Analyse: Schrumpft der Markt? Wie sich die Umsätze der 150 Top-Autoren bei Amazon seit 2015 entwickelt haben

Arme Autorin

Der E-Book-Markt schrumpft. Es wird immer schwerer, als Autor im Selfpublishing Geld zu verdienen. Solche Aussagen höre ich neuerdings oft. Aber handelt es sich dabei um mehr als um persönliche Eindrücke? Lassen sie sich mit Zahlen belegen? Gelten sie für alle Autorinnen und Autoren?

Seit 2015 erhebe ich jeden Monat die Zahlen gelesener Seiten, die für einen “AllStar”-Bonus nötig sind. Diesen erhalten monatlich die 150 KDP-Autoren, die über KindleUnlimited die meisten gelesenen Seiten verzeichnen. Gleichzeitig halte ich jeden Monat die Höhe des Bonus pro Seite fest. Amazon berechnet diesen aus einem weltweiten Pool, doch obwohl dieser Pool jeden Monat wächst, zeigt der ausgezahlte Betrag pro Seite eine deutliche Tendenz nach unten, wie die folgende Grafik zeigt:

Es gibt also pro gelesener Seite tendenziell weniger Geld für alle. Allerdings ist das nur die eine Seite der Medaille, denn gleichzeitig wird Monat für Monat mehr gelesen. Das ist sehr gut an den für das Erreichen der Boni nötigen Mindestzahlen zu sehen. Für den 500-Euro-, den 1500-Euro- und den 2500-Euro-Bonus habe ich diese Zahlen hier notiert:

Statt 200.000 Seiten wie beim Start der seitenbasierten Berechnung braucht man heute schon über 700.000 Seiten, um überhaupt einen Bonus zu bekommen. Was heißt das für die Einnahmen der Autoren? In der folgenden Grafik habe ich die Mindesteinnahmen einer fiktiven AutorIn berechnet, die es gerade so zum 500-Euro-Bonus (bzw. zum 1500-Euro-/2500-Euro-Bonus) geschafft hat.

Die Berechnung ist sehr konservativ und beruht auf den Annahmen, dass ein Titel im Mittel 450 KU-Seiten “lang” ist (der KENPC liegt in der Regel 50% über dem Umfang in Normseiten) und dass auf jede Leihe genau ein Verkauf kommt, bei dem pro Exemplar 1 Euro in die Tasche der Autorin fließt. Das berücksichtigt einen mittleren Verkaufspreis zwischen 99 Cent (Verdienst hier etwas über 30 Cent) und 2,99 Euro (Verdienst hier über 1,90 Euro); je nach Genre und Preis wird teils auch mehr (Liebesroman, Fantasy, Krimi) oder weniger (Sachbuch, SF) geliehen. Die meisten Autoren, die einen Bonus erhalten, dürften jedenfalls noch über diesem Wert liegen, denn zusätzlich gezahlte Buchboni sind hier z.B. nicht berücksichtigt, ebensowenig Taschenbuch-Umsätze. Und die Zahlen basieren immer auf dem Mindestwert gelesener Seiten für diese Bonusstufe, der bis zu 50 Prozent unter dem Maximalwert liegt. Es sind also die Einnahmen der AutorInnen, die es gerade so auf die jeweilige Bonusstufe geschafft haben.

Der Trend dürfte klar sein: Die 150 Top-AutorInnen verdienen bei Amazon inzwischen deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. Ohne Taschenbuchumsätze kommt eine AllStar-AutorIn heute auf über 4000 Euro brutto, im Rahmen der Schriftstellerei schon ein ganz ordentliches Gehalt. Die Top-100-AutorInnen liegen bei Amazon sogar über 7000 Euro, die Top 50 über 11.000 Euro.

