Hardware-Test: Weniger “digitaler Sehstress” dank spezieller Brille?

Die Zeit von Stift und Papier oder Schreibmaschine ist vorbei. Autoren gehören heute üblicherweise zu den Menschen, die viel mit Computer, Smartphone und Tablet arbeiten. Das menschliche Auge passt sich problemlos daran an, das ist es seit Urzeiten gewöhnt. Problematisch kann es dann werden, wenn wir häufig zwischen Ferne und Nähe wechseln: etwa unterwegs vom Navi auf die Straße schauen oder abends vom Handy auf den Fernseher. Mit dem Alter, die Erkenntnis ist nicht neu, strengt dieser Wechsel das Auge mehr an.

Was allerdings neu ist, ist die dauerhafte Begleitfunktion, die gerade das Smartphone im Leben vieler Menschen heute hat. 60 bis 80 Mal schauen wir pro Tag laut einer Umfrage im Auftrag von ZEISS und dem Fachmedium EYEBizz durchschnittlich auf das Handy. Mehr als die Hälfte der 1000 Befragten fühlt sich davon körperlich beeinflusst. ZEISS hat das “digitalen Sehstress” genannt – und als Gegenmittel spezielle Brillengläser entwickelt, die das Auge entlasten sollen. Im Rahmen einer Blog-Aktion (alle Details hier) konnte ich eine solche Digital-Brille testen.

Zunächst zur Technik. Die Digital-Gläser sind, darauf legte der Optiker, der mir eine entsprechende Brille anpasste, großen Wert, keine Gleitsichtgläser – obwohl sie bei Bedarf sowohl für Ferne als auch für die Nähe Unterstützung bieten. Dafür spricht, dass der Unterschied der Sehstärken maximal 1,25 Dioptrien betragen darf. Der Vorteil: die unangenehmen Effekte einer Gleitsichtbrille treten nicht auf (was ich bestätigen kann). Trotzdem funktioniert die Brille ähnlich: Wenn ich gerade nach vorn blicke, sehe ich in der Ferne scharf, senke ich den Blick, wird der Nahbereich leicht vergrößert.

Damit das funktioniert, muss ich jedoch mein Verhalten anpassen: Ich muss in einem bestimmten Winkel nach unten sehen, um die optische Unterstützung zu nutzen. Das ist aber nicht der Winkel, in dem ein normaler Mensch im Stehen sein Smartphone hält. Ich muss also entweder den Kopf deutlich senken oder mein Handy so weit nach oben heben, dass das für den Betrachter einen seltsamen Eindruck erweckt. Wundern Sie sich also nicht, falls Sie demnächst Brillenträger mit komisch hoch erhobenen Smartphones durch die Straßen laufen sehen. Im Bereich “Smartphone-Nutzung unterwegs” sind die Digitalgläser für mich damit eher unpraktisch.

Noch schwieriger wird es, wenn ich am Computer arbeite. Das Display fällt noch in den Nahbereich, ist aber so groß, dass durch die Brille stets ein Teil unscharf wirkt. Allenfalls in einer Konferenz, wenn ich immer wieder nach vorn zur Bühne sehen muss, kann ich mir hier einen Nutzen vorstellen.

In zwei Anwendungsbereichen haben mich die Digitalgläser aber überzeugt. Erstens – beim Autofahren. Hier benötige ich seit einiger Zeit nachts eine Brille für die Fernsicht. Und wenn ich die trage, erscheinen Tacho und Navi unscharf. Nicht aber mit der neuen Brille. Da stimmt dann auch der Blickwinkel für den Nahbereich. Zweitens – abends beim Fernsehen. Ich bin ein typischer “Second Screen”-Nutzer, verfolge also zum Beispiel parallel zum Tatort die Twitter-Diskussion darüber. Mit den Digitalgläsern kann ich sowohl den Handy-Bildschirm gut erkennen als auch jedes noch so kleine Detail im TV-Bild. Durch die halbliegende Haltung beim Fernsehen stimmt auch hier wieder der Blickwinkel.

Fazit

Die pro Auge (und ohne Brillengestell) beim Optiker deutlich über 200 Euro teuren Digitalgläser von ZEISS haben sich für mich nur teilweise als nützlich erwiesen. Ob sie digitalen Sehstress verringern, ob es das Phänomen “digitaler Sehstress” überhaupt gibt (die Augen werden von der Arbeit am Bildschirm ja auch deshalb angestrengt, weil der Mensch seltener blinzelt und die Luft im Büro oft zu trocken ist), kann ich nicht beurteilen. Dort, wo der Blickwinkel zwischen Ferne und Nähe passt, bieten die Gläser mir aber willkommene Unterstützung.

Disclaimer: ZEISS stellte die Brille kostenlos zur Verfügung. Für diesen Test erfolgte keinerlei Bezahlung.

Selfie mit ZEISS-Digital-Brille
Selfie mit ZEISS-Digital-Brille

 

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

7 Kommentare

  1. Hallo,

    sehr interessant deine Erfahrungen. Bin da jedoch sehr skeptisch ob das wirklich alles so gut funktioniert am Ende. Hab mich auch auf dieser Seite erkundigt http://www.qs-optiker.de/gleitsichtbrille. Da deckt sich vieles mit deinen Erfahrungen. Werde noch etwas recherchieren und die Gläser vielleicht auch mal ausprobieren. Danke für deinen Bericht! Viele Grüße Kerstin

  2. Felix Rampf Das ist sicherlich richtig. Die Digital-Gläser sind ja auch nicht für jeden gedacht. Im optimalen (Beratungs)Fall, wird eine Bedarfsanalyse gemacht. Man kann davon ausgehen, dass Brillenträger unter 30- 35 Jahren eher nicht unter "digitalem Sehstress" leiden. Wenn allerdings die Einstellung der Augen auf den Nahbereich schon leichte Probleme macht, können diese
    Gläser wirklich eine Bereicherung darstellen.Ich habe ähnliche Gläser bereits vor Jahren getestet, als ich für eine Gleitsichtbrille noch zu jung war, und es als sehr angenehm empfunden.

  3. Nichts für ungut, das erinnert mich ein wenig an "Treppensteigen wird im Alter immer anstrengender, also nehmen sie lieber gleich den Aufzug"? 🙂
    Ist das wirklich eine sinnvolle Entlastung? Oder wird das gerade schwierig für das Auge, weil es nun noch starrer gucken muss um im richtigen Winkel durch die Brille zu sehen?

  4. Mal ehrlich, diese Art von Selbstversuch halte ich für sehr gefährlich. Augen und Hände sind unsere wichtigsten Aktivposten. Und die gehören nicht riskiert für eine Pseudo-Innovation, denn für nichts anderes halte ich diese Brille, solange deren Nutzen nicht durch Untersuchungen bestätigt ist.

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