Vorbild für Deutschland? Wie öffentliche Bibliotheken in den USA mit Self Publishern umgehen

biblioboard

Ein schönes Beispiel über einen aufmerksamen Umgang mit unabhängigen Autoren ist mir gerade in den USA begegnet. Es zeigt gleichzeitig den Unterschied zwischen Anwesenheit und Sichtbarkeit. Über Distributoren ist es schon länger möglich, die Bibliotheken zu beliefern. In den USA übernimmt das zum Beispiel Smashwords, in Deutschland liefern BoD, Bookrix, Feiyr und Tredition an die Onleihe aus. Allerdings entscheidet hüben wie drüben jede Bibliothek selbst, was sie ins Programm nimmt. Sie muss schließlicgh dafür auch an die Rechteinhaber zahlen.

An dieser Stelle setzt das “SELF-e”-Programm an. Der Begriff setzt sich aus “Self Publishing” und “eBooks” zusammen – das zeigt die Richtung. Unabhängige Autoren können über die Website ihre Titel einreichen (PDF oder eBook). Diese werden dann kostenlos geprüft und in den Bibliotheken des jeweiligen Bundeslandes angeboten, ohne dass der Autor einen Distributor nutzen müsste. Zusätzlich werden die besten Titel pro Genre in redaktionellen Sammlungen zusammengefasst, die allen teilnehmenden Bibliotheken angeboten werden. Diese Empfehlungslisten lösen damit das Problem der Sichtbarkeit: Sie geben den Bibliothekaren das Gefühl, tatsächlich zum Leserbedarf passende Titel anzufordern.

Wann bietet die deutsche Onleihe einen solchen Service? Studien zeigen übrigens, dass Bibliotheksnutzer nicht unbedingt weniger Lesestoff kaufen als andere…

Matthias Matting
  • Matthias Matting
  • Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

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  • In Zeiten der physisch bedingten Knappheit gedruckter Exemplare war es Aufgabe der Bibliotheken, für viel Geld ebensolche zu beschaffen und einen kostenlosen oder sehr günstigen Verleih zu betreiben, damit neben der privilegierten Oberschicht auch der breiten Bevölkerungsmasse der Zugang zu Bildung gewährt werden konnte. Seit dem Aufkommen der Digitalisierung ist dieses Modell komplett hinfällig, denn Digitalgeräte erlauben den unbegrenzten Zugang zu Bildung jedermann jederzeit. Die neue Aufgabe des Bibliothekswesens besteht deshalb darin, digitale Werke zu sammeln und zu erschließen, deren Langzeitarchivierung zu besorgen sowie Werkzeuge zum Umgang mit ihnen anzubieten. Dass der Zugang für die Leserschaft kostenlos sein muss und nicht mit irgendwelchen Einschränkungen belegt werden darf, ist selbstverständlich. Wer heutzutage veröffentlicht, unterliegt zwangsläufig dem faktischen Erschöpfungsgrundsatz, welcher der Digitalität innewohnt und in Form von digitalen Grundrechten im Zuge einer längst überfälligen Urheberrechtsreform anerkannt gehört. Mit der Veröffentlichung sollten also Ansprüche als erschöpft gelten, eine Kontrolle der Nutzung sollte keine rechtliche Grundlage haben, DRM gehört verboten und sollte als Computerbetrug geahndet werden. Es kann nicht Aufgabe der Bibliotheken sein, dem eigenen Auftrag durch künstliche Verknappung wie z.B. bei der Onleihe zuwiderzuhandeln, indem der Erhalt veralteter Geschäftsmodelle mit Steuergeldern vergeblich betrieben wird, obwohl doch restriktive Rechteverwerter in ihren Lizenzverträgen deutlich zu verstehen geben, dass die durch sie lizenzierten Werke keineswegs für die öffentliche Verfügung bestimmt sind. Zur Erinnerung: das Existenzrecht der Bibliotheken ergibt sich aus einem Interesse der Öffentlichkeit und nicht aus dem Anliegen der Wirtschaftsförderung – ein Umstand, über den der Gesetzgeber weiterhin unverändert großzügig hinwegsieht. Und aus dem Versäumnis, statt für die künstliche Verknappung lieber für die Schaffung von mehr und besseren Werken zu bezahlen und damit ernsthaft etwas für Kunst, Kultur und Bildung zu unternehmen, erklärt sich auch, weshalb das World Wide Web als zukünftige Universalbibliothek weit relevanter ist als alle deutschen Bibliotheken zusammen, da letztere sich leider viel zu wenig mit den Implikationen von Digitaltechnologie auseinandergesetzt haben.

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