Mit Autorenvideos mehr Bücher verkaufen? Die Interview Lounge im Interview

Kerstin Carlstedt will in der “Interview Lounge” Autoren ein Gesicht geben – selbstverständlich auch Self Publishern. Das Interview dazu haben wir dann doch lieber per E-Mail geführt. Wie wichtig sind Videos oder Trailer für die Vermarktung eines Buches – und was ist dabei zu beachten?

Welche Tipps habt ihr für Autoren, die sich in einem Video-Interview präsentieren möchten? Was gilt es in Sachen Selbstmarketing dabei zu beachten?

Das Wichtigste ist, locker zu bleiben. Nichts ist für den Zuschauer quälender, als wenn der Interviewpartner vor der Kamera 1000 Tode stirbt. Es ist ja keine Live-Situation, d.h. das Ergebnis, das online geht, ist immer ein „Best of“ aller Antworten.

Je mehr die Autoren plaudern und an Informationen anbieten, desto einfacher ist es natürlich, ein interessantes Stück zusammen zu schneiden. Auch Ehrlichkeit, Offenheit und (ein vielstrapaziertes Wort!) Authentizität ist essenziell für das Gelingen eines Interviews.

Über die Antworten können wir direkt nach dem Interview verhandeln. Was Autoren auf keinen Fall gesagt haben wollen, kommt natürlich auch nicht in die Endfassung. Wir wollen niemandem schaden, sondern Autoren und ihre Bücher für Zuschauer interessant machen und das Beste aus ihren Storys herausholen.

Wie kann ein solches Video-Interview die Bekanntheit und den Erfolg eines Autors steigern, gerade im Hinblick auf die Bedeutung des Buchmarketings bei Selfpublishern?

Nach unserer Erfahrung ist es mitnichten so, dass Verlage für jedes Buch, das sie drucken lassen eine große Kampagne starten. Viele „verlegte“ Autoren beklagen sich sogar darüber, dass sich ihre Verlage nicht genug oder gar nicht um die Vermarktung kümmern.

Daher haben Selfpublisher oft keine geringeren Chancen, ihr Buch zu vermarkten, als die Kollegen, die einen Verlag im Rücken haben. Es gibt allgemeine Marketingregeln, nach denen potentielle „Konsumenten“ bis zu sieben Mal mit einem Produkt in Berührung gekommen sein müssen, bis sie sich zum Kauf entschließen.

E-Books haben es beim Marketing wohl insofern schwerer als gedruckte Bücher, da sie nicht in Buchläden sichtbar sind. Umso wichtiger ist es, dass E-Book-Autoren über Soziale Medien gut vernetzt sind. Jeder, der sich auf Facebook, Twitter oder Youtube tummelt, weiß, wie schwer es ist, täglich und auf clevere Weise neue Inhalte zu generieren, die den Buchkauf vorantreiben könnten.

Dabei helfen wir. Aus einem Dreh stellen wir mehrere Filme her: ein langes Interview für die „Interview Lounge“ und die Autorenseite/ Blog, ein kurzes Interview für Youtube, eine Lesung, ein Buchtipp. Das sind bereits vier bis fünf attraktive Gelegenheiten, auf sich und auf die zu vermarktenden Bücher aufmerksam zu machen – ohne beim Rezipienten einen Gähn-Effekt zu erzielen. Irgendwann tritt dann dieser Effekt ein, dass sich potentielle Leser sagen: Meine Neugier ist nun doch geweckt, ich leg die zwei oder fünf Euro an und kauf mir das Buch.

Das ist gerade das Gute an E-Books von Selfpublishern: Man muss keine 10 oder 20 Euro investieren, um dann nach ein paar Seiten festzustellen, dass das Buch doch nicht so interessant ist. (Wie oft ist das schon bei einem kostspieligen Hardcover passiert, oder? Ärgerlich!)

Auch muss man bedenken, dass ein Video im Internet verbleibt und daher eine hohe Nachhaltigkeit hat. Ein Fernseh- oder Radiobeitrag versendet sich, ein Katalog oder eine Tageszeitung landet irgendwann im Altpapier. Hingegen hat das Internet ein viel längeres Gedächtnis.

Was steckt hinter dem Projekt „Interview Lounge“?

Bei „Interview Lounge – Autoren sprechen über ihre Bücher“ geben wir Autoren ein Gesicht und eine Stimme im Internet. Unser Fokus liegt dabei nicht auf der letzten Neuveröffentlichung, sondern mehr auf dem „Gesamtkunstwerk Autor“, den Menschen hinter den Büchern.

