Schreib-Tipp: Dichtere Romane weben durch Recycling

Einen Roman ökonomisch zu erzählen, macht Ihnen als Autor weniger Arbeit und Ihren Leser mehr Freude. Eine Methode für mehr Effizienz zeigt uns Gregg Hurwitz in seinem Thriller »You’re Next« (Sphere 2010 / dt. »Flieh um dein Leben«).

Im dritten Akt des Romans schleichen sich Protagonist Mike und sein Freund Shep in das Spielcasino des Oberschurken. Um von der dort verwendeten Gesichtserkennungssoftware nicht identifiziert zu werden, füllt sich Mike den Mund mit Sonnenblumenkernen, die seinen Mund und seine Wangen wulstiger erscheinen lassen.

Für sich allein schon eine schöne Idee. Sie gewinnt noch weiter, weil die Sonnenblumenkerne eine Vorgeschichte haben. Einer der Schurken, William, kaut im ersten und zweiten Akt andauernd Sonnenblumenkerne. Diese kleine Verbindung sorgt sofort für ein dichteres Romangewebe – und Sie können eine Idee (die des Sonnenblumenkerne kauenden William) am Ende wiederverwenden.

Recycling!

Mit Recycling vorhandener Gegenstände, Schauplätze, Situationen, Charaktere usw. erzählen Sie ökonomischer, da Sie statt zweier Ideen nur eine brauchen. Mit den Sonnenblumenkernen schaffen Sie hier noch eine schöne Ironie, weil die Guten die Bösen gewissermaßen mit eigenen Mitteln schlagen. Hurwitz verstärkt die Ironie noch dadurch, dass die Sonnenblumenkerne nicht irgendwelche Sonnenblumenkerne sind – Mike klaut sie aus Williams Packung!

Sie hätten statt der Sonnenblumenkerne auch Kaugummi nehmen können – eine neue, eine zweite Idee. Vor allem aber: eine mit nichts im Roman verbundene Idee. Sie fügt sich nicht in das Gewebe des Plots ein, ist isoliert und entfaltet dadurch keinerlei Wirkung.

Hurwitz arbeitet in dem Roman gleich mehrfach mit recycelten Elementen. Jedes einzelne davon ist wie ein weiterer Webfaden quer zur Richtung der eigentlichen Erzählfäden, jedes Element verdichtet das Gewebe seines Romans.

An anderer Stelle im Buch wird Kat, die kleine Tochter des Protagonisten, nachts aus dem Haus gelockt, wo sie sich vor den Bösen versteckt hat – von einem Kokon an einem Baum. Bei dem Anblick des Kokons denkt sie an einen Salamander, den sie in einem Weckglas hielt und der im ersten Akt mehrfach vorgekommen ist. Der Salamander ist gestorben und Kat will sie jetzt diesen Kokon in ein Weckglas stecken, um den Schmetterling einzufangen. Sie geht nach draußen und läuft dem Polizisten in die Arme, der für die Bösen spioniert. Er macht ein Foto des Mädchens, und dieses Foto kann die Bösen zu ihr führen.

Diese Verbindung hier, das Recycling der Idee mit dem Weckglas, sorgt also für eine Verschärfung des Konflikts, eine Zuspitzung der Ereignisse.

Elemente aus einem Roman, die der Leser wiedererkennt, haben mehrere Vorzüge, einige haben wir schon angesprochen:

  • Statt sich Neues ausdenken zu müssen, können Sie auf Charaktere, Gegenstände, Wahrnehmungen usw. zurückgreifen, die Sie sich bereits ausgedacht haben.
  • Allein das Wiedererkennen gibt dem Leser ein gutes Gefühl. Vertrautes wirkt positiv.
  • Die Geschichte wirkt realer. Wir werden ja in unserem Alltag permanent mit einer Menge von Dingen konfrontiert, die wir bereits kennen. Das fängt bei der Person an, die bei uns am Frühstückstisch sitzt und hört bei der Konfitüre, die uns auch gestern schon so gut geschmeckt hat, noch längst nicht auf.
  • Der Roman wirkt dichter, weil alles mit allem verbunden und vernetzt scheint.
  • Sie können Elemente mit Emotionen aufladen – diese Emotionen entladen sich dann, sobald der Leser wieder mit ihnen konfrontiert wird.

Beispielsweise reagiert der Protagonist mit Abneigung auf das Kratzen von Kreide über eine Tafel. Taucht das Geräusch wieder auf, wird nicht nur der Protagonist erneut mit dieser Abneigung konfrontiert, sondern auch der Leser, der sich mit dem Protagonisten identifiziert hat.

  • In vielen Fällen verstärken sich die Emotionen des Lesers mit jedem Auftauchen des Elements. Auch können neue Emotionen hinzukommen.
  • Recycelte Elemente können auch gut dazu verwendet werden, insbesondere die Eskalation im zweiten Akt zu unterstützen, indem die Elemente ebenfalls an Wirkung zunehmen.

Beispielsweise steigert sich die Abneigung gegen das besagte Tafelkratzen oder die Zuneigung zur Sauerkirschkonfitüre.

  • Recycelte Elemente können die Ausgangsbasis von anderen Erzähltechniken sein, etwa von Vorausdeutungen oder von Saat und Ernte (plant/pay-off).

Das Beste zum Schluss: Sie brauchen für das Romanelemente-Recycling nicht mal eine neue Abfalltonne!

Stephan Waldscheidt

Das Weben von dichteren Geschichten ist ein wichtiger Teil beim Plotten eines Romans. Mehr darüber und über das Plotten Ihres eigenen Bestsellers verrät Ihnen der Schreibratgeber »Plot und Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen«

»Dieses Buch überzeugt nicht nur durch den gewohnten Mix aus Klugheit, Leichtigkeit und Humor, sondern vor allem durch eine so noch nicht da gewesene Tiefe und Detailversessenheit  im Umgang mit dem Plotten-Thema. Mich begeistert das Buch auf jeder Seite.« (pe)

Paperback (mit Arbeitsbuch) http://j.mp/1WScvM2

Auch als E-Book für Kindle, Tolino und andere Reader.

StephanWaldscheidt

2 Comments

  • Ein interessanter Beitrag mit praktischem Nutzen. FĂĽr mich gehört es zu einer guten Figurenentwicklung, den Charakteren wiedererkennbare Eigenschaften und Angewohnheiten zu geben, die im Lauf des Romans auch ihre Bedeutung erlangen und fĂĽr die Handlung relevant sind. Recycling wĂĽrde ich das nicht unbedingt nennen, aber es ist einprägsam.

  • Interessant, ich bin immun gegen Tafelkratzen (kann es mit Fingernägeln sogar selbst provozieren) mag aber dafĂĽr keine SauerkirschkonfitĂĽre…

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