Amazons neuester E-Reader Kindle Oasis im Test: Eine spannende Wette

Der Kindle Oasis ist nicht einfach nur ein neuer E-Book-Reader. Der Kindle Oasis ist eine Wette, und wer Amazon auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass es eine Wette von Jeff Bezos persönlich ist. Die Behauptung, die Amazons neues Luxusmodell aufstellt, lautet: E-Reader sind keine Billigst-Tablets. Sie werden nicht verschwinden wie die Pferdekutsche, als irgendwann Autos eine mindestens ebenso bequeme Fortbewegung ermöglicht haben. Es existiert eine wachsende Zahl von Menschen, die elektronisch lesen – und dazu ein Gerät bevorzugen, das nur diese eine Funktion bietet. Die dann auch noch bereit sind, für eine besonders komfortable Ausprägung dieser Funktion so viel Geld zu bezahlen wie andere für ein Multifunktions-Tablet.

Eigentlich hat Amazon diesen Beweis mit den günstigsten Fire-Tablets ja längst angetreten. Aber die Preisklasse, in der sich der Kindle Oasis bewegt, ist dann doch eine ganz andere. Für die 350 Euro, die das Modell mit 3G kostet, bekommt man beinahe ein iPad. Ein “Lese-iPad” zu etablieren, verschafft Amazon einen nicht ganz kleinen Vorteil: Mit der eInk-Technik haben Apple oder Google bisher keine Erfahrung. Ein Tablet zu entwickeln, das billiger und besser als das iPad ist, das kann heute fast jeder. Aber einen besseren E-Reader als den Kindle Oasis zu entwickeln, ist auf jeden Fall mehr Aufwand.

Doch zur Hardware selbst. Der Kunde erwartet bei einem solchen Preis einen BMW statt eines Skoda (nichts gegen Skoda), und Amazon erfüllt diese Erwartung. Der Reader gleitet mit einem süffigen Klick in die Hülle. Die Akkuhülle zeigt beim Öffnen genau das richtige Maß an Widerstand. Die Verarbeitung ist rundherum hervorragend.

Oasis_Cover

Dank der neuen Gewichtsverteilung und des ein Fünftel geringeren Gewichts liegt der Oasis besser in der Hand als jedes andere Modell. Ganz ohne Zweifel. Links- oder Rechtshänder? Kein Problem, das Gerät passt sich blitzschnell an. Die Blättertasten funktionieren besser als die Tippgesten (die immer noch möglich sind). Der Bildschirm ist scharf und hell und dabei so gut ausgeleuchtet, dass nur schwer erkennbar ist, wo sich die LEDs befinden (an der Längsseite).

Die Aufteilung in Hülle (mit Zusatzakku) und E-Reader ist clever, aber auch ein Kompromiss, wohl der einzige des Kindle Oasis. Denn ohne die Hülle hält der Akku nicht sehr lange. Zwei Wochen sind es garantiert nicht, jedenfalls nicht für Vielleser, die ja die Kernzielgruppe darstellen, eher zwei Tage (abhängig davon, wie intensiv man WLAN und 3G sowie Beleuchtung nutzt). Zum Aufladen muss man die Hülle mit dem Reader verbinden – schöner wäre es natürlich, man könnte die Hülle auch separat laden.

Die Software kennt jeder Kindle-Nutzer schon. Sie entspricht der aller aktuellen Modelle. Mir gefällt die neue Startseite weniger als die alte, sie hat an Übersicht eingebüßt. Es wird aber alles geboten, was der Leser so braucht, bis hin zu Recherchefunktionen im Buch (Wörterbücher, X-Ray und ähnliches).

Interessant: auf dem Speicher des Kindle Oasis befindet sich ein Verzeichnis namens “Voice”, in dem eine (englische) Text-to-Speech-Stimme namens Salli abgelegt ist. Bereitet Amazon hier etwa neue Sprachfunktionen vor? Das letzte Modell mit Lesefunktion war der Kindle Touch. Der Kindle Oasis besitzt zwar keine Kopfhörerbuchse. Doch die fünfpolige Verbindung auf der Rückseite (derzeit vom Akku in der Hülle genutzt) ließe sich vielleicht auch für Erweiterungen wie einen Kindle-Speaker einsetzen. Außerdem scheint der Oasis einen Bluetooth-Chip zu besitzen, über den sich (falls die Software es unterstützt) Funk-Kopfhörer anschließen lassen könnten.

Ach ja, sollten Sie einen Kindle Oasis kaufen? Das neue Modell hat gegenüber anderen Geräten auf dem Markt nichts hinzugelernt. Es beherrscht aber das, was es kann, besser. Das werden vor allem Vielleser bemerken. Es sei denn, Sie verabschieden sich mit Ihrem eBook gern in die Badewanne – das wäre mir für ein 300-Euro-Gerät zu gefährlich.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

3 Kommentare

  1. Klar hat man die Wahl zwischen einem BMW und einem Skoda.
    Nur dürfte der Neidfaktor beim Theme E-Book-Reader ziemlich gering sein.
    Ich wäre nicht bereit, soviel Geld zu zahlen.
    Es gibt Punkte, die viel relevanter sind, als Schischi:
    – vernünftige Blätterntasten
    – längere Akkuzeit (2 Tage ist doch wohl ein Witz!)
    – Epub-Import ohne sich ein Loch ins Knie schießen zu müssen
    Und das allerletzte, was ein nicht blinder Mensch braucht, ist eine stotternde, monotone Computerstimme, die so tut, als könne sie lesen.

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