige kann sich einen Ford schnappen, ein Fünfjähriger mit einem halben Meter Umreifungsband kann das, aber Skidoo ist stolz auf seine Leistung. Flottenfahrzeug: Der Kleiderhaken über dem hinteren Fenster auf der Fahrerseite glänzt vor häufigem Gebrauch. (Ian McDonald, Narrenopfer, Gollancz 1996, eigene Übersetzung)

Was haben die Anfänge eines aktuellen literarischen Krimis und eines zwanzig Jahre alten SF-Romans gemein? Nein, ich meine nicht, dass es darin um Autos geht.

Es geht um die Details. Spezifische Details in rauen Mengen sind einer der entscheidenden Unterschiede zwischen einem Erfolgsroman und einem, der nie das Licht über der Druckerpresse oder gar das eines Buchladens sieht. Dafür gibt es viele Gründe. Hier geht es mir um einen.

Spezifische Details vermitteln Autorität. Sie machen den Erzähler zu einer Person, der der Leser bereitwillig vertraut. Sie sagen: »Leser, ich weiß, wovon ich spreche.« Und sie sagen: »Du wirst es nicht bereuen, mir und diesem Buch Stunden deiner kostbaren Zeit zu widmen.« Der Erzähler braucht Autorität. Sie ist einer der wichtigsten Gründe, warum Leser sich ein Buch kaufen. Ja, ihre Wichtigkeit ist der Grund dafür, dass die meisten Leser vor dem Kauf überhaupt in den Anfang des Romans hineinlesen. Das mit der Autorität fängt ja schon bei den Kleinsten an. Welchem Erzähler hören die Knirpse eher zu? Einem mit Bart, einer tiefen Stimme und langsamen Erzählduktus? Oder einem hektischen Schreihals mit Piepsstimme? Ersterer strahlt Autorität aus. Und das verdankt er erst zuletzt seinem Bart.

Der Erzähler in Torsten Seiferts Roman kennt sich aus mit der Szene in Hollywood. Zwei Namen von einschlägigen Lokalen, die vermutlich keiner der Leser je gehört hat und deren Echtheit er auch nicht nachprüft, tragen ihren Teil dazu bei.

Spezifische Details sind so wirksam, dass sie sogar dann den Erzähler glaubhafter machen, wenn der Leser nicht weiß, ob die Details stimmen.

Ebenso ist es beim Erzähler aus »Narrenopfer«. Dass der blankgewienerte Kleiderhaken für häufige Benutzung spricht, vermutlich durch Geschäftsreisende oder eine Kundendienstler, die dort Sakko oder Mantel aufhängen, lässt den Erzähler das Auto als Firmen- oder Mietwagen erkennen. Wahrscheinlich hat sich noch kein Leser über diesen Zusammenhang Gedanken gemacht. Doch die meisten werden sofort davon überzeugt sein, dass der Erzähler sich mit Autos im Allgemeinen und Autodiebstählen im Besonderen auskennt.

Die Autorität ist ein wichtiger Bestandteil der Erzähl(er)stimme. Diese wird neben den sehr spezifischen und dem Roman eigenen Details auch von der Haltung des Erzählers mitbestimmt. Zu dieser gehört bei Torsten Seiferts »Wer ist B. Traven?« schwarzer Humor, bei Ian McDonalds »Narrenopfer« etwas Kumpelhaftes.
Wichtig ist zunächst nicht, welche Haltung der Erzähler in Ihrem Roman hat – sondern dass er überhaupt eine hat. Eine fehlende Haltung wirkt wischiwaschi, sie ist das literarische Pendant zu einem schlaffen Händedruck.

Was, wenn McDonald den Anfang ohne Details und die Haltung seines Erzählers geschrieben hätte? Dann wäre womöglich so etwas herausgekommen:

Er weiß nicht so recht, wie die Sache laufen wird. Sie haben ein Auto für ihn gestohlen. Ein Auto ist doch bloß ein Auto, oder? Der erste Wagen, den sein Kumpel gestohlen hatte, war blau. Sein Kumpel wüsste wahrscheinlich, was für eine Marke. Die Sitze Leder. Das ist gut. Da geht das Blut leichter von ab.

Immerhin kommt Blut vor. Aber würden Sie sich diesem Erzähler anvertrauen? Würden Sie sich mit ihm oder ihr gerne auf eine vierhundertseitige Reise machen? Nein? Ich auch nicht.

Haltung und Details haben noch etwas gemeinsam: Sie machen Arbeit. Wer einfach nur draufloserzählt, ohne sich Gedanken über den Charakter, über die Persönlichkeit dessen zu machen, der da erzählt, hat es leichter. Genau wie die, die meinen, ohne Details auszukommen. Diese erfordern Wissen, Nachdenken, Recherche. Sie erfordern, dass der Autor sich näher auf die Szene einlässt. Mühsam.

Details sind auch deshalb so erfolgreich, weil der Autor mit Details nicht nur mehr über den Roman verrät, sondern auch über sich selbst. Die Auswahl der Details ist eine sehr persönliche Entscheidung, womöglich so etwas wie der Fingerabdruck dieses Autors.

Beinahe hätte ich geschrieben: Details sind die Mühe wert. Falsch. Ohne haufenweise spezifische Details kein guter Roman. Keine Ausnahmen, keine Kompromisse. Keine Leser.

Zum Glück ist das in Ihrem Roman ganz anders. Schreiben Sie ihn.

Stephan Waldscheidt

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StephanWaldscheidt

2 Comments

  • Es kommt darauf, wie man haufenweise spezifische Details definiert. Wenn auf jeder Seite 3 spezifische Details erscheinen, sind es in einem Roman von 300 Seiten schon ein ganzer Haufen.
    Und es werden auch viele Romane gedruckt, die ohne viele spezifische Details auskommen, die machen nicht so viel SpaĂź beim Lesen.

  • Nein, es geht nicht darum, dass “haufenweise spezifische Details” drinstehen, sondern darum, dass dort spezifische Details stehen, wo sie erwartet werden dĂĽrfen. Wenn der Typ, ĂĽber den der Erzähler was erzählt, keine Automarken kennt, dann muss der Erzähler nicht erzählen, was fĂĽr ein Auto der Kumpel geklaut hat – das weiĂź der Typ, ĂĽber den erzählt wird, sowieso nicht. Wenn der Typ dann aber das Auto sieht, dann darf man erwarten, dass er zumindest die Farbe erkennt. Oder ob es eine Rostlaube ist. – Ja natĂĽrlich wĂĽrde ich bei diesem „eingeschränkten“ Anfang weiterlesen, lieber sogar als bei dem ersten. Weil ich mich nämlich frage, wie ein Typ, der offenbar so beschränkt ist, dass er nichmal ein fĂĽr sein Vorhaben passendes Auto zu ordern in der Lage, dieses Vorhaben (was immer das ist) wohl umsetzten kann. Mir ist – ehrlich gesagt – schnurz, was der Erzähler ĂĽber Autos weiĂź (solange er im Verlauf des Buches keinen Quark erzählt, was nach so einem Einstieg ja auch nicht unbedingt garantiert ist), ich will “nur”, dass er die Geschichte und seine Charaktere kennt und unterhaltsam darstellen kann. Klar darf der Erzähler mir erzählen, was er weiĂź, solange er dabei die Geschichte nicht zerredet, aber nötig oder auch nur hilfreich ist das nicht.

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