Autoren-Tipp: Sieben Fakten über Lektoren, die Sie (vermutlich) noch nicht kannten

Blogger und Selfpublisher habe ich bereits gegenseitig vorgestellt – aber es gibt noch mindestens eine weitere interessante Spezies im Dschungel modernen Publizierens: die Lektorin (auch: den Lektor). Was zeichnet Wesen dieser Profession vor gewöhnlichen Sterblichen aus? Wie vermeiden Sie Missverständnisse – und was können Sie tun, um Ihre LieblingslektorIn glücklich zu machen?

Der Lektor ist nicht ihr Freund. Und das ist gut so. Freunden fällt es schwer, Ihnen in aller gebotenen Deutlichkeit zu sagen, dass der von Ihnen produzierte Buchstabensalat die Bezeichnung Text noch nicht verdient hat. Wenn Sie den Anspruch haben, ein guter Autor oder eine gute Autorin zu werden, brauchen Sie diese Ehrlichkeit.

Lektoren lieben Sprache. Deshalb haben sie oft Germanistik studiert. Außerdem haben sie zumindest einmal mit dem Gedanken gespielt, selbst als Autor aufzutreten. Die meisten Lektorinnen und Lektoren, die ich kenne, sind diesem Drang denn auch irgendwann nachgekommen. Die Liebe zur Sprache bedingt aber ebenso, dass grobe Fehler ihnen körperliche Schmerzen bereiten können. Keine Lektorin wird deshalb etwas dagegen haben, wenn Sie Ihr Manuskript bereits vorab von den schlimmsten Sprachverbrechen befreien.

Lektorinnen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Akademikerinnen (ihren männlichen Kollegen geht es selten besser). Es mag für Sie als Autor wie eine riesige Summe erscheinen: 1500 Euro für ein Lektorat? Bedenken Sie, dass darin meist mindestens zwei Wochen Arbeit stecken. Ihr Manuskript wird in mehreren Durchgängen entfloht. Und von Ihrem Honorar müssen die in der Regel frei arbeitenden Lektoren auch noch Sozialversicherung und Steuern abführen.

Lektoren haben nur einen 24-Stunden-Tag. Auch wenn Ihr Manuskript unbedingt übermorgen veröffentlicht sein muss, kann keine Textarbeiterin Wunder vollbringen. Wenn Sie sich nicht rechtzeitig angemeldet haben, müssen Sie womöglich noch Wochen warten, bis Ihr Werk überhaupt an der Reihe ist. Gerade die guten, erfahrenen Kollegen werden gern weiterempfohlen, und es ist ein Glücksfall, wenn sie sofort mit einem neuen Projekt starten können.

Lektorinnen sind fast immer auch psychologisch begabt. Wenn Sie von vornherein klären, wie Sie sich die Zusammenarbeit vorstellen, geht Ihr Lektor bereitwillig darauf ein. Sie als Autorin oder Autor kennen sich doch selbst am besten: Brauchen Sie es auf die harte Tour? Oder sind Sie ein Mimöschen, das vor jedem Fehler etwas Positives über seine Arbeit hören will? Formulieren Sie Ihre Wünsche vorab, dann brauchen Sie keine Angst vor dem ersten Manuskript-Durchlauf zu haben.

Lektoren sind nicht eitel. Wer nicht pragmatisch an diesen Job herangehen kann, hat auf Dauer daran keine Freude. Sie haben als Autor immer das letzte Wort, und Lektorinnen werden ihnen selten übelnehmen, wenn Sie Ratschlägen und Korrektur-Empfehlungen nicht folgen. Ob Ihre Leser ebenso denken, werden Sie ja dann sehen. Wäre ich Lektor, ich würde zumindest eine heimliche Schadenfreude empfinden, flöge ein von mir betreuter Autor wegen Ignoranz meiner Tipps vor seinen Lesern auf die Nase … Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Meine Lektorin hat am Ende immer Recht, obwohl ich zunächst regelmäßig den Drang verspüre, die vorgeschlagene Änderung zu ignorieren, denn “ich habe mir doch was dabei gedacht”. Hier übrigens ein paar andere schöne Ausreden.

