Autoren-Tipp: Vom Umgang mit Leser-Bewertungen bei Amazon & Co.

Wenn ein potenzieller Käufer den Online-Buchladen seiner Wahl durchstöbert, fällt sein Blick in der typischen Listen-Darstellung der Reihe nach auf Cover, Titel, Preis und Bewertung, letztere meist in Sternchenform. Während der Autor aber Cover, Titel und Preis selbst im Griff hat und optimieren kann, sieht es bei den Leser-Besprechungen (bei Amazon “Kundenrezensionen” genannt, wobei man über die Bezeichnung “Rezension” hier durchaus streiten kann) anders aus.

Die kommen nun einmal von den Lesern, jedenfalls in etwa 95 Prozent der Fälle – der Rest sind Verwandte des Autors und Irrläufer, die zum Beispiel eigentlich mit Amazon in Kontakt treten wollten.

Wie wichtig sind Kundenrezensionen?

Für den Verkauf eines Produkts sind gute Bewertungen enorm wichtig. Die Statistiken zeigen, dass es auf Anzahl und Mittelwert ankommt. Richtig ernst nimmt der Käufer die Bewertungen erst, wenn wenigstens zehn davon zusammengekommen sind. Titel mit weniger als zehn Bewertungen verkaufen sich jedenfalls in der Regel zögerlicher. Dabei sollte ein Mittelwert von 3,8 (im Amazon-System) nicht unterschritten werden – so lange zeigt Amazon nämlich noch 4 Sternchen an. Der Mittelwert in den Top 1000 liegt bei 4,4, das ist also der Maßstab, nach dem der Leser urteilt.

Der Inhalt der Bewertungen wird erst interessant, wenn der Käufer sich näher für ein Werk interessiert. Je teurer das Buch, desto genauer wird der Käufer vorab die Bewertungen studieren. Amazon präsentiert dabei zuoberst die hilfreichste positive und die hilfreichste negative Rezension, danach folgen die einzelnen Bewertungen, standardmäßig nach der Hilfreich-Quote sortiert.

Diese “Hilfreich”-Klicks sind ein Thema für sich. Leider kommt der Autor hier gern mal zwischen die Fronten der Rezensenten-Kämpfe. Amazon führt nämlich eine eigene Rezensenten-Rangliste. Je mehr als “hilfreich” angeklickte Rezensionen ein Rezensent verfasst hat, desto höher steigt er im Ranking. Will ein Konkurrent ihm schaden, klickt er einfach all seine Besprechungen als “Nicht hilfreich” an.

Eine andere Quelle für “Nicht hilfreich”-Klicks sind Autoren mit unsozialer Ader, auch Konkurrenten genannt. Sie versuchen, damit schlechte Kritiken ins Blickfeld des Käufers zu rücken. So etwas fällt allerdings schnell auf – wenn plötzlich Ihre guten Rezensionen weniger Hilfreich-Klicks haben und die schlechten mehr, dann war ein missgünstiger Kollege am Werk. Der Rezensenten-Krieg macht nämlich zwischen positiven und negativen Kritiken keinen Unterschied. Wehren können Sie sich dagegen nur begrenzt, indem Sie die Verhältnisse wieder gerade rücken.

Wie komme ich zu Kundenrezensionen?

Höchstens einer von 100 Käufern rezensiert ein Produkt. Naturgemäß passiert das vor allem dann, wenn er sich (positiv oder negativ) angesprochen fühlt. Schreiben Sie einfach ein gutes Buch, dann ist das schon mal eine gute Voraussetzung…

Allerdings können Sie es nie jedem Leser rechtmachen. Nun ist der Mensch so veranlagt, dass er sich eher bei negativen Eindrücken öffentlich Luft macht als bei positiven. Sie sollten deshalb unbedingt am Ende Ihres Buches den Leser explizit und mit direktem Link zur Rezensionsseite bitten, Ihnen bei Gefallen eine Bewertung zu hinterlassen.

Damit ein Buch gut an den Start kommt, ist vor allem zu Beginn auch ein bisschen Arbeit seitens des Autors nötig. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Lovelybooks gemacht: Nach einer Leserunde bei Lovelybooks sind die nötigen zehn Start-Bewertungen gesichert. Die Leser dort sind quasi Profis, erwarten Sie keine Schmeicheleien und Gefälligkeits-Rezensionen. Eine andere Quelle für Rezensionen können Buch-Blogger sein, allerdings kann es da eine Weile dauern, bis Sie eine Besprechung erhalten (siehe “Wer rezensiert mein eBook“).

Viele Erst-Autoren kommen auf die Idee, Verwandte und Freunde anzusprechen und um eine Rezension zu bitten. Ich kann das nachvollziehen – empfehle es aber eher nicht. Den meisten so entstandenen Rezensionen ist anzumerken, dass sie nicht von echten Lesern kommen.

Ähnlich fragwürdig sind Rezensionen, die sich Autoren untereinander aus Gefälligkeit erteilen. Amazon verfolgt die Beziehungen von Rezensenten über einen internen Algorithmus inzwischen allerdings recht streng, sodass die Bedeutung dieser Bewertungen stark gesunken sind (den Löschaktionen sind leider teilweise auch Unschuldige zum Opfer gefallen).

Ein absolutes No-go sind bezahlte Rezensionen. Amazon verbietet diese in seinen Richtlinien ausdrücklich. Die bequeme Abkürzung wird zum Boomerang, wenn sie irgendwann ans Tageslicht kommt (und das wird sie).

Was tun bei unfairen Bewertungen?

