Wie ein Autoren-freundlicher Zweitmarkt für eBooks funktionieren könnte

Warum kein Second-Hand-Markt für eBooks? (Foto: ppl1958/depositphotos.com)

Ein neues Medium wie das eBook kann eine ganze Menge verändern: Nutzungsgewohnheiten und Geschäftsmodelle ganz sicher, bei der Digitalisierung des Buches erwarten manche sogar, dass sich Strukturen und Inhalte erweitern könnten (ich bin da ausnahmsweise skeptisch). Ein aktueller Aspekt dazu ist die Forderung nach Eröffnung eines (oder Ablehnung eines) Zweitmarktes. Elektronische Bücher aus zweiter Hand – das erscheint manchen Akteuren der Branche als Apokalypse.

Bei der Diskussion darüber werden aber gern Argumente durcheinander geworfen, die sich gegenseitig widersprechen. Denn eigentlich hätten Verlage und auch Autoren gern 7 Prozent Mehrwertsteuer auf das eBook, wie sie auch für Bücher berechnet werden. “Das eBook ist ja auch nur eine moderne Art von Buch”, heißt es dann. Auch von mir übrigens. Allerdings klingt es scheinheilig, wenn man bei anderen Fragen dann herausstellt, dass das eBook eben kein Buch sei.

Eine solche Frage ist die nach einem Second-Hand-Markt für elektronische Bücher. Hier sind dann plötzlich die Unterschiede zwischen Buch und eBook wichtig. Dass ein eBook sich nicht abnutze zum Beispiel. Und dass der Kunde eben kein Ding kaufe, sondern eine Lizenz zum Lesen. Ich kann auch dieser Argumentation durchaus folgen – allerdings sollte man die Forderung nach einer ermäßigten Mehrwertsteuer dann auch konsequenterweise aufgeben. Warum sollten Inhaltslizenzen auf diese Weise subventioniert werden?

Sinnvoller fände ich es allerdings, Konsequenz zu zeigen. Wenn wir wollen, dass eBooks Bücher sind (die mit 7 Prozent besteuert werden), dann muss der Käufer damit auch anstellen können, was er mit einem Buch kann. Und dazu gehört nun einmal der Wiederverkauf. Ich glaube nicht, dass dadurch das Abendland zusammenbricht. Ja, Geschäftsmodelle werden sich ändern, das ist in der Geschichte schon öfter passiert. Nach Erfindung des Buchdrucks waren plötzlich die Klosterschreiber arbeitslos, die Bücher zuvor per Hand abgeschrieben haben.

Die Angst, das Geschäftsmodell des BuchVERKAUFS durch Verlage könnte dadurch scheitern, halte ich aber für übertrieben. Denn das eBook hat auch einen Vorteil: durch seine elektronische Gestalt können die Besitzer der Inhalte, also Autoren (und zum Teil Verlage, wenn wir von der Gruppe der Verlagsautoren sprechen) darüber mitbestimmen, wie ein Zweitmarkt aussehen könnte. Statt in Vezweiflung auszubrechen und jeden Schritt in diese Richtung reflexhaft abzulehnen, sollten gerade Autoren überlegen, wie ein Zweitmarkt aussehen kann, der ihnen nicht die Lebensgrundlage raubt.

Deshalb hier ein Vorschlag, wie eine technische Umsetzung aussehen könnte. Grundlage müsste eine Datenbank sein, in der Rechteinhaber (Autoren oder Verlage) über die ISBN identifizierbare Werke einspeisen, für die sie einen Weiterverkauf erlauben. Nur dort enthaltene Titel wären für einen Second-Hand-Markt zugelassen. Betreiber der Datenbank könnte die VG Wort sein – oder aber die Börsenvereinstochter MVB, die ja eh schon die ISBN-Vergabe betreut. Die Märkte selbst werden aber vom Datenbank-Betreiber nicht organisiert – das wäre Aufgabe privater Anbieter. Diese wären auch für die Registrierung der Lese-Lizenzen bei ihren Nutzern zuständig. De facto machen das alle bereits, Amazon, Tolino, Apple, Google, alle verwalten in ihren jeweiligen Clouds Leselizenzen, auch für Werke, die nicht kopiergeschützt sind. Es müssen also keine neuen Datenkraken gezüchtet werden. Einziger Unterschied: für jeden Weiterverkauf wird ein Anteil an den Rechteinhaber ausgeschüttet.

