Autoren-Tipp: Entfesseln Sie die Power, die in jedem Ihrer Sätze steckt – so erschaffen Sie einen mitreißenden Lesefluss

Erst wenn jeder Satz wirkt, als würde er zwingend aus dem vorhergehenden folgen, schaffen Sie für den Leser einen Fluss – eine Geschichte, die eben mehr ist als bloß eine Menge nebeneinanderstehender Sätze. Das gilt insbesondere innerhalb eines Absatzes. Die Absatzmarke kann diese Konsequenz unterbrechen, sofern sie eine eigene Konsequenz schafft: Im Absatz folgen Satz auf Satz logisch schlüssig aufeinander – die Absätze selbst folgen innerhalb eines Kapitels logisch oder erzählerisch schlüssig aufeinander.

Um die Konsequenz, das Zwingende der Handlungsschritte zu zeigen, bietet es sich insbesondere für Romanautoren an, Sätze mit Verbindern wie etwa »deshalb« oder »weil« zusammenzufügen. Diese Verbinder müssen nicht immer tatsächlich hingeschrieben werden, sie sollten jedoch für den Leser spürbar sein. Ebenfalls für eine Verbindung zwischen den Sätzen sorgen Widersprüche, wie sie Wörter wie »aber« oder »obwohl« ausdrücken.

Während die Verbinder für einen reibungslosen Fluss sorgen, schaffen die Widersprüche Mikro-Konflikte – und Konflikte sind, wie Sie wissen, der Motor einer Geschichte.

Unmerkliche Verbinder sind in vielen Fällen die Subjekte der Sätze, also etwa ein Text über eine Person. Wie hier in diesem Auszug aus »Angst« von Robert Harris (Heyne 2011):

Dr. Alexander Hoffmann saß im Arbeitszimmer seines Genfer Hauses vor dem Kamin. Im Aschenbecher [unsichtbarer, aber spürbarer Verbinder zum Beispiel: neben ihm] lag eine kalte, halb gerauchte Zigarre, der Schirm der verstellbaren Schreibtischlampe war weit nach vorn über seine Schulter gezogen. Er [Bezug zu Hoffmann] blätterte in The Expression of the Emotions in Man and Animals, einer englischen Erstausgabe von Charles Darwins Buch über den Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Mensch und Tier. Hoffmann [Satz wird verbunden durch dasselbe Subjekt] hörte nicht, dass die viktorianische Standuhr im Flur Mitternacht schlug. Ihm war auch nicht aufgefallen, dass das Feuer erloschen war. Seine außerordentliche Fähigkeit zur Konzentration galt allein dem Buch.

Das Gleiche gilt für Objekte. Auch dort fügen sich Sätze zusammen, indem sie dasselbe Objekt behandeln. Wieder aus »Angst«:

Er drehte das Buch um und inspizierte den Rücken. Der Einband [des Buchs] war original, grünes Leinen mit Goldschrift, der Rücken war oben und unten nur leicht ausgefranst. Das Buch entsprach dem, was man in der Branche ein »gutes Exemplar« nannte, und es war schätzungsweise 15 000 US-Dollar wert. Als die Märkte in New York geschlossen hatten, war Hoffmann vom Büro aus sofort nach Hause gefahren und hatte es kurz nach zehn Uhr zur Hand genommen. Sicherlich, er sammelte wissenschaftliche Erst- ausgaben, hatte im Internet nach dem Buch gesucht und tatsächlich vorgehabt, es zu kaufen. Seltsam war nur, dass er das Buch gar nicht bestellt hatte.

Satzfolgen, die dasselbe Subjekt oder Objekt behandeln, können Sie als einen in sich geschlossenen Gedanken betrachten, dem Sie in den meisten Fällen einen eigenen Absatz widmen sollten.

Damit sich Ihre Sätze so verbinden, dass sie einen stetigen Lesefluss ergeben, kann es sinnvoll sein, die Reihenfolge der Wörter im Satz zu verändern.

Ein Beispiel aus »Angst«:

Sie betrachtete ihn und blieb dazu noch einen Augenblick in der Tür stehen. Mit seinen zweiundvierzig Jahren sah er immer noch jung aus.

Die Sätze verbinden sich über den Betrachteten. Aber etwas holpert hier. Kein Wunder. Robert Harris (respektive sein Übersetzer) hat die Sätze tatsächlich so geordnet:

Sie blieb noch einen Augenblick in der Tür stehen und betrachtete ihn. Mit seinen zweiundvierzig Jahren sah er immer noch jung aus.

Hier holpert nichts mehr. Das Objekt »ihn« wird im ersten Satz ans Ende gestellt, sodass es im zweiten Satz ganz selbstverständlich vom Leser aufgegriffen wird – als Subjekt.

Sobald der Leser zwei Sätze nicht zumindest in Gedanken auf eine der geschilderten Weisen verbinden kann, ist das für den Erzähler ein Warnsignal: Hier bricht das zwingend Konsequente ab. Der Satz gehört so nicht hierher. Oder es sollte ein anderer Gedanke folgen.

Häufig hilft es schon, wenn Sie schlicht eine Absatzmarke setzen. Genügt das nicht, kann die Lösung eine Umstellung im Satz sein oder ein Verschieben des Satzes innerhalb des Absatzes. Manchmal hilft jedoch nur noch, den Satz zu streichen.

Sorgen Sie in Ihren Texten für eine ausgewogene Mischung von Verbindern und Mikro-Konflikten. Die Mikro-Konflikte treiben die Geschichte voran und die Verbinder sorgen dafür, dass der so angetriebene Text im Fluss bleibt.

Stephan Waldscheidt

 

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de

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