Lektoren sind Alleswisser. Und wenn sie etwas nicht wissen, dann kennen sie zumindest jemanden, den sie fragen können. Lektoren gäben (wie Journalisten) sicher gute Telefon-Joker für Günther Jauch ab. Vor allem aber können sie Fragen stellen, auf die Sie als Autor gar nicht gekommen wären: “Wenn eine Frau in einem langen Rock die Beine übereinanderschlägt, fällt der Stoff dann wirklich so in Falten, wie Sie es im Text beschrieben haben?” Bereiten Sie sich also darauf vor, den Inhalt Ihres Romans auch einmal aus ungewohnter Perspektive zu betrachten. Das Ergebnis ist ein Text, der allen Leserinnen und Lesern gewachsen ist.

So weit meine Erfahrungen mit Lektorinnen und Lektoren. Habe ich wichtige Punkte vergessen oder gar dasselbe Wort in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen verwendet? Dann korrigieren Sie mich bitte. Gern auf die harte Tour.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

28 Kommentare

  1. Ich kann dem nur zustimmen, ein guter Lektor will Schaden abwenden, ohne den Autor zu verbiegen. Nur leider möchten viele Autoren hofiert werden, obwohl sie eigentlich Schrott geschrieben haben und dann können sie leider nicht die Wahrheit vertragen. Schade und dumm eigentlich, denn ein guter Lektor bringt einen weiter.

  2. Ich kann dem nur zustimmen, ein guter Lektor will Schaden abwenden, ohne den Autor zu verbiegen. Nur leider möchten viele Autoren hofiert werden, obwohl sie eigentlich Schrott geschrieben haben und dann können sie leider nicht die Wahrheit vertragen. Schade und dumm eigentlich, denn ein guter Lektor bringt einen weiter.

    1. Kritik ertragen ist nicht einfach. Wer sie aber nicht aufnehmen und verarbeiten kann, der sollte lieber sich und dem Lektor die Quälerei ersparen. Und wer Kritik erträgt, der liebt auch seinen Lektor.
      Das Problem beim Selfpublishing ist nur, dass ein Lektorat verständlicherweise nicht billig ist. Würde es “nur” 1000 Euro kosten, so müsste man bei einem günstigen Verkaufspreis mindestens 1000 Bücher verkaufen und das rechnet sich meist nicht. Ich würde meinen Lektor schon von Anfang an lieben. Aber am schnöden Mammon scheitert es 🙁
      Man könnte ja auch argumentieren, dass durch das Lektorat die Chancen, einen Verlag zu finden, steigen. Da die Manuskripte über den Schreibtisch des Vor-Lektorats in Form einer unbezahlten Literaturstudentin nicht hinauskommen, kann man mit Fug und Recht an der Berechtigung dieser Hoffnung zweifeln.

  3. Köstlicher Artikel! 🙂
    Aber ein Lektor hat meist auch ein gutes Gedächtnis – und so erinnere ich mich, dass es nicht um den Faltenwurf ging, sondern um den Schlitz im Kleid!
    Grüßen Sie Ihre Frau, die so bereitwillig experimentiert hat.

  4. Einen Punkt möchte ich noch hinzufügen:
    Lektoren können alle Texte lektorieren, aber nicht ihre eigenen.
    Das liegt daran, dass man bei eigenen Texten liest, was man geschrieben hat und nicht, was wirklich da steht. Eine Art systemimmanente Betriebsblindheit, daher braucht ein Lektor für den eigenen Text einen anderen Lektor.

  5. Meine Erfahrung in vielen Jahren Verlagsarbeit: Hüte dich vor LektorInnen, die glauben, selbst schreiben zu können oder die gar Bücher veröffentlicht haben, denn sie haben ihre Unschuld und Objektivität verloren.

  6. Es würde mich als Maskulinisten 😉 echt interessieren, ob – wie im Artikel behauptet – männliche Lektoren mitunter aufgrund ihres Geschlechtes mehr Honorar beziehen.

    Außerdem … wenn ich schon dabei bin: Können Frauen nicht auch Lektoren sein? Und da wir ja alle Sprache lieben, was klingt besser: “Lektoren und Lektorinnen” oder “Lektorinnen und Lektoren”. Wozu geschlechtsspezifische Privilegierungen in der Sprache?

      1. Hallo Frau Sabine,
        nein, sind sie nicht. Wären sie es, wäre ich es nicht. Der Feminismus hat sich leider in Richtung Sexismus bewegt und kämpft häufig für Privilegien. Die Begrifflichkeit des Maskulinismus ist noch nicht ganz geklärt – aber gehen Sie doch mal zu manndat.de – Viele Damen verwechseln Maskulinismus mit Machismo – pero no es lo mismo 😉

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