Da die Anbieter der Preisbindung unterliegen und eBooks ja immer neu bleiben (einer ihrer Vorteile), ist auch kein Preisverfall zu befürchten, wie er von den Gegnern des Second-Hand-Marktes als Drohkulisse aufgebaut wird. Der einzige Unterschied zum Erst-Markt: die Leselizenz wandert von Nutzer zu Nutzer statt dass sie neu erzeugt wird. Der Verkäufer bekommt weniger als den Neupreis ausgezahlt, weil ja Gebühren an die Verkaufsplattform und den Rechteinhaber abgehen.

Warum sollte ein Rechteinhaber überhaupt Werke in den Zweitmarkt einstellen? Ob ein eBook für den Weiterverkauf zugelassen ist, könnte ein interessantes Verkaufsargument sein, wie es heute z.B. schon die DRM-Freiheit darstellt. Die Einnahmen aus dem Zweitverkauf wären geringer, aber das gilt bei gedruckten Büchern noch viel mehr: Dort sind sie gleich Null. eBooks würden von den Nutzern noch besser akzeptiert und hätten eine Chance, mit 7 Prozent Mehrwertsteuer abgerechnet zu werden. Der Markt insgesamt würde profitieren, nicht sterben. Gerade Autoren, glaube ich, sollten die Zukunft nicht fürchten, sondern mitgestalten.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

10 Kommentare

  1. Ein E-Book ist ein Web-Dokument, das WWW ist voll von solchen. Ob ein Web-Dokument veröffentlicht ist oder nur nicht-öffentlich zur Verfügung gestellt wird, welche Länge es aufweist, ob die Navigation in das Web-Dokument eingebettet oder separat enthalten ist, ob das Web-Dokument einen überwiegend verlags- oder buchhandelstypischen Charakter aufweist, ob es vorwiegend online oder offline konsumiert wird, ob die Bereitstellung entgeltlich oder unentgeltlich erfolgt, ob ein einfaches, nicht-übertragbares, nicht-exklusives Nutzungsrecht verschafft wird oder mehr Rechte eingeräumt werden – keiner dieser Eigenschaften scheint mir geeignet, neben dem Webdokument eine gesondere Kategorie „E-Book“ identifizieren zu können, auch wenn dies bestimmte Anbieter noch so gerne nicht ganz uneigennützig suggerieren möchten. Für die Gesetzgebung bedeutet das, dass mit jeder unterschiedlichen Behandlung derselben Sache der Widerstand anderer Leute auf den Plan gerufen werden würde, die dann von den neu eingerichteten, anderen für sie inakzeptablen Bedingungen betroffen wären. Ein Zweitmarkt für Web-Dokumente ist klassisches Software-Lizenzgeschäft, und wenn ein Kunde gleichgültig genug war, eine Lizenz zu erwerben, die er nicht weiterverkaufen darf, ist das eben seine eigene Schuld gewesen. Wenn der Gesetzgeber den Zweitmarkt zulässt, würden damit im Bereich des Urheberrechts Lizenzen grundsätzlich übertragbar werden, sobald man das entsprechende Werk als „E-Book“ deklariert. Abgesehen davon gibt es ja auch bereits Urteile, die auf die Zulässigkeit des Zweitmarkts für Lizenzverträge über Webdokumente schließen lassen, weil mit der Lizenzvergabe an den ersten Abnehmer die Ansprüche des Lizenzgebers als erschöpft gelten, entsprechende Klauseln unwirksam sind.

