Schreib-Tipp: Wo Stephen Kings »Revival« Spannungstäler hat und wie Sie diese in Ihrem Roman vermeiden

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Mir hat lange kein Roman von Stephen King mehr so gut gefallen wie der 2014 erschienene »Revival«.

Darum geht es: Der kleine Jamie spielt vor dem Haus mit seinen Plastiksoldaten, da schiebt sich ein dunkler Schatten über ihn, ein Schatten, den er sein Leben lang nicht loswerden wird. Er blickt auf und sieht Charles Jacobs über sich, den jungen Methodistenprediger, der in der neuenglischen Gemeinde gerade sein Amt antritt. Im Nu gewinnt der charismatische Jacobs die Herzen der gottesfürchtigen Einwohner. Den Kindern haben es vor allem die elektrischen Spielereien angetan, mit denen er Bibelgeschichten veranschaulicht. Das alles endet, als ihn ein entsetzlicher Unfall vom Glauben abfallen lässt und er eine letzte Predigt hält, die in einer rasenden Gottverfluchung gipfelt. Von der Gemeinde verstoßen, tingelt er fortan über die Jahrmärkte, wo er elektrische Experimente vorführt, die zunehmend spektakulärer werden. Und immer schrecklichere Folgen nach sich ziehen. Über die Jahre trifft Jamie, inzwischen drogenabhängiger Musiker, wiederholt auf Jacobs, der ihn jedes Mal tiefer in seine dämonische Welt zieht. Als Jamie sich dessen klar wird, gibt es kein Zurück mehr. Das finale Experiment steht bevor. (Werbetext bei amazon.de)

Der Roman fesselt seine Leser nicht mit Horror-Versatzstücken, sondern mit seinen beiden Hauptfiguren. Während Jacobs mit seiner Art und seinen ebenso beängstigenden wie bahnbrechenden Experimenten fasziniert, gibt der sympathische Jamie dem Leser eine Identifikationsfigur. Es sind diese beiden Emotionen, die den Leser bei der Stange halten und für Spannung auch dann sorgen, wenn es keine gewaltigen Konflikte oder erschütternden Enthüllungen gibt.

An zwei Stellen sehen wir uns Verbesserungspotenzial an und wie Sie auch in Ihrem Roman effektiver für Spannung sorgen können.

An einer Stelle nach etwa drei Vierteln des Romans erhält Jamie von Jacobs einen Brief. Darin verlangt Jacobs Jamie eine Entscheidung in einer Sache, die Jamie enorm viel bedeutet.

Wann immer Sie einen Charakter vor eine Wahl stellen, schaffen Sie damit die Ausgangsbasis für Spannung. Denn jede Wahl ist ein ungelöster Konflikt.

Doch dieser kann erst dann spannend werden, wenn die Leser sich für den Ausgang der Wahl, also für die Entscheidung, interessiert. Und sie entwickeln erst dann Spannungspotenzial, wenn diese Entscheidung ungewiss ist.

Der Ausgang der Wahlen in der DDR war wesentlich uninteressanter als in der BRD. Spannung kam im Osten höchstens auf, wenn es um die exakten Nachkommastellen ging, nicht um den Sieger. Die Entscheidung der »Wähler« stand fest.

An der genannten Stelle in »Revival« ist es für den Leser sogar hundertprozentig klar, wie sich Jamie entscheiden wird. Er hat keine Zweifel, dass er tut, was Jacobs von ihm fordert. Keine Zweifel gleich keine Spannung.

Dennoch kann eine Entscheidung Ihres Protagonisten zur Spannung beim Leser beitragen, selbst wenn sie von vornherein feststeht. Dann nämlich, wenn es um die Konsequenzen der Entscheidung geht.

Sobald Sie die Konsequenzen nur interessant und dramatisch genug gestalten, nimmt der Leser in Kauf, dass die Entscheidung selbst uninteressant war. Das hat auch King in »Revival« getan. Der Leser weiß, dass Jamie tun wird, was Jacobs will. Doch er ist so gespannt darauf, was daraufhin passieren wird, dass er trotz der uninteressanten Entscheidung gespannt weiterliest.

Doch Ihnen empfehle ich das nicht zur Nachahmung. Jeden so naheliegenden und reichen Ausgangspunkt von Spannung am Wegesrand Ihres Plots liegenzulassen, kann Sie Leser kosten. Und, andersherum, jede Chance, die Sie wahrnehmen, Leser zu fesseln, wird Ihnen mehr treue Leser schenken. Die Ihnen zunächst bis zum Ende des Buchs treu bleiben. Und dann, wenn Sie das mit dem Ende gut hinbekommen, auch noch bis zum Anfang des nächsten Buchs.

