Im Self Publishing mit Klassiker-Übersetzung erfolgreich: Werkstattbericht „12 Years a Slave“

Sogar die Süddeutsche Zeitung fand die Geschichte spannend: Da machen sich zwei beinahe Unbekannte ans Werk, übersetzen die einem Oscar-Erfolg zugrunde liegende Geschichte – und bringen das Buch eher an den Start als ein Verlag. Übersetzerin, Autorin und Journalistin Petra Foede gibt in einem kleinen Bericht Einblicke in die Geschichte hinter der Geschichte.

Die Entscheidung, Solomon Northups Autobiografie „12 Years a Slave“, die Vorlage des erfolgreichen Kinofilms, als Selfpublisherin zu übersetzen, habe ich sehr spontan getroffen, und das war auch gut so, denn es war schnell klar, dass die deutsche Fassung möglichst schnell fertig werden muss, wenn sie erfolgreich sein soll. Am 12. Januar bekam ich eine Mail von Rainer Zenz, einem befreundeten Buchgestalter: Er hatte gerade in der Sonntagsausgabe der FAZ ein Interview mit Steve McQueen zum Film gelesen und festgestellt, dass es Northups Buch noch nicht auf Deutsch gab. „Wäre das nicht was für dich?“, fragte er.

Ich hatte bis dahin als Selfpublisherin schon ein paar Kinderbuch-Klassiker wie „Peter Pan“ übersetzt, aber „12 Years a Slave“ ist nicht einfach irgendein altes Buch, sondern sprachlich und auch inhaltlich eine echte Herausforderung. Ich kaufte mir noch am selben Tag die kommentierte Ausgabe von Sue Eakin, las ein bisschen darin herum und sagte zu. Wir teilten die Aufgaben auf: Ich übersetze den Text, Rainer übernimmt die Gestaltung und das Lektorat. Als Historikerin war es für mich außerdem naheliegend, die Übersetzung durch erläuternde Anmerkungen zu ergänzen.

Als ich die gerade die ersten Kapitel fertig hatte und mit Northups Stil einigermaßen warm geworden war, stolperte ich bei Amazon regelrecht über die Ankündigung der Piper-Ausgabe. Erscheinungsdatum des eBooks: 17. Februar. Das war im ersten Moment ein gehöriger Dämpfer. „12 Years a Slave“ hat mehr als 300 Normseiten und egal wie schnell ich übersetzen würde – in drei Wochen wäre ich nie und nimmer fertig. Was tun? Kampflos aufgeben und dem Verlag einfach das Feld überlassen kam nicht in Frage.

Da hatte ich die Idee, das Buch vorab in drei Teilen zu veröffentlichen; auf diese Weise konnte Teil 1 schon Anfang Februar erscheinen und auch Teil 2 noch vor Piper. Jedes übersetzte Kapitel schickte ich zum Korrigieren und Bearbeiten gleich per Mail an Rainer, um keine Zeit zu verlieren; inhaltliche Fragen wurden mitten im Arbeitsprozess geklärt. Auf diese Weise kann man als Selfpublisher wesentlich schneller arbeiten als ein Verlag.

Unser ehrgeiziges Ziel war es nicht nur, zeitlich mit der Piper-Ausgabe mitzuhalten, sondern die gesamte Ausgabe sollte auch rechtzeitig zur Oscar-Verleihung am 2. März fertig sein. Es war abzusehen, dass danach viele Leute überhaupt erst auf „12 Years a Slave“ aufmerksam werden und nach einer deutschen Übersetzung suchen würden.

Als ich den zweiten Teil fertig hatte, habe ich mir dann ausgerechnet, wie lange ich mit meinem bisherigen Arbeitstempo noch brauchen würde und kam auf den 10. März. Zu spät! Irgendwie musste ich ab jetzt täglich mindestens zehn Seiten schaffen. Das klingt nach wenig, ist aber ein sehr hohes Pensum. Gut übersetzen kann man nur in einem Zustand hoher Konzentration, ohne jede Ablenkung; das geht nicht zig Stunden am Stück. Zudem ist „12 Years a Slave“ ein Buch, das auch inhaltlich anspruchsvoll ist, mit Szenen, die beim Lesen unter die Haut gehen – so etwas übersetzt man nicht mit leichter Hand. Diesen Inhalt in die passenden Worte und die angemessene Sprache zu kleiden, kostet auch Kraft und Energie, psychisch wie physisch.

