Schreibtipp: Gute Dialoge – ein Versprechen an Ihre Leser

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Nicht jedes Ereignis Ihres Romans brauchen und sollten Sie dramatisch, also in einer Szene, darstellen. Drama braucht Konflikt und Emotionen. Wollen Sie beispielsweise nur darüber schreiben, wie Ihre Heldin mit dem Schlauchboot eine unspektakuläre Strecke zurücklegt, auf der nichts für den Roman Wichtiges geschieht und sie keine für den Roman wichtigen Gedanken denkt, dann bietet sich für diesen Abschnitt die erzählende Form an. Oder sie lassen ihn ganz weg.

Dialoge sind die Teile eines Romans, die die meisten Leser tatsächlich lesen, das heißt, die am seltensten überblättert werden. Damit bedeuten Dialoge auch ein Versprechen an Ihre Leser: »Dieser Abschnitt, lieber Leser, ist besonders unterhaltsam.« Ein Versprechen und eine Verantwortung!

Dementsprechend sollten Sie Unterhaltungen zwischen Romanfiguren nur dann darstellen, wenn diese Unterhaltung …

  1. … auf einem oder mehreren Konflikten fußt;
  2. starke Emotionen (als Grundlage für Drama) enthält;
  3. für den Roman wichtig ist.

Daraus ergibt sich auch eine weitere Faustregel für Dialoge: Stellen Sie nur den Teil einer Unterhaltung dar, der diese drei Bedingungen enthält. Begrüßungen und Verabschiedungen fallen dabei ebenso weg wie etwa Smalltalk übers Wetter.

Was Sie schließlich in Ihrem Dialog darstellen, sollte einer dramatischen Form folgen, also einen oder mehrere Bögen enthalten (Exposition, Eskalation, Resolution mit entsprechenden Wendepunkten) wie etwa einen Spannungsbogen und einen Emotionsbogen.

Ein guter Dialog ist ein Kampf, der verbal ausgetragen wird. Ein Dialog, in dem es nicht mindestens einer Partei ums Gewinnen geht, ist wahrscheinlich überflüssig.

Dabei muss der Dialog keineswegs in Diskussion oder offenen Streit ausufern. Jede Abstufung von Konflikten ist denkbar. Geht es in einem Dialog um Leben und Tod, beispielsweise darum, einen Mann davon abzuhalten, sich von einer Brücke zu stürzen, so kann ein anderer Dialog die Rechtfertigung seiner Existenz im Roman allein daraus ziehen, dass beide Gesprächspartner einfach nur Recht behalten wollen.

Neben der Relevanz für den Roman sollten Ihre Dialoge einen weiteren Test bestehen: Die Einsätze sollten hoch genug sein. Nur wenn es für mindestens einen der Beteiligten um viel geht, ist der Dialog es wert, dass Sie ihn schreiben – und dass der Leser ihn liest.

Wenn also beispielsweise zwei Ehepartner sich nicht einig darüber werden können, wer von ihnen damals im Italienurlaub 1995 eine Nacht auf dem Balkon geschlafen hat, weil der oder die andere ihn beleidigt hatte, so scheinen die Einsätze nicht sehr hoch zu sein. Womöglich aber kann der Gewinner dieses Rechthabewettbewerbs für sich beanspruchen, die Beziehung zu dominieren. Für den Verlierer heißt die Niederlage womöglich, einen wichtigen Teil seines Selbstwertgefühls zu verlieren, womöglich ein Tropfen auf den heißen Stein, der in der nächsten Szene zu einer fatalen Fehlentscheidung führt.

Die nächste Szene? Richtig, ein guter Dialog steht nie verbindungslos im Roman herum. Er ist eine Konsequenz von Vorangegangenem und hat selbst Konsequenzen für Nachfolgendes.

Was einen guten Dialog darüber hinaus auszeichnet:

  • Ein guter Dialog liest sich unterhaltsam wie ein spannendes Tennismatch.
  • In einem guten Dialog passiert auch etwas zwischen den Zeilen (Subtext).
  • Ein guter Dialog wartet mit spezifischen Details auf.
  • Ein guter Dialog klingt wie gesprochene Sprache – vermittelt tatsächlich aber nur die Illusion davon, denn er bleibt verständlich, klar und strukturiert.
  • In einem guten Dialog unterscheiden sich die Sprecher so deutlich voneinander, dass man die Zuordnungen (»sagte er«) an den meisten Stellen weglassen könnte.
  • Die Zuordnungen in einem guten Dialog beruhen auf »sagen« (»sagte sie«, »sagte er«). Alles andere lenkt die Aufmerksamkeit vom Gesagten ab oder ist falsch bis unmöglich. (Dazu demnächst mehr.)
  • Ein guter Dialog vertraut der Intelligenz des Lesers und bevormundet ihn nicht mit Adverbien (»sagte sie lauernd«).
  • Ein guter Dialog findet nicht zwischen sprechenden Köpfen statt, sondern zwischen Charakteren aus Fleisch und Blut und in einer Umgebung, die der Leser sich vorstellen kann.
  • Ein guter Dialog ist Teil einer dynamischen Szene, das heißt, dass außer dem Dialog noch etwas anderes parallel passiert.

Was gehört noch zu einem guten Dialog? Das legt in Ihrem Roman nicht der Waldscheidt fest, sondern Sie. Aber machen Sie sich Gedanken darüber. Mit Ihren Dialogen steht und fällt der ganze Roman.

Stephan Waldscheidt

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

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