Schreib-Tipp: Unerwartetes Glück – starke Wirkung

Von Anfang an wird lernwilligen Autoren (also der deutlichen Minderheit, zu der Sie gehören) eingetrichtert, sie sollten ihren Protagonisten nicht schonen und ihre Heldin ebenso wenig. Oder, wie es früher hieß: »Immer feste druff!«

Der Tipp ergibt durchaus Sinn. (Das Aber kommt noch.) Denn wir alle neigen dazu, die Menschen, die wir mögen, mit Samthandschuhen anzufassen. Und wer von uns könnte mit Überzeugung sagen, er oder sie könne die selbsterdachte Hauptfigur des eigenen Romans nicht ausstehen? (Falls das für Sie zutrifft, sollten Sie dringend die Entwicklung dieses Charakters überdenken.)

Neben der Überwindung dieser psychologischen Hemmschwelle ist es aus einem weiteren Grund sinnvoll, den Protagonisten so hart ranzunehmen wie möglich: Menschen verändern sich am ehesten dann, wenn ihnen keine andere Wahl mehr bleibt, wenn der Druck so hoch ist, dass es »verändere dich oder du gehst drauf« heißt. Der glaubhafteste Weg zu dieser Wandlung ist es, Ihren Protagonisten durch die Hölle Ihres Plots zu schicken.

Irgendwann geht Ihnen diese Erkenntnis in Fleisch und Blut über, in Fingerspitzen auf der Tastatur, in Toner und Druckerschwärze auf Papier. Das ist gut.

Grundsätzlich.

Aber nicht in jedem Fall.

Eine Ausnahme zeigen uns Jonathan Igla und Matthew Weiner, zwei Autoren der amerikanischen Dramaserie »Mad Men«, die das Skript zur Episode zwei der siebten Staffel geschrieben haben. Darin erlebt Protagonist Don Draper einen Rückschlag nach dem anderen. Sein Leben scheint ziellos und kaputt, er hat de facto seinen Job verloren, der immer im Zentrum seines Lebens stand, seine Frau lebt Tausende von Meilen entfernt am anderen Ende des Kontinents. Selbst die Sache mit den Geliebten, bei denen er immer Trost suchte, funktioniert nicht mehr. Und dann ist auch noch Valentinstag!

Um das Maß vollzumachen, gerät Don in einen Konflikt mit seiner Tochter Sally, einem der letzten Menschen, die ihm wirklich etwas bedeuten. Auch dieser Konflikt führt ihn in ein tiefes Loch. Sie streiten, schließlich will Sally gar nicht mehr mit Don sprechen. Wortlos sitzen sie nebeneinander im Auto. Sie gehen in ein Restaurant, doch der Konflikt scheint unauflöslich. Als Don Sally am Ende bei seiner geschiedenen Frau absetzt, steigt das Mädchen wortlos aus dem Auto. Alles beschissen, wie es aussieht.
Und dann, zu Dons großer Überraschung – und zur Überraschung der Zuschauer – beugt Sally sich kurz zurück in den Wagen, sagt ein schnelles »Happy Valentine’s Day. I love you, Dad« und verschwindet im Haus.

Don sitzt perplex im Wagen, sein Gesicht unbewegt, doch ganz offenkundig ist er überwältigt von Gefühlen. Und der Leser ist es auch.

Hier kollidieren einige fast immer sinnvolle Prinzipien des Schreibens von Romanen:

  • Löse keinen Konflikt auf, bevor du nicht einen neuen etabliert hast!
  • Treib deinen Protagonisten immer tiefer in den Sumpf aus Konflikten und Niederlagen!
  • Überrasche deine Leser, indem du ihnen etwas anbietest, womit sie nun gar nicht rechnen!
  • Verschaffe deinen Lesern ein möglichst intensives und befriedigendes emotionales Erlebnis!

Ihre Aufgabe als Autor ist es nun, die Prinzipien auszuwählen, die Ihnen an dieser (aber vielleicht nicht nur an dieser) Stelle Ihres Romans am bedeutsamsten erscheinen. Die Autoren von »Mad Men« haben sich für die beiden letztgenannten entschieden.
Warum? Stehen denn nicht die beiden erstgenannten Prinzipien dem entgegen?

Um eine gute Entscheidung zu treffen, sehen Sie sich die Szenen vor und hinter der Szene an, an der Sie gerade arbeiten. Womit Sie ein weiteres Prinzip ins Spiel bringen:

  • Beschere deinen Lesern eine emotionale Achterbahnfahrt!

Bei »Mad Men« hat Don Draper gerade erst eine Menge Rückschläge einstecken müssen. Das ist ein Schlag in immer dieselbe Kerbe. Oder, um im Bild der Achterbahn zu bleiben: Die Bahn fährt eben und geradeaus. Auf Dauer wird so etwas langweilig. Und: Jeder weitere Rückschlag ist, relativ gesehen, weniger wirkungsvoll.

Haben Sie die letzten Szenen damit beendet, dass Sie Ihren Helden tiefer in den Dreck geschickt haben? Dann wäre einer emotionalen Achterbahnfahrt Abwechslung zuträglich, sprich: ein Happy End in dieser Szene oder Episode für Don Draper.

In Ihre Entscheidung einfließen können und sollten noch mehr Kriterien. Etwa das Genre Ihres Romans. Das Thema. Die Prämisse. Und andere mehr.

Solche Kriterien sorgen in vielen Fällen für eine klarere Priorisierung – und erleichtern Ihnen damit letztlich Ihre Arbeit. Denn wenn Sie beispielsweise vorhaben, Ihren Helden am Ende scheitern zu lassen, sollte er zwischenzeitlich immer mal wieder triumphieren, damit Ihr Roman ein breiteres emotionales Spektrum abdeckt.

Denn das oberste Prinzip bei dramatischer Literatur bleibt dies: Unterhalte deine Leser.

Stephan Waldscheidt

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