Dreister geht’s kaum: eBook-Store bedient sich selbst bei Autoren und Verlagen

Dass jedes eBook irgendwann in Raubkopierer-Börsen landet, darüber rege ich mich schon lange nicht mehr auf. Ist schei…, aber so ist das Leben. 98 Prozent der Leser sind ehrlich – und den Rest erreiche ich sowieso nicht. Kopierschutz schadet nur den Guten.

Wenn allerdings ein illegaler Shop unter dem Deckmantel der Legalität operiert, dann wird es ernst. So wie bei dem Unternehmen, auf das mich heute morgen der Belle-Époque-Verlag aufmerksam machte. Ich möchte dieser Firma keinen Link spendieren – wer sich vom hier geschriebenen überzeugen will, findet auf dem Screenshot den Namen. Ich gebe zu – zuerst dachte ich: So dummdreist kann man doch gar nicht sein. Die Firma wird – zwar als Limited – aus Deutschland unter deutscher Umsatzsteuer-ID betrieben, offenbar zeichnet ein echter Mensch in Langen (Hessen) dafür verantwortlich. Der Shop wird vom Massenhoster Strato gehostet. AGBs, Widerrufsbelehrung, alles ist an die deutschen Rechtsverhältnisse angepasst. Sogar die Shop-Bewertungs-Plattform eKomi ist integriert. Auch die Preise entsprechen dem, was Kunden bei Thalia oder Amazon zahlen würden. Es hätte sich also durchaus um eine White-Label-Lösung handeln können, wie sie etwa von Mediacontrol angeboten wird.

Aber dann beginnen die Ungereimtheiten. Erstens: der Laden bietet bei Zahlung über Paypal 25 Prozent Rabatt auf alle eBooks. Das widerspricht schon mal der deutschen Preisbindung. Zweitens: Der eBookShop verkauft auf eBay Gutscheine für den eigenen Laden – und zwar mit Rabatt. Ebenfalls ein Preisbindungs-Verstoß. Drittens: Gibt man in der Suchfunktion “Tolino Media” ein, findet man zahlreiche Titel, die im Selfpublishing über Tolino Media veröffentlicht wurden. Doch Tolino Media liefert nur an die Mitglieder der Tolino-Allianz. Viertens, und jetzt wird völlig klar, dass da etwas nicht stimmen kann: Benutzt man die Suchfunktion mit “Amazon Media”, finden sich viele eBooks, die im Select-Programm exklusiv bei Amazon angeboten werden. Diese Autoren (ich habe zwei gefragt) haben garantiert nicht ihre Erlaubnis erteilt, dort verkauft zu werden (und damit gegen die Amazon-Bestimmungen zu verstoßen).

Die Seite ist damit eindeutig ein Fall für den Staatsanwalt. Was ich wirklich nicht verstehe: Kann man tatsächlich so naiv sein, unter diesen Bedingungen einen eBook-Shop betreiben zu wollen? Genau diesen Anschein verbreitet die komplette Aufmachung nämlich. Autoren sollten überprüfen, ob ihre eBooks dort angeboten werden, und im positiven Fall Anzeige erstatten. Doch auch Amazon, Tolino Media oder andere Distributoren dürften durchaus Interesse haben, Dritte daran zu hindern, sich am geistigen Eigentum ihrer Autoren zu bereichern.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

10 Kommentare

  1. Wie gut, dass es die “Whois-Abfrage” gibt.
    Wer den Betreibern der Seite zum Opfer gefallen ist, hat die Möglichkeit, Anschrift und Telefonnummer der Inhaberin herauszufinden und sich direkt an sie zu wenden.

    Interessant ist, wie kreativ manche Leute sind, wenn es darum geht Geld zu verdienen.

  2. saubere Arbeit. Ich vermute mal, demnächst werden wir ein update darüber lesen, wie die Staatsanwaltschaft reagiert hat, nachdem Du denen den Kaufbeleg für diese Diebesware- und die anderen Beweise vorgelegt hast.
    Es wird ja auch mal Zeit, dass man wenigstens einer diesen Plattformen das Handwerk legt. Zum "Glück" waren die Betreiber ja so dumm-dreist, dass kein Staatsanwalt den Tatbestand ignorieren kann.

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