  2. Zu der aktuellen Diskussion fällt mir einiges ein:
    Was ich bei diesen Auftritten vermisse, sind die Self Publisher. Habt ihr nicht einen Verein gegründet? Da wäre so etwas doch eine prima Möglichkeit, für die Belange der SP einzutreten. Bisher geht es ja explizit um die Belange der Verlage – auch wenn die Autoren, die sich immer wieder gerne vor den Karren spannen lassen , das vermutlich anders sehen.
    Die Idee, mit der Übertragung der Lizenz beim Weiterverkauf scheint mir sinnvoll – aber ist dies tatsächlich auch praktikabel?
    Ich habe meine Bücher eine Zeitlang bei der Tolino-Allianz und in meinem eigenen Shop mit weichem DRM (Wasserzeichen) angeboten. Aber das die Kosten hierfür komplett auf Autoren/Verlage abgewälzt werden, hat mich dann davon Abstand nehmen lassen.
    Thema onleihe – hier verstehe ich den Widerstand nicht. Allerdings sollte hier m.M.n. die VG-Wort nachbessern. Eine Bibliothekstantieme für eBooks und das Abrücken von hartem DRM wäre hier zu nennen.
    Ansonsten sind einige nachdenkenswerte Punkte in Deinem Beitrag, Matthias.
    Wenn Software weiterverkauft wird, findet ja auch eine Lizenzübertragung statt. Wenn eBooks also wie Sotware behandelt werden sollen, dann werden eben auch die Daten der Käufer gespeichert werden. Wobei noch erwähnt werden sollte, Software ist irgendwann nicht mehr zu gebrauchen, gute Literatur hat hingegen kein Verfallsdatum.

  3. Zum Thema Ist ein E-Book ein Buch: Damit wir steuerlich eine Gleichstellung bekommen, müssen wir nicht auch in allen anderen Punkten das E-Book dem Buch angleichen können. So kann man mit einem Buch ein zu kurzes Tischbein ausgleichen oder man kann im Buch eine Flasche Schnaps verstecken. Das gelingt nun beim besten Willen nicht, das aufs E-Book zu übertragen. Ist aber auch nicht nötig, weil die Frage nach der Eingruppierung von Waren und Dienstleistungen bei der Mehrwertsteuer nicht nach Ähnlichkeit geht, sondern nach ziemlich klar definierten Kriterien. Und die sind in der europäischen Richtlinie festgelegt, bedauerlicherweise nicht so, wie wir das gerne hätten. Die Frage nach dem Gebrauchthandel oder dem Verleihen gehört nicht zu den Kriterien.

  4. Unter “effektiv” verstehe ich, dass die Informationen auf Lesegeräten fortlaufend ausgelesen werden, damit gerade DRM-freie bzw. -befreite Kopien der eBooks nicht auf dem Lesegerät verbleiben.

  5. Schöne Idee, allerdings mit einigen Haken und Ösen. Natürlich hat Tolino, Amazon etc. bereits die Daten und der Verkauf wäre innerhalb der gleichen Firma dann möglich. Aber wenn ich mein Amazon-Ebook an einen Tolino Nutzer verkaufe? Sicher wäre auch das realisierbar, ob sich Amazon (oder Tolino) darauf einlässt, steht leider auf einem anderen Blatt ;-). Und ob jemand gebrauchte E-Books kauft, wenn sie genauso teuer sind, wie neue direkt bei Amazon oder Tolino erworbene sind, ist auch sehr die Frage.
    Ich glaube, irgendwann wird es eine Lösung dafür geben, aber ob ich das noch erleben werden, da habe ich meine Zweifel.
    Was aber die Argumentation mit der Umsatzsteuer angeht, das überzeugt mich gar nicht. Die 7% Umsatzsteuer auf Printbücher gibt es ja nicht, weil du damit den Besitz erwirbst, sondern aus Gründen der Kulturförderung. Und dafür ist es völlig nebensächlich, ob es sich um eine Dienstleistung (E-Book) oder eine reale Ware (Print) handelt. Da sehe keinen Widerspruch in der Argumentation.

  6. Ein Zweitmarkt für eBooks funktioniert effektiv nur durch harte DRM und eine geschlossene Infrastruktur. Also just das, wogegen ja nicht ohne Grund viele protestieren. Zudem muss jeder Leser mit Realnamen klar identifizierbar sein.
    Also, ja, es ginge schon.

      1. Du meinst das Lesegerät, über dessen Kundenkonto du mit Name, Anschrift und Bankdaten eindeutig identifizierbar bist? Was meinst du wohl, warum die Rückgabe überhaupt geht? Auch die personelle Zuordnung ist eine Kopierschutzmaßnahme (auch wenn sie nicht als solche wahrgenommen wird).

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