Da ich nachmittags grundsätzlich zu unkonzentriert bin, arbeite ich vormittags und abends; in den Pausen lese ich oder höre Musik. Dieses Abschalten zwischendurch ist für mich sehr wichtig, denn die von Autoren so gefürchteten Schreibblockaden können auch beim Übersetzen auftreten, gerade wenn man sich überarbeitet – dann sind die richtigen Wörter im Gehirn partout nicht zu finden, alles klingt hölzern und platt, irgendwann ist da nur noch ein weißes Rauschen im Kopf … die große Leere. Fatal, wenn man unbedingt eine Deadline einhalten will und keine Zeit hat, den Text einfach zwei Tage liegen zu lassen.

Nach sieben Wochen ohne jeden freien Tag war es dann tatsächlich geschafft: Alle 22 Kapitel waren fertig übersetzt und korrigiert – drei Tage vor der Oscar-Verleihung! Eigentlich war ich da auch ziemlich fertig, aber da Rainer und ich den Ehrgeiz hatten, ein eBook auf Verlagsniveau zu veröffentlichen, musste natürlich auch noch ein Nachwort her. Von jetzt auf gleich, versteht sich, Zeit hatten wir ja nicht.

Aber ich hatte in den Wochen vorher schon gründlich recherchiert und so schrieb ich an dem Tag, an dem Rainer das eBook formatierte, noch das Kapitel über Solomon Northup und sein rätselhaftes Ende, das bis heute ungeklärt ist. Am 28. Februar erschien unsere Gesamtausgabe von „Zwölf Jahre als Sklave“ bei Amazon und Beam und drei Tage später war meine Arbeit dann auch endlich beendet, nachdem ich noch ein Kapitel zur Entstehungsgeschichte von Buch und Film nachgeschoben hatte.

Ob sich der Stress gelohnt hat? Finanziell lässt sich das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber es ist ganz sicher ein Projekt, an dem ich als Übersetzerin gewachsen bin.

12 Jahre als Sklave bei Amazon

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

6 Kommentare

  1. Respekt! Für mich als Übersetzer besonders interessant, da ich selbst mit dem Gedanken spiele, einen (bislang unübersetzten) Klassiker zu übersetzen und selbst zu veröffentlichen. Wenn ich Zeit habe …

  2. Ja, das war wirklich eine außerordentliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte. So intensiv arbeitet man sonst nicht an einem Buch, sowohl, was den Umfang der Aufgaben als auch, was den Zeitdruck angeht. Normalerweise – jedenfalls in Verlagen – sind die Aufgaben auf mehr Leute verteilt und werden hübsch nacheinander erledigt. Anfangs hat es auch ziemlich geknirscht bei diesem parallel versetzten Arbeiten. Es brauchte einige Kapitel, bis wir den Bogen so raus hatten, dass es einigermaßen reibungslos und auch ohne Missverständnisse funktioniert hat. Aber jetzt wissen wir, dass und wie es geht, wenn es schnell und trotzdem sorgfältig gehen soll.

    Wichtig bei alledem war auch, dass es nicht um ein beliebiges Buch ging. Zu Anfang hatten wir nur den Verdacht, dass es verdient, gelesen zu werden. In Ruhe gelesen hatte es keiner von uns, als wir anfingen. Dann erwies sich das erste Kapitel (zu Northups bisherigem Leben) auch noch als etwas zäh und referierend. Doch mit dem Beginn der eigentlichen Schilderung der Ereignisse entwickelt das Buch einen Sog und auch eine literarische Qualität, die es nicht nur zu einem wichtigen Dokument, sondern auch zu einer sehr spannenden und berührenden Lektüre macht. Das hat diese gedrängte Arbeitsweise gleichzeitig erleichtert und erschwert. Erleichtert, weil es das Buch unbedingt wert war, erschwert, weil – jedenfalls ich – immer wieder vom Lektorieren ins gebannte Lesen verfallen bin.

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