Nur wenn Sie Stephen King sind oder Grisham oder ein anderer Weltbestseller mit eingeschworener Fangemeinde, dürfen Sie am Ende Ihres Romans schwächeln. Das ist in »Revival« auch King passiert. Ich werde seinen nächsten Roman trotzdem lesen.

Am Ende im Höhepunkt geht es darum, dass Jacobs mit Jamies Hilfe versucht, dank einer speziell dafür entwickelten elektrischen Versuchsanordnung eine Frau von den Toten zurückzuholen. Zuvor warten sie am Bett darauf, dass sie stirbt. Der verrückt-geniale Jacobs will von der Frau erfahren, was nach dem Tod auf die Menschen zukommt. Weil er wissen will, was mit seiner früh verstorbenen Frau und seinem Sohn passiert ist.

Der kleine Pluspunkt: Während des Romans dachte ich immer, es ginge Jacobs darum, seine verstorbene Familie aus dem Tod zurückzuholen. (Vermutlich auch deshalb, weil ich zu sehr an den Plot meines eigenen Romans »Zwinger« erinnert wurde.) Dass Jacobs etwas anderes versucht, überrascht wohl die meisten Leser.

Der große Minuspunkt aber wiegt das kleine Plus leider mehr als auf. Die verstorbene Frau nämlich ist … niemand. Sozusagen. Niemand, der Jacobs oder Jamie etwas bedeutet. Und, das ist besonders bitter, auch nicht dem Leser. Die Frau ist eine Fremde, die bis dahin keinerlei Rolle in dem Roman gespielt hat.

Das hat Konsequenzen für das Leser-Engagement (einen unverzichtbaren Faktor beim Erzeugen von Spannung). Ohne diesen Bezug zu der Frau empfindet der Leser wenig dabei, dass sie für das Experiment herhalten muss. Auch für Jamie sind mit ihr so gut wie keine Emotionen verbunden. Für ihn steht da auch nichts auf dem Spiel.

Wie anders und um wie vieles aufregender wäre das Finale von »Revival« ausgefallen, wenn die unter den Augen von Jamie Sterbende seine Schwester gewesen wäre. Oder seine erste Freundin. Beide kommen im Roman vor, beide liebt Jamie, zu beiden hat auch der Leser eine Beziehung und damit Emotionen und Interesse entwickelt.

In Kings Fassung aber sieht Jamie den – durchaus gruseligen – Ereignissen von einer entfernteren Warte aus zu. Und, da er die Identifikationsfigur des Lesers ist, bleiben auch die Leser den Geschehnissen ferner, als sie es sein müssten.

Was heißt das für Sie und Ihren Roman? Wenn Sie Spannung erzeugen wollen, sollten Sie prüfen, ob die Charaktere, die Sie dazu verwenden, auch auf Resonanz beim Leser stoßen. Denken Sie beispielsweise an die schon klischeehafte Szene des Mordes von einem Unbekannten an einer Unbekannten zu Beginn eines Romans. Selbst wenn Sie das Opfer kurz vorstellen und den Leser mit in ihre Gedanken- und Gefühlswelt nehmen, wird der Tod dieser Person den Leser nicht berühren. Ganz anders wäre es, wenn der Leser diesem Menschen schon hundert Seiten durch den Roman hätte folgen dürfen.

Je weiter hinten Sie Charaktere einsetzen, desto wichtiger wird es, dass der Leser sich mit ihnen verbunden hat.

Denken Sie an eine Verfolgungsjagd am Ende Ihres Thrillers. Der Ermittler stellt den Schurken. Doch der hat ein Ass im Ärmel: eine Geisel. Der Unterschied, ob diese Geisel eine für den Ermittler und Leser fremde Person ist oder die dem Leser über womöglich mehrere Romane der Reihe vertraute Mutter des Ermittlers macht einen gewaltigen Unterschied für die Spannung. Das leuchtet sofort ein, dennoch kann man das Potenzial ungenutzt lassen. Wie Kings Roman zeigt.

Je weiter hinten im Roman Sie das mit der Spannung vergeigen, desto verheerender die Auswirkungen für Ihren Roman und für die Einschätzung der Leser.

Ich bin sicher, Sie entscheiden sich ab sofort richtig. Mit besten Konsequenzen für Ihren Roman.

Stephan Waldscheidt

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

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