Die Video-Interviews oder -Portraits stehen im Mittelpunkt und werden ergänzt durch kurze von den Autoren gelesenen Kostproben aus ihren aktuellen Büchern. Auch wichtig sind uns die Empfehlungen der Autoren, welche Bücher sie zuletzt besonders begeistert haben.

Außerdem veröffentlichen wir einmal im Monat einen „Buchtipp von Profis“ der Buchbranche. Beispielsweise reden wir mit Buchhändlern darüber, welche neuen Bücher derzeit besonders lesenswert sind oder lassen uns den Hype um bestimmte Bücher (wie „Shades of Grey“) erklären.

Wie entstand die Idee für das Projekt?

Eigentlich entstand die Idee zum Projekt durch den zunehmenden Trend, Lesungen von und mit Autoren im Internet zu präsentieren. Die entsprechenden Seiten sprießen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden.

Wir dachten, wenn man schon das Privileg genießen darf, Autoren persönlich treffen zu können, ist das doch DIE Chance, all die Fragen loszuwerden, die einem beim Lesen ihrer Bücher in den Sinn kommen – eine vielleicht unwiederbringliche Gelegenheit, sie besser kennen und verstehen zu lernen.

Das war ursprünglich die Funktion von (öffentlich-rechtlichen) Fernsehsendern und Veranstaltungen wie Lesungen und Signierstunden im Buchhandel oder auf Buchmessen. Leider bekommt Literaturberichterstattung im Fernsehen seit Jahren immer weniger Sendeplätze eingeräumt. Auch genießt nicht jeder Autor den Vorzug, zu Lesungen eingeladen zu werden, denn eine Lesereise ist mit hohen Kosten verbunden. Daher brauchen wir dringend eine „Interview Lounge“.

Wie wählt ihr die Autoren aus, mit denen ihr ein Video-Interview produziert?

Zum einen nehmen wir Auftragsarbeiten von Verlagen und Autoren direkt an und erhalten für unsere Arbeit Produktionskostenzuschüsse. Zum anderen realisieren wir Interviews für unseren Kooperationspartner Culturmag – einem unabhängigen Kulturmagazin im Internet. Ohne Culturmag würde es die „Interview Lounge“ in dieser Form gar nicht geben, denn wir verfügen nicht über das technische Knowhow, eine Webseite aufzubauen – und die Culturmag-Redaktion hatte bisher niemand, der audiovisuelle Autoren-Interviews realisieren wollte oder konnte. So entstand eine Win-Win-Situation, von der beide Projekte profitieren.

Darüber hinaus realisieren wir Videos mit Autoren, die wir interessant finden und von denen wir glauben, dass wir durch sie Aufmerksamkeit für unser Projekt generieren, eine Vielzahl neuer Abonnenten gewinnen bzw. einen großen Kreis neuer Zuschauer auf die Seite locken können. Das trifft besonders auf die Autoren zu, die über Soziale Medien bereits sehr gut vernetzt sind, oder durch die Nominierung bei Buchpreisen eine gewisse Prominenz erzielen konnten.

Wie können Selfpublisher euch überzeugen, sie in einem Video-Interview vorzustellen?

Das Buch muss uns gefallen und in unser Programm passen. Nachdem wir unsere erste E-Book-Autorin veröffentlicht hatten, bekamen wir beispielsweise die Anfrage einer Autorin, die ein E-Book über Haarpflege geschrieben hatte. Ohne das Buch geprüft zu haben, haben wir das abgelehnt, weil wir für dieses Thema nicht einschlägig genug sind.

Wie bereits in den vorherigen Antworten anklang, muss die Finanzierung für ein Interview gesichert sein. Ein Weg für Selfpublisher wäre beispielsweise, sich bei einer Crowdfunding-Plattform zu engagieren. Wenn das Thema des Buchs einen Nerv trifft und sich der Autor/ die Autorin dafür stark macht, ist die Chance sogar ziemlich realistisch, dass auch Andere sich dafür begeistern und ein solches Anliegen unterstützen wollen.

Welche Bedeutung wird eurer Meinung nach in Zukunft das Selbstmarketing von Autoren haben, wie wird es sich verändern und welche Chancen seht ihr darin für euer Projekt?

