Schreib-Tipp: So steigern Sie die Suspense in Ihrem Roman mit dramatischer Ironie

Ein erzählerischer Kniff, von dem Leser nicht genug bekommen können, ist die dramatische Ironie. Kurz gesagt: Der Leser weiß mehr als der Charakter, in dessen Perspektive er sich gerade befindet. Logisch, dass so etwas Menschen gefallen muss. Genießen wir nicht alle ein bisschen Besserwisserei?

Dramatische Ironie als Mittel der Suspense funktioniert in den unterschiedlichsten Konstellationen. Da wäre einmal der Klassiker nach Hitchcock: Harry und Larry sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Unter dem Tisch tickt eine Zeitbombe. Weder Harry noch Larry weiß von der Bombe – der Leser schon.

Zunächst sorgt der Informationsvorsprung des Lesers für die Suspense. Doch nicht nur sein Wissen um die Bombe befeuert die Spannung. Ebenso wichtig ist das Wissen des Lesers um das Nichtwissen der Romanfiguren Harry und Larry, in welcher Gefahr sie schweben.

Dramatische Ironie macht eine Geschichte auch dann spannender, wenn der Informationsvorsprung beziehungsweise der Informationsnachteil zwischen den Charakteren besteht.

Das zeigt eine sehr spannende Szene des Films »Spiderman: Homecoming« (USA 2017). Darin sitzt Peter Parker alias Spiderman auf dem Rücksitz eines Autos neben Liz, dem Mädchen, in das er verliebt ist. Der, der die beiden zum Abschlussball ihrer Jahrgangsstufe fährt, ist Liz’ Vater, Toomes – und damit niemand anderes als Spidermans Gegner Vulture. Peter weiß, dass der Mann Vulture ist – und Toomes findet im Lauf der Szene heraus, dass Peter Parker Spiderman ist. Wer nichts von all dem ahnt, ist Liz. Und da sowohl Peter als auch Toomes Liz lieben, halten sie die Lüge aufrecht.

Wichtig hierbei ist, dass die Gefühle zu Liz beiden, Peter und Toomes, einen guten Grund liefern, die Lüge aufrechtzuerhalten. Säße außer den beiden niemand im Wagen oder wäre der Fahrgast ein unbeteiligter Fremder, gäbe es keinen Grund für Spiderman und Vulture, nicht aufeinander loszugehen – was zwar für eine spannende Kampfszene sorgen, die Suspense aber zerstören würde.

Überhaupt zeigt die beschriebene Szene in ihrer Gänze, welche Power in Suspense steckt, insbesondere auch dann, wenn sie von dramatischer Ironie befeuert wird. Denn die dramatische Ironie selbst erfährt in der Szene einen Wendepunkt, der dann wiederum die Suspense verstärkt.

Zu Beginn der Szene klingelt Peter Parker an Liz’ Haustür – und es öffnet ihr Vater, Toomes. Eine gewaltige Überraschung für Peter und für den Zuschauer. Peter Parker erkennt Toomes sofort als Vulture – und mit ihm der Zuschauer. Toomes jedoch weiß noch nicht, mit wem er es da zu tun hat, schließlich hat er Spiderman noch nie ohne Maske gesehen. Im Lauf der Szene aber kommt Toomes nach und nach dahinter, dass er Peter Parker von irgendwoher kennt. Der Zuschauer fiebert während dieses langsamen Erkenntnisprozesses in jeder Sekunde mit. Irgendwann fällt bei Toomes der Groschen, er weiß, zu wem diese so vertraut klingende Stimme gehört. Das ist der Wendepunkt, der der Suspense noch einmal gewaltigen Auftrieb verleiht.

Gerade in einem doch sehr von Action geprägten Film wie »Spiderman: Homecoming« fällt eines auf: Die beschriebene Szene ist die spannendste des ganzen, durchaus spannenden Films. Auch daran sehen Sie, was Suspense leisten kann, gerade dann, wenn Sie sie mit dramatischer Ironie paaren.

Auch wenn Sie einen zweiten Erzähler addieren, aus dessen Perspektive Sie Ihren Roman schreiben, können Sie Suspense aus dramatischer Ironie entwickeln: Der Leser weiß, was beide Erzähler (die zugleich Figuren des Romans sind) wissen – und damit mehr als jeder der beiden Erzähler allein.

Beispiel: Der Roman wird eingangs nur aus Sicht der Protagonistin Nadja erzählt. Jetzt aber fügen Sie auch noch die Erzählperspektive des Antagonisten Rudi ein. Nadja kommt abends nach Hause. Sie wohnt allein. Was sie nicht weiß, der Leser aber sehr wohl: Rudi hat sich in ihrem Wandschrank versteckt, um Nadja nachts im Schlaf zu ersticken und es wie einen natürlichen Tod aussehen zu lassen.

Die Suspense lässt den Leser gespannt darauf warten, ob und wie Rudi seine Tat umsetzen kann. Jedes Mal, wenn Nadja sich dem Wandschrank nähert, erhöht sich die Spannung.

Das können Sie noch weitertreiben: Nadja weiß etwas, was Rudi nicht weiß – der Leser sehr wohl. (Wir haben dann eine doppelte dramatische Ironie.) Nach Rudis Drohbrief hat sie sich eine Pistole besorgt. Die bewahrt sie in der Nachttischschublade auf.

Der Leser ist doppelt gespannt: Wenn sie im Bett liegt und Rudi aus dem Schrank schleicht – wacht sie rasch genug auf, um zur Waffe zu greifen?

Stephan Waldscheidt

 

Als John Alba schreibt er Mystery-Thriller. Zuletzt erschienen: »Kessel«.

Wer gewinnt den Kampf um deine Seele – deine Liebe oder dein Hass? Als der sechzehnjährige Tobias mit Rachegedanken und einer Pistole nachts zu seinem brutalen Vater fährt, läuft ihm eine nackte Frau ins Auto. Die Frau sieht aus wie eine seiner Lehrerinnen – und sie sollte tot sein. Bei dem Versuch, das dunkle Geheimnis aufzuklären, geraten Tobias und seine Freunde in einen Strudel aus Liebe und Hass, Verschwörung und Mord. Ihr Versteck, eine aufgelassene Brauerei in einem einsamen Schwarzwaldtal, wird dabei zum Zentrum immer unheimlicherer Ereignisse.

Weltweit tauchen Menschen auf, die tot sein sollten. Der Versuch der Freunde, mehr über das Rätsel zu erfahren, weckt etwas auf, das im Tode lauert. Etwas Grauenvolles. Wie lange noch, bis es die Freunde bemerkt? Oder hat es das längst?

»John Alba ist ein herausragender Autor. Er hebt sich von den anderen deutschen Krimi- und Thriller-Autoren ab und kann sich mit den Top-US-Thriller-Autoren auf jeden Fall messen.« (RW)

John Alba. »Kessel«. Mystery-Thriller. E-Book für KindlePaperback, Auch als E-Book für Tolino u.a.

StephanWaldscheidt

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