Was die Darstellung nicht berücksichtigt: Der Wettbewerb ist stärker geworden. Wer es – weil einfach mehr Schreibende dabei sind – nicht unter die Top 150 schafft, hat es schwerer, rein im Selfpublishing vom Schreiben zu leben. Andererseits sind durch die Öffnung der Tolino-Händler für das Selfpublishing auch neue Chancen entstanden. All die Autorinnen und Autoren, die um AllStar-Boni wetteifern, fallen unter Tolino- und Apple-Lesern als Wettbewerber weg, denn sie müssen sich ja exklusiv an Amazon binden. Und schließlich verdienen Schriftsteller allgemein laut Daten der Künstlersozialkasse im Monat weniger als 1200 Euro.

Von Matthias Matting

Matthias Matting, geboren 1966, ist Physiker und Journalist und einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat über 50 Bücher im Self-Publishing veröffentlicht und ist Autor des offiziellen Amazon-Bestsellers 2011. Für sein Buch “Reise nach Fukushima” erhielt Matthias Matting den 2011 erstmals ausgeschriebenen Buchpreis “derneuebuchpreis.de” in der Kategorie Sachbuch. Matting war als Programmleiter eBook bei der Münchner Verlagsgruppe tätig. Er arbeitet außerdem als Kolumnist für das Nachrichtenmagazin FOCUS und als Autor für SPACE, Federwelt und Telepolis. Schließlich gibt er auch Online-Kurse sowie Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse.

5 Kommentare

  1. Ich kann die Sicht von Klaus Seibel nur bestätigen. Mein Eindruck ist zudem, dass von den Selbstverlegern her eine Angebotsüberlast existiert, die “den Markt” eines Tages zum Implodieren bringen wird. Und das ewige Schneller, Höher, Weiter in Sachen Publikationshäufigkeit, wird das “Problem” auf Dauer wohl nicht lösen – im Gegenteil: eher verstärken. Denn wo soll das am Ende hinführen? Bald jeden Monat einen neuen Roman herausbringen?
    Wenn erst Zehntausende erstklassige Autorinnen und Autoren Hunderttausende Bücher pro Jahr (allein auf den deutschsprachigen) Markt bringen, wird es wohl so weit sein: dann werden Selfpublisher, Verlagsautoren samt deren Verlagen jeder einzelnen Leserin hinterherrennen und sie auf Knien darum bitten, das gerade neu erschienene Buch zu kaufen … und vielleicht sogar zu lesen … :;))
    Im Ökonomenjargon werden mit Begriffen wie “Marktkonsolidierung” oder “Regression zum Mittelwert” bestimmte Phänomene beschrieben, die zyklisch zu Mäßigung und Ausgleich führen. Ich bin schon heute gespannt, ob solche Phänomene auch auf dem SP-Markt greifen werden – und wenn ja: mit welchen Auswirkungen.

  2. Im Grunde hat sich der Markt seit der Anfangszeit der E-Books deutlich verändert. Die E-Book Leserschaft ist gewachsen, aber die Anzahl der Autoren hat sich vervielfacht. Dazu kommen die Verlage und vor allem Amazon mit seinen Eigenmarken. Gerade Amazon drückt seine Interessen immer stärker durch, die Eigenmarken werden gepuscht, Sichtbarkeit müssen sich Autoren mehr und mehr durch Werbung bei Amazon erkaufen. War es früher möglich, wochenlang auf Top-Plätzen zu sein, werden die Zeiten immer kürzer. Um die Verluste auszugleichen, erhöhen die SP ihren Veröffentlichungsrhythmus. Wer da nicht mithalten kann, dessen Anteil am Markt schrumpft, was dann leicht auf den gesamten Markt übertragen wird.

  3. Hallo Matthias Matting, vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, die Daten zu sammeln und auszuwerten.Ich vertrete die These, dass Vertriebsmodelle, die eine briete Masse an Lesern 8wie z.B. Kindleunlimited) ansprechen, für mich als ein neuer Autor immer unatraktiver wird. Obwohl die Top Autoren mehr verdienen und die Zahl der gelesenen Seiten steigt, wird es immer schwieriger in diesem Markt überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Ich fidne diese Entwicklung aber auch positiv, auch wenn es für mich als auter erstmal mehr Arbeit bedeutet, herauszufinden, wer meine Zielgruppe ist, wo meine Niche liegt und wie ich diesen Markt bedienen kann

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