Die Gedanken sind frei – selbst das beste Buch der Welt wird nicht jedem Leser gefallen. Deshalb werden Sie früher oder später auch Ein-Stern-Rezensionen erhalten. Wenn dieser Fall eintrifft, sollten Sie zunächst genau prüfen, was der Leser geschrieben hat. Da hat sich ein Mensch ja richtig Arbeit gemacht, sich mit Ihrem Buch auseinanderzusetzen – das ist doch eine gute Nachricht. Und auf seine Art hat dieser Mensch ganz sicher Recht. Sie sollten ihm also nicht widersprechen – es führt zu nichts, über die Kommentarfunktion ein Streitgespräch zu führen. Im Gegenteil: wenn Sie sich bockig geben, macht das beim unbeteiligten Zuschauer (der Ihr Buch ja noch nicht kennt, aber vielleicht kaufen möchte) eher einen schlechten Eindruck.

Versuchen Sie lieber, das dahinter stehende Anliegen herauszufinden. Und dann zu überlegen, wie Sie den Leser (als Kunden) wieder glücklich machen können. Haben Sie womöglich wirklich einen Fehler zu viel übersehen? Ist der Klappentext womöglich irreführend, sodass er Leser anlockt, die mit Ihrem Buch nichts anfangen können? Gehen Sie auf das Anliegen des Lesers ein. Falls Sie einen Fehler gemacht haben – geben sie ihn offen zu und bessern Sie ihn aus. Das ist ja bei eBook und Print on Demand problemlos möglich. Wenn sich da ein Leser z. B. eine Druckversion Ihres eBooks wünscht, könnten Sie ihm ein PDF anbieten und auf Wunsch auch noch ausdrucken. Geben Sie dem Leser in einem Kommentar auf jeden Fall Feedback dazu und schildern Sie, was Sie unternommen haben. Wenn es Ihnen auf diese Weise gelingt, den Leser sanft umzustimmen, haben Sie oft einen Fan fürs Leben gefunden.

Es gibt allerdings auch immer wieder Fälle, in denen eine Leserbewertung extrem unfair ausfällt, etwa weil ein missgünstiger Konkurrent oder ein Troll (die gibt es überall) am Werk sind oder der Leser mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden ist. In diesem Fall können Sie direkt auf der Seite “Missbrauch melden” anklicken, wie es Tobias Gillen bei seinem Buch erfolgreich probiert hat. Begründen Sie Ihr Anliegen genau. Dabei kann es helfen, die anderen Rezensionen eines Bewerters zu prüfen. Hat er eventuell nur Konkurrenzprodukte verrissen? Hat er zu vielen Titeln dieselben Texte gepostet?

Hier können Sie Rezensionen beanstanden

In vielleicht einem von zehn Fällen ist die Bewertung irgendwann plötzlich verschwunden. Eine darüber hinaus gehende Rückmeldung gibt es nicht. Dadurch wissen Sie natürlich auch nie mit Sicherheit, ob sich nicht vielleicht doch der Rezensent eines Besseres besonnen hat.

Die besten Chancen auf Löschung haben Sie, wenn eine Rezension gegen die Amazon-Bedingungen verstößt, weil sie z. B. werblicher Natur ist oder Obszönitäten enthält. Nicht erlaubt ist aber auch, auf andere Rezensionen einzugehen, Kontaktdaten preiszugeben, andere zu zitieren, Preise zu nennen (die können sich ändern) oder temporäre Details zu erwähnen (etwa eine Lese-Tour des Autors). Ansonsten hält Amazon allerdings die Freiheit der Rezensenten sehr hoch. Da wird dann auch mal die Auflösung eines Krimis verraten – sehr ärgerlich für den Autor, doch von Amazon toleriert. Auch im Tonfall heftige Kritik an Text und Autor ist erlaubt, solange sie nicht mit Schimpfworten arbeitet. Ob eine Bewertung gelöscht wird, ist eine Ermessensfrage des Support-Mitarbeiters. Es kann deshalb nicht schaden, die Meldung nach ein paar Tagen zu wiederholen – vielleicht ist dann ja ein anderer Kollege im Dienst.

Wenn sich auch dann nichts tut – ärgern Sie sich nicht. Auch Verrisse sprechen für sich selbst und machen oft die Liste der Bewertungen erst glaubwürdig. Vertrauen Sie Ihren Lesern: Die sind klug genug, Ein-Stern-Rezensionen einordnen zu können. Wenn Sie cool bleiben, spricht das immer für Sie als Autor.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

5 Kommentare

  1. Ich habe mich bei einer Einstern-Bewertung mit einem Einzeiler “war mir zu kompliziert und zu langweilig” erst einmal dazu entschlossen, diese nicht zu kommentieren. Dass der Anfang schwer ist, weiß ich, es lässt einen halt die wildesten Vermutungen anstellen, wenn das die einzige Rezension dieser Person bis jetzt ist.

  2. Darüber hatte ich mir als "normale" Leserin noch gar keine Gedanken gemacht. Glücklicherweise habe ich bisher noch keine Erfahrungen mit missgünstigen Konkurrenten gemacht – ich kenne nur nette und hilfsbereite Mitbewerber

  3. cum hoc ergo propter hoc
    Dieser Satz gilt mal wieder wie bei so vielen statistischen Analysen: Die Parallelität von Ereignissen (hier hohe Bewertungen und hohe Verkaufszahlen) lässt eine Kausalität erkennen, aber sie weist sie nicht nach.
    Henne oder Ei, was war zuerst da? Führen gute Verkäufe zur mehr Bewertungen, da es mehr Käufer gibt? Oder führen mehr (gute) Bewertungen zu mehr Käufen?
    Ich selbst analysiere für meine Bücher keine Bewertungen, damit macht man sich nur verrückt. Die Analyse von letztlich subjektiven Kriterien ist per definitionem sinnlos.

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