Schreib-Tipp: Das Auslösende Ereignis – was bringt Ihren Roman ins Rollen?

Das auslösende Ereignis (inciting incident / AE) ist der Punkt in Ihrem Roman, wo die eigentliche Geschichte beginnt. »Auslösend« bedeutet genau das: Das Ereignis löst die weiteren Ereignisse aus, bringt die Handlung in Gang. Man kann es auch als den ersten Katalysator der Handlung bezeichnen. Das AE kann zugleich der Aufhänger für den Roman sein, also der Haken direkt zu Beginn der Geschichte, mit der Sie den Leser von Seite 1 ab fesseln. In vielen Fällen fallen die beiden auseinander, etwa, weil das auslösende Ereignis erst eine gewisse Bekanntschaft mit der Hauptfigur oder der Welt des Romans voraussetzt.

Bei dem Film »Findet Nemo« (USA 2003; Regie: Andrew Stanton, Lee Unkrich; Drehbuch: Andrew Stanton, Bob Peterson, David Reynolds) ist das auslösende Ereignis eine Katastrophe für einen der zentralen Charaktere: Beim Angriff eines Barrakudas verliert der Clownfisch Marlin seine geliebte Frau Cora. Nicht nur Cora stirbt. Der Raubfisch frisst auch gleich noch sämtliche Eier ihres Geleges – bis auf eins. Und aus dem schlüpft bald darauf … Nemo.

Der schreckliche Tod seiner Frau Cora verändert Marlin, was sich in der Art und Weise zeigt, wie er mit seinem Sohn Nemo umgeht: Er ist ein typischer Helikoptervater, übermäßig behütend, und würde Nemo am liebsten nicht eine Sekunde aus den Augen lassen. An dieser Angst ist das AE schuld.

Würde es in dem Film anschließend beispielsweise darum gehen, wie Marlins und seine Kumpels als »Marlins Eleven« das Fischspielcasino des Great Barrier Reefs austricksen und ausrauben, wäre Coras Tod nicht das AE. In »Findet Nemo« aber hängt die komplette Story mit dem AE zusammen. Denn später wird das wahr, was Marlin aufgrund des AE verhindern wollte: Er verliert seinen Sohn. Nemo verschwindet, er ist in Todesgefahr, und Marlin kann ihn nicht finden und retten.

Das AE kann mit zwei weiteren Punkten zusammenfallen, dem Aufhänger oder Haken (hook) ganz zu Anfang des Romans und dem Plotpoint 1 am Ende des ersten Akts. In den meisten Fällen jedoch ist es sinnvoller, ein separates Ereignis als AE zu wählen.

Zwischen dem AE und dem Plotpoint 1 wird die Welt des Romans vorgestellt, die wichtigsten Charaktere und vor allem der Protagonist und sein Antagonist eingeführt und das zentrale Problem mindestens angedeutet. Darauf zu verzichten, ist nur selten geboten und fast nie eine gute Idee.

Zwischen Aufhänger und AE ist es fast immer sinnvoll, den Leser emotional mit dem Protagonisten zu verbinden. In »Findet Nemo« geschieht das, indem der Zuschauer Marlin und Cora als glückliches und sympathisches Paar kennenlernt. So wird das dramatische AE, Coras Tod und der Tod der Brut, vom Zuschauer als wesentlich dramatischer empfunden, als wenn mit dem Ereignis sofort die Geschichte anfinge. Auch bietet der Zeitraum vor dem AE die Gelegenheit, den Tod der Geschichte zu etablieren. In einer (Tragi-)Komödie wie »Findet Nemo« wäre es daher irreführend, gleich mit einem so schlimmen Ereignis zu beginnen. Hier ist es sinnvoll, Aufhänger und AE zu trennen.

Die zentrale Handlung des Films beginnt im AE meist noch nicht. Denn das zentrale Problem entsteht erst im Katalysator vor dem Plotpoint 1: Nemo wird von einem Taucher eingesammelt und weggebracht, Marlin muss hilflos zusehen. Der Plotpoint 1 ist die Entscheidung, das zentrale Problem anzugehen. Hier also Marlins Entscheidung, Nemo zu finden. (Genauer betrachtet ist es wohl der Zeitpunkt, als Nemo mit seiner neuen Freundin Dory dem konkreten Hinweis nachgeht, wohin Nemo gebracht wurde: nach Sydney zu einem P. Sherman (Name und Adresse stehen auf der Tauchermaske, die der Nemo-»Entführer« verliert.) Zuvor ist Marlins Suche unspezifisch.)

Wenn Sie noch unentschlossen sind, was in Ihrem Roman das AE ist oder sein soll, werfen Sie einen Blick auf den Kern des Romans: Worum geht es darin zentral? Gehen Sie dann zurück, indem Sie sich fragen, welches – möglichst bildhafte, intensive, emotionale – Ereignis die Grundlage für diesen zentralen Handlungsfaden bilden könnte.

Übrigens: Die zentrale Handlung in zwei Wörtern im Titel unterzubringen, wie das »Findet Nemo« tut, ist besonders genial. Aber vielleicht könnte das ja auch bei Ihrem Roman funktionieren? Die Fortsetzung von »Findet Nemo« übernimmt diese gelungene Idee. Sie trägt den programmatischen Titel »Findet Dorie«. Wenn Sie den Film nicht gesehen haben, denken Sie sich doch einfach ein AE dafür aus – eine gute Übung für Ihren eigenen Roman.

Stephan Waldscheidt

Viel mehr Tipps zum Plotten finden Sie in dem Schreibratgeber: »Plot & Struktur – Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen«

»Alle Waldscheidts sind gut. Aber dieser ist der Beste.« (pe) »Dass ich meinen Roman-Erstling erfolgreich in einem großen Publikumsverlag unterbringen konnte, verdanke ich zu einem guten Teil den Schreibratgebern von Stephan Waldscheidt.« (AC)

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