Keine Preisbindung für Selfpublisher mehr: Unfair oder großartig?

Wie es aussieht, wird in der neuen Fassung des Gesetzes über die Buchpreisbindung das E-Book zwar explizit aufgenommen, doch genauso explizit fallen Selfpublisher in Zukunft aus dem Anwendungsbereich heraus. Das Gesetz ist zwar noch nixht verabschiedet, aber zumindest die Bundesregierung schreibt: „Elektronische Bücher, die nicht als verlags- oder buchhandelstypisch anzusehen sind, wie beispielsweise von den Autoren selbst unter Nutzung spezialisierter Plattformen veröffentlichte elektronische Bücher, fallen nicht unter die Preisbindung.“

Das ist auf der einen Seite ganz schön dreist – Selfpublisher, die bei Amazon die Hälfte der Bestsellerliste reserviert haben und auch bei den Tolino-Händlern zunehmend präsent sind, sind also “nicht buchhandelstypisch”? Haaaalllloooo?

Der Autor in mir, der Selfpublishing zukünftig als eine von mehreren Veröffentlichungsoptionen sieht, kann damit nicht einverstanden sein. Andererseits eröffnet diese Interpretation den Selfpublishern ganz neue Chancen. Wir dürfen, was Verlagen verboten ist. Wir können Bücher bei Amazon in eine Preisaktion stellen – und gleichzeitig bei Thalia den vollen Preis verlangen (andersherum funktioniert es nämlich nicht, weil der Amazon-Roboter schlauer ist als der der deutschen Händler). Wir können unsere Käufer aber auch selbst einen fairen Preis bestimmen oder sie per Tweet bezahlen lassen – ganz neue Marketing-Möglichkeiten, die der Verlags-Konkurrenz verboten sind.

Da könnte man glatt auf die Idee kommen, der Gesetzestext wäre so von Amazon diktiert werden – die Firma kann sich aber auf jeden Fall darüber freuen, denn mehr Marketing-Optionen sind für die Marktanteile noch nie ein schlechtes Omen gewesen. Während Händlerverbände dann Verlage wegen des Verschenkens von E-Books verklagen, dürfen Titel von Selfpublishern auch in Zukunft beliebig verschenkt und rabattiert werden. Jedenfalls, wenn es sich um E-Books handelt. Denn gedruckte Bücher fallen ja schon immer unter die Preisbindung. Sogar wenn sie “von den Autoren selbst unter Nutzung spezialisierter Plattformen veröffentlicht” wurden.

Dass die Preisbindung für selbst publizierte E-Books nicht gelten soll, finde ich...

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Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

12 Comments

  • Das ist nicht meine Auffassung, das ist die Auffassung der Preisbindungsstreuhänder, und zwar schon seit längeren. Ich habe nur wiedergegeben, was schon derzeit im Gesetz drin steht. Für mehr Infos lesen Sie bitte den Kommentar zur Buchpreisbundung, ISBN 978-3406611902.

  • Der Auffassung von Florian Baumann, dass Selfpublishing generell nicht der Preisbindung unterliegt, kann ich mich nach der Lektüre des Bundestagsbeschlusses (Drucksache 18/8043) nicht anschließen. Wenn man auf Amazon oder Tolino ein eBook veröffentlicht, dann ist das 'buchhandelstypisch'. Biedes ist auch keine 'spezialisierte Plattform für Selfpublishing'. Dazu kommt noch, dass im Gesetz jetzt der grenzüberschreitende Handel mit dem Handel in Deutschland gleichgesetzt wird.
    Konsequenz: Wenn das Gesetz so angewendet wird, dann muss Amazon ab 1. September die Einhaltung der Buchpreisbindung für alle buchartigen Produkte sicherstellen, die nach Deutschland geliefert werden, also sowohl für KDP als auch für CreateSpace. Freigestellt wären dann nur noch spezialisierte Plattformen, die ausschließlich eBooks von Selfpublishern anbieten, soweit sie nicht den Charakter eines Buchhandels annehmen.

  • Was nicht drin ist, kann nicht rausfallen. Hier wird leider der Gesetzestext mit der Rechtsauffasung der Bundesregierung vermischt, wie dieser zu interpretieren ist.

    Der Passus von wegen "nicht verlags- oder buchhandelstypisch" steht schon jetzt im Gesetz. Die Preisbindungstreuhänder haben schon vor längerem klargestellt, dass sie Selfpublisher-Titel nicht als verlags- oder buchhandelstypisch ansehen und deswegen von der Preisbindung ausgenommen seien. Jetzt schließt sich die Bundesregierung dieser Meinung an. Was für eine Überraschung.

    Es bleibt also unterm Strich nicht so viel neues.

  • irgendwie alles seltsam. Mir kam beim Lesen der Gedanke, dass die Parlamentarier und -Innen nicht so recht wissen, was ein eBook ist.

    http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-04/buchpreisbindung-e-books-bundestag-verlage-preis

    Wenn ich ein eBook zu einem Shop hochlade, ist es nicht preisgebunden. Gründe ich einen Verlag, ist es preisgebunden. Gebe ich es einem Verlag, ist es auch gebunden.

