Gastbeitrag: Ein interaktiver Reiseführer im ePub3-Format – Ideen und Erfahrungen

Labyrinth-Tokio-Axel-Schwab

Ein interaktives E-Book im EPUB3-Format zu erstellen, vor einem Jahr hatte sich diese Idee bereits in meinem Hinterkopf festgesetzt. Ideen, was man damit für einen Reiseführer an tollen Features umsetzen könnte, gab es genug. Hauptsächlich wegen Zeitmangels, einer passenden Software und der Tatsache, dass der Anteil meiner E-Book-Verkäufe im Bereich um 10% stagnierte, haben mich bisher davon abgehalten.

Gerade auf Reisen bevorzugen die meisten Leser (mich eingeschlossen) weiterhin ein gedrucktes Buch. Natürlich liegt es sicherlich auch daran, dass die wenigsten Leser bisher eine wirklich positive Erfahrung bei solchen Sachbüchern erleben durften. Bieten doch selbst die großen internationalen Verlagshäuser bei Reiseführern oft nur einen digitalen Abklatsch der gedruckten Version als E-Book an. Verbleiben dann als einzige zusätzliche Funktionen die Stichwortsuche und eine Verlinkung mit Karten, die in schlechter Qualität und nur als JPEG eingebunden sind, braucht man sich darüber nicht zu wundern.

Als ich dann im Sommer von BoD gefragt wurde, ob ich Interesse habe, für die E-Challenge 2014/15 an einem Showcase-Projekt mitzuarbeiten, fiel mir die Entscheidung leicht. Denn wie bei vielen Autoren geht es bei mir oft nicht ohne eine harte Deadline, die mit der Buchmesse Frankfurt für eine erste Vorschau und Mitte Dezember 2014 für das endgültige E-Book klar vorgezeichnet war.

Auf einem großen Blatt skizzierte ich die Gedanken, wie man welche technischen Möglichkeiten von EPUB3 nutzen könnte, um die beste Leseerfahrung zu erzielen. Dabei versuchte ich mich vom Gedanken zu lösen, dass es überhaupt Bücher aus Papier mit einzelnen Seiten gibt und entwickelte folgende Grundthesen für den Reiseführer:

  1. Intuitive Bedienung für alle Altersgruppen vom iPhone-Kid bis zum Senior.
  2. Die Navigation im gesamten E-Book muss auch ohne Blättern möglich sein.
  3. Zentrum der Navigation ist eine Übersichtsseite mit einem Foto pro Kapitel.
  4. Jedes Kapitel verfügt über drei unterschiedliche Darstellungsarten:
    a) Eine zoombare interaktive Karte, über die alle Informationen zugänglich sind.
    b) Eine scrollbare Leseseite, die den Kapiteltext und zugehörige Fotos enthält.
    c) Eine Fotogalerie, bei der die Kapitelfotos im Vollbildmodus angezeigt werden
    und in der bei umfangreichen Kapiteln zusätzliche Detailkarten enthalten sind.
  1. Bei schwierigen Dingen wie Ticketkauf Unterstützung durch Audiotracks.
  2. Eine Vorlesefunktion (Read Aloud) für alle Texte im interaktiven Modus.

Warum möchte ich überhaupt jedes Kapitel auf drei unterschiedliche Arten darstellen? Insbesondere ein Reiseführer wird sowohl zur Vorbereitung einer Reise als auch später zur Durchführung verwendet. Je nachdem, ob man interaktiv in einer Karte die Attraktionen (POI auf Neudeutsch) auswählt bzw. vor Ort sucht, auf einer Leseseite ein Kapitel vor der Reise komplett durchliest oder sich in der Fotogalerie über formatfüllende Bilder einen guten Überblick verschaffen möchte: der Leser kann das nach seiner Vorliebe immer selbst entscheiden.

Die Vorlesefunktion (Read Aloud) richtet sich nicht in erster Linie an legasthene Personen. Vielmehr ist sie ein nützliches Feature auf Reisen, nachdem ich selbst inzwischen eine Lesebrille brauche und festgestellt habe, wie unpraktisch es ist, diese immer aus der Tasche holen zu müssen. Hat man also, wenn man unterwegs ist, nur sein Mobiltelefon mit Kopfhörer dabei, kann man kurz in den Karten (erstellt in SVG, Scalable Vector Graphics) zoomen und sich den Text zur aktuellen Sehenswürdigkeit vorlesen lassen, wie man es von Audioguides in Museen kennt.

Auch für andere Funktionen sind Audiotracks ideal: So bestand bei einer Tour des Reiseführers die Schwierigkeit, dass der Leser sich beim Fahrer eines Linienbusses in Tokio ein Tagesticket kaufen muss, dieser aber in den meisten Fällen nur Japanisch spricht. Also habe ich kurzerhand den Text aufgesprochen, welchen der Leser entweder lernen oder dem Busfahrer vorspielen kann.

Mit nur einem Tag Verzug konnte der geplante Erscheinungstermin für das E-Book fast gehalten werden. Mein besonderer Dank für die Unterstützung bei der Umsetzung geht an Andrea Kock von Books on Demand und Daniela Calisi von Pubcoder.

Das Buch „Labyrinth Tokio – Bonustracks mit 6 neuen Touren“ ist am 16.12.2014 für Apple iBooks erschienen und zielt auf alle Tokio-Reisenden.

Das umgesetzte Konzept wurde vom Autor als Gebrauchsmuster geschützt. Er ist jedoch für Lizensierungen jeder Art offen und hofft, dass bald auch die großen Verlage ihren Lesern solche hilfreichen Features in interaktiven E-Books anbieten.

Im zweiten Teil des Beitrags berichtet Axel Schwab von seinen eigenen Erfahrungen mit PubCoder.

Über den Autor

Axel Schwab gilt als Kenner Japans. Er hat über fünf Jahre in Tokio gelebt und auf Basis seiner dort gemachten Erfahrungen den bei vielen Tokio-Reisenden beliebten Reiseführer „Labyrinth Tokio“ veröffentlicht. Im Februar 2014 erschien sein Restaurantführer „Japan in München”, das erste Buch einer Reihe, das Anfang Januar durch das Buch „Japan in Berlin“ ergänzt wurde. Jedes Jahr besucht der Autor auch weiterhin mit Kamera und Füllfederhalter bewaffnet für mehrere Wochen Japan. Über die Blogs www.japan-in-muenchen.de und www.japanin.berlin hält er seine Leser auf dem Laufenden.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

Ein Kommentar

  1. Moin Herr Schwab,

    es freut mich, dass Sie sich an das Projekt gewagt haben. Ich selbst bin Reiseschriftsteller und arbeite seit fast 20 Jahren in der Tourismus- und Verlagsbranche. Ich habe mit meinen Unternehmungen zahlreiche Versuche unternommen, digitale Reiseführer auf den Weg zu bringen bzw. bei Verlagen unterzubringen. Die sind allerdings noch nicht im neuen Medienzeitalter der Literatur angekommen. Mit der Konsequenz, dass wir jetzt unsere eigenen Bücher machen. Wenn Sie möchten, nehmen Sie gern Kontakt zu mir auf unter redaktion@pantravel.de.

    Gruß, C. Dohme

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