Gestatten: Lecter, Psychiater, Feinschmecker, Kannibale – Charaktere einführen (Teil 2): Statisch

Warum die Einführung eines Charakters, sein erster Auftritt auf der Bühne Ihres Romans so wichtig, ja, entscheidend für Ihren Roman sein kann, haben wir uns im ersten Teil des Artikels angesehen.

Heute analysieren wir ein Beispiel aus der Literatur und analysieren die Möglichkeiten, mit denen Sie die Begegnung der Leser mit Ihrem Charakter vom ersten Moment an (und früher!) einprägsam bis unvergesslich gestalten. Vorhang auf für Hannibal Lecter!

In »Das Schweigen der Lämmer« erstmals erwähnt wird Lecter auf Seite 5 des Romans (Buchseite 11). Doch es dauert bis zur Seite 12 (Buchseite 18), bis der Leser einen Blick auf ihn werfen darf.

Das Erste allerdings, was der Leser von Lecter erfährt, sind reine Informationen. Die erhält der Leser, lange bevor Lecter selbst die Bühne betritt:

»Der Psychiater – Dr. Hannibal Lecter.« (…) »Hannibal der Kannibale.«

(Diese und die folgenden Auszüge stammen aus: Thomas Harris, Das Schweigen der Lämmer, Heyne 1990/2006)

Drei Informationen nimmt der Leser hier mit: Beruf, Name und … ähm, Berufung. Informationen zu Charakteren können sehr wertvoll sein oder wenig hilfreich. So mag die Marke der Schuhe einer Romanfigur wichtigen Aufschluss über seine Persönlichkeit geben. Oder aber komplett überflüssig sein, weil sie für den Roman keinerlei Rolle spielt.

Die Informationen zu Lecter sind wertvoll, denn sie geben dem Leser sofort Informationen, die zum einen durchaus bedeutsam für die vorgestellte Persönlichkeit sind – Psychiater! Kannibale! – und zum anderen durch die Kombination sofort herausragen: Ein Psychiater, der ein Kannibale ist – das gab es vermutlich nie zuvor. Die Informationen sorgen noch für mehr: Sie prägen die weitere Wahrnehmung von Lecter, geben die Richtung vor, wie er vom Leser fortan wahrgenommen wird.

Dagegen bleiben Informationen ohne Widerhaken eben nicht haften: Lehrer, 46, geschieden. Gähnen Sie auch schon?

Bei seinem eigentlichen Auftritt erleben wir den Serienkiller Lecter aus der Perspektive seiner Besucherin, der FBI-Agentin Clarice Starling, die Lecter im Hochsicherheitsgefängnis besucht und ihn durch die Panzerglasscheibe seiner extrem aufwendig gesicherten Einzelzelle betrachtet.

Hier einige Ausschnitte, wie Starling Lecter wahrnimmt:

An der linken Hand hat Dr. Lecter sechs Finger. (…) Sie konnte sehen, er war klein, gepflegt; in seinen Händen und Armen entdeckte sie drahtige Kraft (…) Seine kultivierte Stimme hatte etwas metallisch Rauhes (…) Dr. Lecters Augen sind kastanienbraun, und sie reflektieren das Licht in Nadelspitzen aus Rot. 

Hier bedient sich Autor Harris der grundlegendsten Form zur Einführung einer Figur: der statischen Beschreibung. Das entspricht dem ersten, visuellen Eindruck, dennoch ist es nur ein kleiner Ausschnitt des Gesehenen und ein winziger Ausschnitt des Wahrgenommenen. Und nur ein kleiner Auszug aus der umfangreichen Einführung von Lecter.

Viele Autoren beschränken sich in der Einführung selbst ihrer Hauptfiguren auf Informationen und statische Beschreibung – Name (enthält meist Informationen zum Geschlecht), Alter, Größe, Haarfarbe, Augenfarbe, Kleidung – und bleiben im Klischee hängen. So gerät der Auftritt der Romanfigur austauschbar, uninteressant und wird gleich wieder vergessen. (Erinnern Sie sich noch an den Lehrer von eben? Wie alt war er?)

Besonders schlimm wird es dann, wenn der Autor alle seine Figuren auf diese Weise und mit den immergleichen Variablen einführt. Als Folge verschwimmen die Charaktere in der Wahrnehmung des Lesers zu einem bunten Brei aus Klischees.

Immerhin, eine visuelle Beschreibung ist eben bildhaft und daher in der Lage, dieses Bild auch im Leser hervorzurufen. »Lehrer« erzeugt kein klares Bild, »roter Schlips« schon eher.

Doch Sie müssen einen Charakter gar nicht visuell statisch beschreiben – der Leser macht sich sein eigenes Bild. Auf Grundlage purer Informationen fällt das allerdings manchem Leser schwer. Oder das Bild sieht – wie bei Erwähnung des Berufs »Lehrer« – bei jedem Leser anders aus. Falls es jedoch für Ihren Roman wichtig ist, dass der Leser ein genaueres Bild des Charakters in den Kopf bekommt, können Sie mit weiteren Details nachhelfen und es bis zu einem gewissen Grad auch steuern.

Erinnernswerter sind, auch bei einer statischen Einführung, Besonderheiten und spezifische Details. Damit geben Sie dem Leser einen Schlüsselreiz, der leichter in eine visuelle Vorstellung übersetzt wird und eher im Gedächtnis haften bleibt. Das können Narben sein, ein ungewöhnliches Tattoo an ungewöhnlicher Stelle, auffallende Kleidung, eine grelle Stimme usw.

Bei Lecter sind das beispielsweise seine elf Finger. Aber, mal ehrlich, wussten Sie noch, dass Lecter an einer Hand sechs Finger hat? Und dass es an der linken war? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Das liegt daran, dass die Zahl seiner Finger für den Roman keine Rolle spielt. Die sechs Finger werden nicht thematisiert, sie treten nicht dynamisch auf und erst recht nicht in Handlung. Lecter ist besonders genug, dass Thomas Harris ihn auch mit nur zehn Fingern hätte ausstatten können. Aber, dachte Harris wohl, viel hilft viel. Nicht immer, und nicht immer ist es erforderlich.

Noch eindringlicher wird eine statische Beschreibung zur Einführung dann, wenn sie einen Widerspruch enthält – jeder Widerspruch wird vom Leser als Micro-Konflikt erlebt, der ihn aufhorchen lässt und gespannt darauf macht, ob und wie dieser Konflikt gelöst wird.

Bei Lecter ist das beispielsweise Starlings Beobachtung »Seine kultivierte Stimme hatte etwas metallisch Rauhes (…)«

In diesem Widerspruch steckt eine Spannung, die Lecter als Ganzes symbolisiert: hier das Kultivierte, dort das Raue und Metallische – das Gefährliche.

Doch Thomas Harris führt den Kannibalen Lecter eben nicht nur statisch ein, sondern auch dynamisch. Was Dynamik bedeutet bei der Einführung eines Charakters bedeutet, wie Sie sie anwenden und ein paar weitere Kniffe des Bestsellerautors Harris sehen wir uns im nächsten Teil des Artikels an. Und den Tisch deckt wieder Hannibal Lecter!

Stephan Waldscheidt

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Von Stephan Waldscheidt

Schriftsteller & Skriptdoktor. Autor einer erfolgreichen Reihe von Autoren- und Schreibratgebern. Berät Romanautoren beim Schreiben und Veröffentlichen. Schreibt als John Alba Romane. schriftzeit.de | facebook.com/Waldscheidt | twitter.com/schriftzeit | johnalba.de