  • Zitat aus dm Gesetz … Elektronische Bücher, die nicht als verlags- oder buchhandelstypisch anzusehen sind, wie beispielsweise von den Autoren selbst unter Nutzung spezialisierter Plattformen veröffentlichte elektronische Bücher, fallen nicht unter die Preisbindung. Zitatende

    Das Wörtchen .. beispielsweise … Was ist mit eBooks, die von Verlagen zu Amazon / Tolino etc. hochgeladen werde? Sind das eBooks oder Verlagsbücher oder…? Da gibt es Grauzonen noch und noch. Ferner … wer will geht zum Gewerbeamt und ist mit ca. 30 Euro Verlag. Wie so viele Gesetze ist auch dieses nicht zu Ende gedacht.

  • @Thomas Knip: ich als Verleger pbuliziere die Bücher meiner Autoren für den Leser; die Buchhandlungen sind für mich nur Aggregatoren – ich produziere nicht für sie, sondern “benutze” sie.

    Viele Grüße
    Jörn Kobes

  • Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Vor allem habe ich Angst, dass noch mehr als bisher Preisdumping zur Regel wird und E-Books für noch weniger als einen "Appel und ein Ei" verschachert werden. Gerade, wenn es durch die fehlende Preisbindung einfach wird, schnell mal an der Preisschraube zu drehen.

    Andererseits ist es natürlich auch schön, wenn man mal eine Preisaktion bei einem Anbieter exklusiv oder eine Aktion "kauft in meinem Buchladen um die Ecke für 0,99 Cent" machen kann. Das könnte die kleinen Buchhandlungen unterstützen und sich zum Vorteil für Leser und Händler herausstellen. Falls das so machbar ist, wie ich mir das jetzt vorstelle.

  • Ein wichtiger Aspekt geht dabei komplett unter:
    Wer über einen Distributor, zusätzlich zu Amazon, veröffentlicht, ist ziemlich angeschissen.
    Warum?
    Amazon verlangt, dass Bücher, die über KDP veröffentlicht werden nirgends am Markt günstiger zu haben sind.
    Wenn jetzt aber ein kleiner Händler, bei dem das Buch ebenfalls zu haben ist, entscheidet: Hey, heute haue ich das mal für 0,99€ raus, dann setzt Amazon den Preis ebenfalls runter. Die 70% werden zu 35%, die Marge wird ein Witz und der Autor darf erstmal mehrere Tage darauf verschwenden herauszufinden, welcher kleine Händler ihm denn gerade seine Einnahmen ruiniert.

    Wozu wird das führen?
    Der Markt wird sich noch mehr auf Amazon fokussieren, weil die Autoren diese Gefahr nicht haben wollen (spätestens nach dem ersten Vorfall wird derjenige sein Buch nie wieder woanders anbieten). Amazons Monopolstellung wird also gestärkt. Langfristig schadet das uns Selfpublishern, denn Amazon wird nicht immer so freundlich spielen, wie sie es jetzt tun.
    Tolino Media wird sich dagegen womöglich halten können, wenn die angeschlossenen Shops gezwungen werden, den vom Autor diktierten Preis zu verlangen. Aber für alle anderen Distributoren wird das ein herber Schlag, denn sie müssen eine ganze Menge kleiner Händler entweder in Knebelverträge zwingen, das oben beschriebene Risiko eingehen oder aber ihre Marktabdeckung zurückfahren. Eine Entwicklung, die für uns Selfpublisher nicht gerade rosig ist.

    • @Daniel: Die weitere Frage ist, ob die von dir angedeuteten Knebelverträge dann statthaft sind. Das ganze Preisbindungsgesetz wurde ja in Berlin von der Boev-Lobby durchgeboxt, weil das Preisbindungs-Kartell, das davor bestand, judikativ durchgefallen war. (Das macht man ja öfter, siehe Mindestlohn für Volos oder die jetzigen Bestrebungen, das VG-Wort-Urteil legislativ zu “korrigieren”.) Wenn also keine gesetzliche Preisbindung existiert, kann jeder Händler den Preis selbst festlegen – und darf daran eigentlich auch nicht vertraglich gehindert werden.

  • Verlage stellen für Buchhandlungen her, das ist deren Zielpublikum. Self-Publisher für Leser. Das ist unseres.

    Wir sind definitiv nicht buchhandelstypisch, sondern leseraffin.

  • na, prima. Noch mehr Abgrenzung von angeblich "richtigen" Autoren. Ich sehe auch den Vorteil nicht. Die meisten Self Publsiher sind exklusiv bei Amazon und wer nicht – was spricht denn dagegen, überall gelichzeitig den Preis zu senken, oder zu erhöhen?

  • Wenn der Passus wirklich von Vorteil ist (was ich so auf die Schnelle nicht einzuschätzen vermag), warum wird das dann hier kund getan? War das wirklich so klug? Klar, eins erreicht man mit dieser Forumulierung: Die Schmuddelkinder werden weiter auf Abstand gehalten. Keiner soll es wagen, mit ihnen zu spielen.

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