Die Zukunft findet im Netz statt. Es gibt sehr viele Gründe, die dafür sprechen, dass, wer diese Entwicklung nicht ernst nimmt, irgendwann ein Problem bekommen wird. Nachfolgende Generationen wissen schon jetzt gar nicht mehr so genau, was Fernsehen und Printmedien sind. Märchenfilme schauen sich viele Kinder bereits heute auf Youtube an und lesen vorzugsweise Inhalte am Computer oder auf dem iPad. Und das sind die Leser und Buchkäufer von morgen.

Besonders bei Büchern, die sich an ein junges Publikum richten, ist heute schon zu beobachten, dass die Bereitschaft der Verlage, ein Video für ihre Internetseite in Auftrag zu geben, viel größer ist. Dort ist bereits die Einsicht ins Bewusstsein gesickert, dass über Anzeigen in den Buchmessebeilagen der überregionalen Zeitungen potentielle Leser nicht mehr erreicht werden können.

Wir haben ein paar Autoren auf unserer Seite, die sich sehr klug und selbstverständlich im Netz bewegen – zum Beispiel Jugendbuchautor John Green oder Thriller-Autorin Zoë Beck. Beide sind sehr aktiv auf Facebook und Twitter – und John Green zeigt sich regelmäßig auch auf Youtube. Das funktioniert sehr gut. Beide Autoren haben eine große Fangemeinde – und verkaufen dementsprechend viele Bücher.

Und noch etwas: Die Buchhändler werden es nicht gerne lesen, aber inwiefern Buchkäufe auch in 20 Jahren noch im stationären Einzelhandel stattfinden werden, ist fragwürdig. Es gibt bereits heute die Tendenz in einigen Städten, dass die Einkaufsmeilen immer mehr verwaisen. Hier bricht eine weitere Chance weg, ein Buch im Laden zu entdecken und es einfach mal mitzunehmen.

Fazit: Die Buchbranche – Verleger, Autoren und Buchhändler – werden am Internet nicht vorbeikommen – und das ist unsere Chance als Dienstleister.

Welche Kooperationen habt ihr geplant, um euer Projekt bekannter zu machen?

Es gibt mehr Pläne und Ideen, als Zeit, sie in die Tat umzusetzen. Momentan bedienen wir die Städte Hamburg, Berlin und Amsterdam. Es wäre wünschenswert, wenn wir noch mehr Kollegen ins Boot holen und in noch mehr Städten vor Ort sein könnten.

Auch wäre es wünschenswert, wenn wir noch weitere Kulturportale, die gut eingeführt sind, als Kooperationspartner gewinnen würden. Mittelfristig denken wir darüber nach, die „Interview Lounge“ auch als App anzubieten.

Außerdem überlegen wir, wie wir auch außerhalb des Internets sichtbar werden könnten und uns als „Marke“ etablieren könnten. Wir würden gern witzige Events wie Nachtwanderungen mit Krimiautoren oder Partys mit Autoren an ungewöhnlichen (literarischen) Orten anbieten. Wir möchten zwanglose Anlässe anbieten, auf denen Autoren und „Fans“ aufeinander treffen könnten – unabhängig von Lesungen, die doch immer einem gewissen „Protokoll“ folgen. Dazu müssten wir uns mit einschlägigen Organisatoren und Reiseveranstaltern vernetzen.

Vielleicht wäre es auch interessant für Buchhändler, aktionsweise einen Monitor in ihren Buchläden aufzustellen und unsere Interviews zu zeigen – rotierend jede Woche in einem anderen Geschäft.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

6 Kommentare

  1. Das “Kaufen” von Medieninteresse ist völlig normal. Alle Magazine schauen zuerst bei ihren großen Anzeigenkunden, wenn sie z.B. etwas über Kosmetik, Autos oder Finanzprodukte schreiben wollen – und berichten dann natürlich (meist positiv) über die Unternehmen, die sie finanzieren. Das war schon immer so. Warum soll das für den Online-Bereich nicht gelten? Journalismus ist zu 90 Prozent Propaganda und zu 10 Prozent investigativer Journalismus. Also, nicht immer alles glauben, was geschrieben steht. Ganz schlimm ist Apple. Bei schlechter Presse läd Apple die Journalisten nicht mehr zu ihren Events ein…

  2. Scheint eine gute Idee zu sein. Ich habe neulich entdeckt, dass man Interviews KAUFEN kann, das war mir völlig neu in dem Zusammenhang und wirkt auf mich irgendwie unseriös, wenn man ein Medieninteresse kauft.

    Deshalb: schönes Projekt & viel Erfolg dafür!

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