Raubkopien: die drei gröbsten Irrtümer und Fehl-Interpretationen

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Irgendwann kommt für jeden Autor dieser Moment: man googelt sein Buch – und stößt plötzlich auf eine Kopie, die anscheinend jeder Internet-Nutzer kostenlos herunterladen kann. Das Buch, an dem Sie so lange gesessen haben, das Sie schlaflose Nächte gekostet hat, als Freiwild im Netz – das ist im höchsten Maße ärgerlich und wühlt die meisten Autoren zutiefst auf. Wie kann das sein? Was kann ich dagegen tun?

Mein Tipp, so schwer es fällt: erst einmal hinsetzen und eine Tasse Tee trinken. Und vermeiden Sie, im Netz nach dem Thema “Raunbkopie” zu suchen. Denn dort werden Sie unweigerlich auf Zahlen und Daten stoßen, die alles noch viel schrecklicher erscheinen lassen – und doch einer genaueren Diskussion kaum standhalten. Drei dieser Mythen erläutere ich im folgenden. Lesen Sie bis zum Schluss und handeln Sie dann, falls ich Sie nicht überzeugen konnte, meinem eigenen Tipp zu folgen.

1. Auf ein bezahltes eBook kommen zehn illegale

Das ist eine äußerst fragwürdige Interpretation zweier unterschiedlicher Zahlen. Sie beruht einerseits auf der Berechnung von Download-Zahlen illegaler eBook-Portale, andererseits auf Daten zum aktuellen (legalen) eBook-Markt. Was diese Zahl nicht berücksichtigt: es handelt sich um unterschiedliche Gruppen von Menschen (siehe Punkt 2). Es ist also nicht so, dass Nutzer X heute zehn illegale und ein legales eBook herunterlädt. Vielmehr gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die hohe Zahlen illegaler eBooks lädt, und eine sehr viel größere Gruppe, die legal eBooks kauft. Aus demselben Grund ist auch der Satz “70 Prozent aller heruntergeladenen Bücher sind illegal” fragwürdig.

2. eBook-Leser sind unehrlich

Die GfK hat für die deutsche Musik- und Buchbranche mehrere Studien durchgeführt – die so genannte “Studie zur Digitalen Content-Nutzung“. Darin finden sich wichtige Aussagen wie:

  • “Fast 60 Prozent der Deutschen finden es unfair, Angebote zu nutzen, bei denen Künstler nicht beteiligt werden.”
  • “Nur noch vier Prozent der Gesamtbevölkerung halten das illegale Herunterladen von urheberrechtlich geschützten Inhalten aus Peer-to-Peer-Netzen für erlaubt.”
  • “Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind mit den legalen Angeboten von Film, Buch und Musik zufrieden.”
  • “57 Prozent der Deutschen befürworten eine Geldbuße für illegale Downloader, für illegale Anbieter sogar 88 Prozent”
  • “88 Prozent der Deutschen halten das Herunterladen von Mediendateien für Diebstahl”

Der beste Beweis dafür ist das uneingeschränkte Rückgaberecht auf eBooks, das Amazon schon seit dem Start des Kindle anbietet. Die Rückgabequoten liegen hier konstant bei etwa zwei Prozent.

In eine ähnliche Richtung geht die Bitkom-Umfrage zu eBooks, die regelmäßig vor der Buchmesse durchgeführt wird. Nur zwölf Prozent der eBook-Leser geben hier an, keine eBooks zu kaufen. Da es auch legale Möglichkeiten gibt, eBooks kostenlos aus dem Netz zu laden, dürfte der Anteil der Raubkopierer unter zehn Prozent liegen. In den Jahren davor lag die Quote der Nicht-Käufer (aber Leser) höher – man könnte also sogar von einem Rückgang der eBook-Piraterie sprechen.

3. Wer beklaut wird, büßt Verkäufe ein

In der Gutenberg-3.x-Studie, die aktuelle Download-Trends beleuchtet(e), sagen die Autoren ganz klar: “Nutzer von Piraterieangeboten zahlen in der Regel nicht. Sie bei den üblichen Preisen für Ebooks zu Käufern zu konvertieren, dürfte sehr schwierig werden.” Das heißt: selbst wenn Sie den Aufwand betreiben, ihre Bücher zu entfernen, ist das allenfalls ein moralischer Sieg. Sie werden danach nicht mehr eBooks verkaufen. Und im Umkehrschluss: nur weil Ihr eBook auf einer Piratenseite erhältlich ist, werden ihre ehrlichen Leser sich nicht plötzlich von Ihnen abwenden (tatsächlich bräuchten sie Ihr Buch ja nur zurückzugeben, wenn sie der Kostenlos-Mentalität anhingen).

Deshalb gilt – zumindest für mich – auch nach wie vor, was ich im Artikel “Was Sie gegen Raubkopien Ihrer Bücher unternehmen sollten” gesagt. Wenn Sie sich dem nicht anschließen wollen: Machen Sie sich zumindest nicht selbst die Arbeit, schreiben Sie lieber, investieren Sie also in Ihre ehrlichen Leser. Inzwischen gibt es Firmen, die das Löschen von Raubkopien für einen Monatsbeitrag für Sie übernehmen – und die mehr Erfahrung darin haben und das i.d.R. schneller als Sie hinbekommen. Diese Tätigkeit, die sowieso nicht gut für das Nervenkostüm der meisten Autoren ist, können Sie outsourcen – das Schreiben nicht.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

4 Kommentare

    1. Nein, du bist auf eins der vielen Fake-Angebote gestoßen. Da gibt es keine Bücher zum Download. Der geneigte eBook-Dieb soll hier in eine digitale Abofalle gelockt werden. Dass potenzielle Diebe auf diese Art abgezockt werden, könnte ja beinahe schadenfroh stimmen (tatsächlich ist illegale Bereicherung jeder Art Sch…).

      1. Vielen dank, für die Antwort. Sah für mich wie ein echtes Verkaufsportal aus, das ist wohl der Trick. Aber betrogene Betrüger ist echt einen Schmunzler wert. Zwischenzeitlich bin ich noch auf weitere Portale gestoßen. Da stellt ein “Wetterfrosch” das eBook zum Download zur Verfügung und zahlreiche Nicknamegeschützte bedanken sich sogar fürs “zur Verfügung stellen” und praktischerweise werden dann auch noch die Downloadzahlen angezeigt, quasi als eine Art Beliebheitsranking. Allerdings – und das ist tröstlich – die Zahl der Downloads bestätigt deinen Artikel. Die ist sehr, sehr gering.

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